Tag Archive | "Wut"

In der Kränkung: Mir und nicht dir zuliebe vergeben


Mit “Kränkung” bezeichne ich die emotionale Destabilisierung des Selbstwertgefühls eines Erwachsenen. Auslöser (nicht Ursachen!) für Kränkungen sind zum Beispiel Abgrenzungen, Kritik, Ablehnung und Ignoriertwerden. Solche Auslöser bewirken nicht in jeder Situation eine Kränkung. Zu einer Kränkung kommt es erst, wenn ich das Ereignis als Abwertung meiner selbst interpretiere (s. “Das ist doch völliger Quatsch” oder: Wege zum Frieden). Infolge fühle ich mich als Mensch entwertet bzw. verunsichert. Die Verantwortung für solches Erleben liegt in mir – nicht in dir und deiner Meinungsäußerung.

Dann unterbreche ich den Kontakt zu dir vorübergehend, um mich zu heilen. Das mache ich der Situation entsprechend transparent (s. Streit konstruktiv auflösen). Ich will meine Kränkungsreaktion nicht an dir entladen, sondern mich selbst mit meinen Emotionen wie Scham, Wut, Verachtung und Groll in die Arme schließen. Ich will meine aufgescheuchten Introjekte ent-decken, meine selbstabwertenden (“Ich bin nicht liebenswert”) sowie meine perfektionistischen (“Ich muss mich mehr anstrengen”).

Wenn ich öffentlich darüber spreche, scheine ich manchmal die einzige Person im Raum zu sein, die solche Probleme kennt. Das liegt daran, dass unangenehme Introjekte und Emotionen häufig automatisch ablaufen, unbewusst bleiben und mittels Streit, Kontaktabbruch, Schimpfen, Lästern etc. ausagiert werden. Da mir das in meiner Selbsterfahrungsgeschichte nicht fremd ist, offenbare ich mich hier und da mit meiner Schattenarbeit.

Ich konnte erst heilen, als ich mit dem Ausagieren aufhörte und Verantwortung für meine Gefühle zu übernehmen begann. Wenn ich mir nicht anschaue, welcher wunder Punkt in mir berührt wird und nach Heilung verlangt, trage ich dir im wahrsten Sinne des Wortes etwas nach. Dann bin ich auch Jahre nach dem Vorfall innerlich noch intensiv damit beschäftigt. Dann kette ich mich mit meiner Kränkung an dich. Dann fühle ich mich als abhängiges Opfer und sehe dich als schuldigen Täter.  Ich tue so, als ob ich nicht verantwortlich für mein Gefühlsleben wäre.

Dabei kann ich dir für das danken, was du in mir an Kränkung auslöst. Denn es ist ein Hinweis auf eine unerlöste Schattengestalt in meinem Sein. Mein Schmerz mahnt mich, auch sie ins Licht zu holen. So heile ich dank dir, indem ich die volle Verantwortung für das übernehme, was du in mir auslöst. Du bist einfach jemand, der mich erinnert, mich zu lieben wie ich bin. Und zwar mit allem Drum und Dran. Die natürliche Folge davon ist Vergebung. Vergebung geschieht von allein, sobald ich meinen Schatten in Liebe heimgeholt habe. Vergebung ist nichts anderes als bedingungslose Liebe. Solange ich dir nicht vergeben kann, gibt es in mir noch Verbanntes zu entdecken. Vergebung geschieht von allein, wenn ich meine emotionalen Hausaufgaben gemacht habe. Dann fühle ich mich wieder wohl und frei. Deshalb sage ich: Ich vergebe mir und nicht dir zuliebe.

Simone Meller

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Das wahre Selbst ist kein Ideal-Zustand


Jenseits von Normen und Idealen bin ich

Mein wahres Selbst ist mein unmittelbares Erleben hier und jetzt. Ich bezeichne mit dem wahren Selbst keinen angenehmen Ideal-Zustand, sondern alles, was jeweils in mir ist. Mein wahres Selbst ist keine Finest Selection meiner Lieblingszustände, sondern ein ununterbrochener Fluss wechselnder Zustände. Manche davon sind so unbeschreiblich herrlich, dass die Versuchung naheliegt, sie als das anzustrebend Wahre zu bezeichnen. Doch so verjüngend und strahlend manche zwischenmenschlichen und transzendenten Zustände auch sind, sie sind meiner Erfahrung nach nicht wahrer oder richtiger als andere Zustände.

Mein wahres Selbst gibt es nur in diesem Augenblick – jenseits von Normen und Idealen. Jetzt bin ich. Jetzt bin ich, die ich bin. Auch in Momenten völliger Finsternis. In der Bejahung eines jeden sich gerade in mir ereignenden Zustands bin ich jeweils in meiner vollen Kraft. Mein wahres Selbst ist mein unmittelbares Erleben hier und jetzt. Seine Bejahung erfordert Liebe, ist annehmende Liebe.

Selbstverrat und (Selbst-)Täuschung

Das wahre Selbst wird dort geopfert, wo es nach Liebe verlangt, aber auf Ablehnung stößt. Diese Erfahrung habe ich als Kind gemacht, z.B. wenn ich wütend war, aber auch wenn ich für meine Familie unangenehm klar war. An die Stelle meines abgelehnten wahren Selbst trat das falsche Selbst, eine (Selbst-)Täuschung, um der Ablehnung zu entgehen und Liebe zu ernten. Nur wurde ich ja nicht für das geliebt, was ich war, sondern für das, was ich vorgab zu sein. In diesem kontinuierlichen Selbstverrat vermehrte sich mein Schatten, wuchsen in mir Probleme heran, bis ich mich ihnen als junge Erwachsene zu stellen begann. Ich hatte genug von meinem Leid. Ich begann mich dort zu lieben, wo ich einst in die Verbannung gegangen war. In diesem Leben und in vielen anderen Inkarnationen.

Vom falschen Selbst (Selbstverrat) spreche ich also nur dann, wenn das unmittelbare Erleben verneint und infolge unstimmig gehandelt wird. Sobald ich meinen Selbstverrat erkenne und liebevoll annehme, lebe ich schon wieder mein wahres Selbst. Doch unabhängig davon, wie (un-)stimmig ich jeweils handele, bin ich dank unaufhörlicher Synchronizitäten immer auf meinem Seelenweg. Aus dieser höheren Sicht bin ich nie verloren und verstoßen, sondern immer ein geliebtes göttliches Kind, das sich mit jedem Schritt in neuen Umständen spiegeln darf (s. Von scheinbarer Tragik und ewiger Sicherheit). Das ist eine unglaubliche Geborgenheit, in der das, was wir gerne als “Fehler” bezeichnen, nichts weiter als Erfahrungen sind. Zugleich sind wir als Erwachsene niemals unserer Verantwortung enthoben, denn wir entscheiden immer aufgrund unseres freien Willens.

Es gibt kein objektiv Richtiges oder Falsches. Das jeweils subjektiv Wahre und Stimmige verändert sich von Moment zu Moment. Gestern kann meine Abgrenzung gegenüber einem Seins-Aspekt noch stimmig gewesen sein, während sie heute Selbstverrat wäre, weil die Öffnung meiner Grenze für diesen Seins-Aspekt ansteht.

Kontinuierliche Einladung zum Wachstum

Das wahre Selbst ist also nicht etwas gegenständlich Festes, sondern etwas, das sich fortlaufend im puren Sinne des Wortes ent-wickelt. Es ist etwas, das immer wieder neu und anders ist.  Es ist ein Weg zu mehr Wohlbefinden. Auf diese Weise geschieht Wachstum. Mein wahres Selbst hebt mich Stufe um Stufe empor, ohne dass deshalb die vorherigen Stufen an sich falsch oder weniger wert würden, sie entsprechen mir nur nicht mehr, sind nicht mehr stimmig.

Ich befinde mich in einem ununterbrochenen Häutungsprozess. Keine meiner alten Häute entspricht mir noch, keine davon ist mein wahres Selbst. Doch eine jede von ihnen war einmal für einen kurzen oder langen Moment mein wahres Selbst. Keine Haut war besser oder schlechter als die andere, aber jede war vollkommen. So wie mein wahres Selbst jetzt.

Text: Simone Meller | Foto: bellmers, Pixelio

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dilemma von früh verletzten


ich möchte lernen das echte sprechen
ich möchte lernen das schweigen zu brechen
ich möchte lernen mit menschen verbunden zu sein
ich möchte lernen auf der erde glücklich zu sein
ich möchte lernen in liebe zugewandt
ich möchte lernen an deiner hand!

ich habe angst sprechend zu brechen das schweigen
ich habe angst an mensch und erde gebunden zu sein
ich habe angst an deiner hand zu leiden
ich will liebe ich will heim!

wenn du mich anblickst schau ich fort
mein gefängnis ist hier an diesem ort
wenn du von mir gehst lauf ich dir nach
hörst du mich weinen wenn ich lach’
siehst du tiefer wenn ich wütend bin
erkennst du meiner handlungen sinn?

simone meller

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Von den leisen und lauten Tönen


Als ich einst laute Töne zu sprechen lernte,
da fürchtete ich die Vernichtung.
Nur sanft und leise war mein Sein
und voller Aufopferung.
Heute, da ich die lauten wie die leisen Töne kann
schätze ich beide und ihren Wechsel
so wie das Leben sie bringt.
In dieser Annahme des unstörbaren Rhythmus’
fanden Aufopferung und Vernichtung
heim in den Puls der ewigen Liebe.
Dort wo ich früher kämpfte oder erklärte
bin ich heute still und so sehr in meiner Macht.
Dort wo ich früher ängstlich schwieg
erhebe ich heute das energische Wort.
Nicht immer gefallen meine Worte oder mein Schweigen
doch war ich einst von Gefallen abhängig
bin ich heute frei zu sein die ich bin.
Darin liegt eine Einladung für die die mir begegnen
doch bedarf es im Grunde keiner Einladung
sondern nur Erinnerung zu sein was du bist
Du darfst sprechen oder schweigen
still sein oder laut  – dich freuen oder zürnen
doch bitte sei nicht anders als du wirklich bist.
Ich kann dir nur begegnen wenn du zeigst
was du hier und jetzt in diesem Augenblick
zwischen Himmel und Erde wahrhaftig bist.

Simone Meller


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