Tag Archive | "Verzweiflung"

Meine göttlichen Patienten


Es sind die Seelen, die vor Antritt der Inkarnation das Leid wählen. Es sind Menschen, die sich dem Leid stellen. Beides geschieht um der Erfahrung Willen, um zu lernen und sich zu entwickeln. Dem seelischen Mut entspricht die menschliche Verzweiflung; was das eine vom anderen nur scheinbar trennt, ist die Erinnerung. Dekarnierte Seelen “vergessen”, wie schlimm die Hölle auf Erden sein kann. Inkarnierte Seelen “vergessen” den Plan, für den sie angetreten sind. Jeder Mensch, der meine psychotherapeutische Praxis in Hamburg betritt, berührt mich. Mich berührt die Paarung seines seelischen Muts und seiner menschlichen Verzweiflung. Mich berührt seine Bereitschaft, sich dem Leid zu stellen, den Seelenplan anzunehmen und die Energien zu transformieren. Mich berührt, Zeugin werden zu dürfen, wie er den Himmel auf die Erde holt. Ich ehre in ihm den Gott, der auf die Erde kam, sich planmäßig verirrte und neuen Frieden findet. Ich ehre seine Angst, seinen Mut und seine Fähigkeit zur Liebe, mit der er sich selbst erlöst.

Simone Meller

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Spiritual bypassing: Täuschung, Krise und Chance


Manche Menschen täuschen sich über ihr spirituelles Wachstum, indem sie eine künstliche Trennung zwischen der irdischen Dualität (“unspirituell”) und dem phantastischen Erfahrung der Einheit (“spirituell”) ziehen. Sie entwerten Dualität, denn sie haben ja die wahre Einheit geschaut, die fortan idealisiert wird. Mit anderen Worten: Sie wollen Einheit sein, bevor sie ganz Dualität waren. Sie wollen wesentliche Teile des Menschenspiels überspringen. Sie wollen am Spielziel ankommen, ohne gespielt zu haben.

Spiritual bypassing wird aus Angst vor dem eigenen Schatten betrieben. Dabei ist Schatten nichts anderes als die Herausforderung, in ihm das Licht wiederzuentdecken. Menschen, die wachstumsvermeidend zum himmlischen Licht streben, geben sich mit weniger Licht zufrieden als sie auf der Erde verwirklichen könnten. Sie hemmen sich in ihrer Lebendigkeit. Was könnte da alles an unangenehmen Emotionen und Erinnerungen aufsteigen!  Wie könnten sich die Beziehungen (zu Eltern, Freundinnen, Partner, Kolleginnen etc.) verändern!

Klarheit ist manchmal unbequem, aber Voraussetzung für ein bewussteres und freudvolleres Leben. Niemand erreicht seine Ziele, wenn er sich nicht über sein Hier und Jetzt im Klaren ist. Auch im Navigationssystem muss man seinen Standort eingeben, um den Weg zum Ziel zu finden. Spiritual bypassing ist der Versuch, eine spirituelle Krise zu umschiffen. So unangenehm sich eine Krise auch anfühlt, ist sie doch immer eine Chance zu Wachstum und damit zu mehr Licht.

Wer sich diesen Weg ins Licht nicht traut, konserviert seine dunklen Energien, also seinen Schatten. Über das Resonanzprinzip zieht dieser verborgene Persönlichkeitsanteil passende Situationen auf die Bühne des Lebens (s. Kosmische Gesetze). Der Bypasser glaubt sich dem illusionären Spiel entronnen und verstrickt sich dabei immer tiefer. So wird erklärlich, warum sehr lichtvoll erscheinende Menschen plötzlich zusammenbrechen, schwer erkranken oder überraschend zu Tode kommen. Die Übermacht des Schattens zwingt den Hochmut (der eigentlich eine Verzweiflung ist) eines Tages in die Knie.

Die entstehende Krise ist eine Chance. Denn der Weg ins Licht führt durch die Dunkelheit. Leben darf die Transformation von Dunkelheit meinen. Leben darf Heimfinden in Freude sein. Innerhalb unserer kosmischen Ordnung mit ihren Gesetzmäßigkeiten realisieren wir unsere Spiele. Wir dürfen spielen, was wir wollen. Aber nie entkommen wir den Konsequenzen unseres Handelns. Jeder trägt Verantwortung für sich selbst.

Text: Simone Meller | Foto: Pixelio, Erika K.

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“Ich sehe dein Licht”


Der früh verletzte Mensch (s. Von der Flucht in die Stille) kann sein Leid nicht erzählen. So bleibt ihm nur, seine Bezugspersonen sein Leid erfahren zu lassen. Je mitfühlender und liebevoller man auf einen früh verletzten Menschen ZUGEHT desto aggressiver und verletzender wird er. Er agiert aus, was ihm widerfuhr. Dies geschieht unbewusst. Wäre es ihm bewusst, könnte er darüber sprechen und den Weg des Erzählens gehen. Was nicht bewusst ist, kann nur agiert werden.

Partner, Freundinnen und Therapeuten geben hier meist ihr Bestes, doch oft reicht das nicht. Häufig bedarf es zahlreicher zerschlagener Beziehungen und mehrerer Therapieversuche, um Bewusstwerdung und damit Heilung zu erreichen. Ich möchte zwei Widerstände beschreiben, die gemeistert werden müssen, der eine liegt in der helfenden Person, der andere im früh verletzten Menschen.

Wenn die helfende Person nicht kompromisslos auf Liebe ausgerichtet ist und alle Übertragungen, Projektionen, Verblendungen und Aggressionen in ihr Herz nehmen kann, wird sie zur blind zurückschießenden Mitspielerin in der Wiederaufführung der Traumata. In diesem Inferno verliert sie die eigene Klarheit, die entscheidend für einen heilsam korrigierenden Prozess ist. Das passiert, wenn die helfende Person selbst eine helfende Person bräuchte.

Das Leid des früh verletzten Menschen sprengt jede Beziehung, wenn nicht beide voll und ganz zum Heilungsbündnis entschlossen sind. Keinesfalls bedeutet das, auf die eigenen Grenzen zu verzichten, denn das wäre lieblos sich selbst gegenüber. Es bedeutet, vollständig “Ja” zu mir und “Ja” zum anderen zu sagen und “Nein” zum Leid gegen mich.

Am Anfang war Beziehung. Der Mensch wird am Du zum Ich. – Martin Buber

Der früh verletzte Mensch versucht, mich mit der Kraft der Verzweiflung zu nötigen, mein Fundament der liebevollen Klarheit zu verlassen. Er versucht mich auf subtile und/oder brutale Weise zu provozieren. Damit bin ich bei seinem Widerstand, der sich u.a. darin äußert, dass er Gründe sucht, sich über sein Leiden nicht bewusst werden zu müssen. Wenn es ihm gelänge, mich wie viele andere vor mir auszuschalten, dann müsste er sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Widersteht die helfende Person den zahlreichen Versuchungen, so bleibt ihm nur noch, sich zu stellen. Vergangenheitsauflösung ist kein Selbstzweck, sondern dient einzig und allein dazu, Schmerzen von gestern, die den gegenwärtigen Eintritt in die Freude verhindern, zu transformieren.

Die Gegenwart ist der Kraftpunkt, der Vergangenheit und Zukunft verbindet. Nur im gegenwärtigen Augenblick ist es möglich, unbewältigte Vergangenheit abzuschließen und neue Weichen für die Zukunft zu stellen. – Gerd Ziegler

Ein früh verletzter Mensch weigert sich, diesen Schritt zu gehen, wenn er Angst hat, in der eigenen Dunkelheit unterzugehen. Er hat Angst, noch einmal fallen gelassen zu werden. Und so ist sein Widerstand zugleich die Prüfung der helfenden Person auf Geborgenheit: “Hältst du mich wirklich? Hältst du mich aus? Wirst du zu all der Hässlichkeit in mir stehen?” Während ich diese dunkle Seite nur als einen Teil von ihm sehe (eine spielerische Schöpfung des Lichts), fühlt er sich mit dieser finsteren Energie unbewusst identifiziert. Er kann diesen großen Schatten erst sehen und annehmen, wenn die Identifizierung in eine Arbeit mit Teilen übergeht. Dafür braucht er mich. Deshalb greift er mich an. In meinem modellhaften Umgang damit erreicht ihn Inspiration zur Erlösung seiner selbst.

Selbsterlösung ist nichts anderes als die mannigfach wiederholte Erfahrung, dass alles in uns selbst seinen Ursprung nimmt und auch dort wieder sein Ende findet. Wir sind alles und nichts. Erkenntnis genügt nicht. Wir wollten es erfahren, deshalb sind wir hier.

Genauso genügt auch dem verletzten Menschen nicht das verbale “Ja” der helfenden Person: “Ja, ich werde dich halten, egal, was geschieht.” – Bevor er sich für den Abgrund in sich öffnet, will er überzeugt sein. Sein Abgrund ist der eisigste Tiefpunkt an Dualität und Polarität, das maximal erfahrbare Leid im Menschenspiel (s. Kosmische Gesetze). Nun will er erfahren, dass er in bedingungsloser Herzenswärme gehalten wird, egal, was geschieht. Also überzeugt er sich, indem er um sich schlägt.

Jeder Schlag ist eine verzweifelte Frage. Und jede Hineinnahme in das helfende Herz ist eine heilende Antwort. Sie lautet: “Ja, du verletzt mich. Und ich sehe dein Licht.”

Simone Meller
Foto: Pixelio, Achim Lueckemeyer

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