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Es kommt darauf an, was gerade angemessen ist


Wie oft lese und höre ich Menschen sagen: “Mein Verstand will dies…”, “Mein Herz will das…”, “Mein Ego sagt…”, “Mein inneres Kind…”, “Mein höheres Selbst meint…”, “Der Geizhals in mir…”, “Meine Seele möchte…” etc. Solche Arbeit mit inneren Teilen (“Teilearbeit” nennen wir das in der Psychologie) ist manchmal nützlich, wenn es um die Auflösung innerer Konflikte geht.

Anfänger staunen über die Entdeckung ihrer inneren Pluralität, Fortgeschrittene tüten sorgfältig alles wieder ein und dazwischen ist viel Raum für Entwicklung. Denn so sehr wir uns auch hilfsweise unter-teilen können, so bleiben wir doch die Person, die wir nun mal sind. Ich bejahe vorübergehende Teilearbeit und warne vor dauerhafter Abspaltung, so salbungsvoll freundlich getarnt sie auch daher kommen mag. Dies sei den akut an sich selbst arbeitenden Menschen genau so gesagt wie den von Teilearbeit begeisterten Lebensberatern. So wie nach dem Wort des Paracelsus die Menge das Gift macht, kann eine unangemessen verwendete Methode schädlich wirken.

Das Ziel von Teilearbeit ist die Integration

Teilearbeit sollte immer in Integration münden und nicht im Ausgrenzen des Geizhals, des Verstands und anderer ungeliebter, als Sündenbock fungierender Anteile (die häufig unter “Ego” subsummiert werden). Immer bedarf es eines liebenden Ichs, das alle seine Teile heimholt. Dieses Ich weiß: Ich bin nicht nur dieser und jener Teil. Aber auch dieses und jenes bin ich. Damit hat es den Übergang von einer einschränkenden Identifizierung in eine gesunde und frei schwingende Identität vollzogen. Nur dazu dient ja die Methode der Teilarbeit: Aus der Identifikation mit einem Teil heraustreten, sein freies Ich spüren und damit den ursprünglich behindernden Teil versöhnt integrieren können. Ein solcher Mensch übernimmt Verantwortung für sich selbst und weiß, dass es immer seine eigene Energie ist, die diese und jene Anteile speist.

Erst aus einer solchen gefestigten Persönlichkeit heraus kann das Einheitserleben mit anderen Menschen angestrebt werden, ohne unterwegs kindliche Symbiose, kalten Dogmatismus oder eine spirituelle Krise zu riskieren. Die Einheit muss dann nämlich überhaupt nicht “angestrebt” werden, sondern entsteht auf ganz natürliche Weise von allein. Auch deshalb mag ich so sehr das Zitat des Khalil Gibran von der Seele, die auf allen Pfaden wandelt und wie eine Lotusblume mit zahllosen Blättern wächst.

Es gibt keine Trennung von Ego und Seele

Wir sind herausgefordert zur Flexibilität und Achtsamkeit, zum permanenten Fühlkontakt mit der Frage “Was ist jetzt angemessen?”. So unterstütze ich beispielsweise jene, die einen Unterschied zwischen Ego und Seele zu entdecken beginnen. Und ich konfrontiere solche, die die Einheit von allem preisen, ohne sie in sich zu beschließen. Diesen, die vom bedingungslosen Annehmen reden, während sie im gleichen Atemzug subtil ausschließen, sage ich gern augenzwinkernd: “Zeige mir, wie du Ego und Seele trennst – und ich zeige dir, was du nicht bist.”

Damit rede ich nicht dem grundsätzlichen Abschied von der Teilearbeit das Wort, sondern möchte dafür sensibilisieren, offen für die eigene Entwicklung zu bleiben. Das meint permanentes Loslassen von Konzepten, so sehr sie einem früher auch geholfen haben. Zugleich bedeutet es nicht, grundsätzlich alle Konzepte über Bord zu werfen. Mein hiesiges Plädoyer ist ein energisches “Es kommt darauf an”. Es kommt darauf an, was gerade angemessen ist. Ich möchte dafür werben, die Essenz führen und die Form dienen zu lassen. Mit anderen Worten: Praktiziere deine Teilearbeit, so lange es dir bei deiner Ganzwerdung dient. Höre auf damit, sobald sie dich in deiner Ganzwerdung behindert. Sei achtsam dafür, dass es heute so und morgen anders und übermorgen wieder so, nur anders sein kann.

Einverleibung erfolgt jenseits von Diät und Völlerei

Wir entwickeln uns nicht linear, sondern spiralförmig aufwärts. Wir durchlaufen Wachstumskreise, innerhalb derer wir uns schrittweise auf höhere Bewusstseinsebenen schwingen. Da gibt es Tage, an denen ich mit mir selbst Teilearbeit praktiziere, und Tage, an denen ich nicht einmal weiß, wie man Teilearbeit buchstabiert. Ich beuge mich demütig meinem Prozess.

Ich begleite Menschen also nicht beim Abspecken ihres Ichs, indem sie sich trickreich zerlegen und dabei heimlich von immer mehr Teilen trennen dürfen. Solche perfektionistisch motivierten Diätversuche sind nichts als eine Gegenbewegung zur in Status und Prestige verhafteten Völlerei.  Zwischen diesen Extremen gibt es einen Weg der Mitte. Jenseits von Diät und Völlerei unterstütze ich Menschen beim Einverleiben von allem, was ihnen begegnet.  Damit diese Einverleibung nicht zu tatsächlichem Übergewicht führt, empfehle ich die Hineinnahme in das Herz als einen allverbundenen, inneren Ort der Liebe (s. Als das Pferd die Katze zu essen begann). Je öfter wir diesen Prozess durchlaufen, desto mehr werden wir zu dem Herz, von dem Khalil Gibran so beschwörend einfach spricht:

… stellt euch ein Herz vor, das all eure Herzen enthält, eine Liebe, die all eure Liebe umfasst, einen Geist, in dem sich der Geist eines jeden von euch wiederfindet, eine Stimme, die all eure Stimmen in sich vereint, und ein Schweigen, das tiefer ist als das eure und zudem zeitlos und ewig.

Wie könntest du auch nur einem einzigen Teil von dir diese bergende Erfahrung vorenthalten? Doch selbst wenn du es versuchtest, wäre er geborgen. Denn kein Teil von dir und keiner deiner Wege liegt außerhalb des Göttlichen oder des persönlich Seelischen. Alles ist eine Manifestation aus ein- und derselben Quelle. Ob du dich zerteilst oder nicht – immer bist du in dem Einen geborgen. Du wählst nur, wie sehr du es fühlst. Darauf wollte ich hinweisen.

Simone Meller

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Späte Mitteilung


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Der Teil von mir
mit dem du nichts anfangen kannst
der dich überfordert
und der dich ängstigt
weil du dein Fühlen klein hältst
um nicht alles spüren zu müssen
was zu deinem Leben gehört

Diesen Teil von mir
den opferte ich einst
versteckte ihn vor dir
und damit letztlich auch vor mir
Ich war das
was du brauchtest
und getrennt von meiner Kraft

Dieser Teil von mir
den du gerne kleiner hättest
der größer ist als alles
was ich dir und mir bisher war
der mein größtes Geschenk ist
an dich an mich
da gibt es keinen Unterschied

Dieser überwiegende Teil von mir
ist ein Geschenk
denn er ist der Teil von dir
den du vergessen hast
wie einen Koffer während der Reise
Du musst ihn nicht holen nicht öffnen
Aber mein Sein erinnert dich

Simone Meller
Foto: Pixelio, Clara Diercks
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Das Ungeliebte achtsam tun


Mystischer_ZeltplatzWenn ich etwas Notwendiges nicht gerne erledige (z.B. eine unangenehme Büro- oder Hausarbeit oder ein schwieriges Gespräch), bemühe ich mich, es achtsam zu tun. Obwohl ein Teil in mir am liebsten sofort wieder weglaufen oder es schnell schnell, ohne richtig dabei zu sein, tun würde, mache ich es bewusst langsam. Ich nehme mir Zeit zu spüren, was diese Handlung in mir aktiviert und nehme dies beschreibend zur Kenntnis: “Ah ja, da ist die Angst, dass… Oho, da meldet sich das rebellische Kind… Aha, da sind Reste von Perfektionismus am Werk…” Indem ich ganz bei der Sache bin, bin ich auch ganz bei mir und diesen inneren Anteilen, die darauf warten, endlich liebevoll angenommen zu werden. Dadurch geschieht von ganz allein Transformation.

Ein solch achtsame Haltung ermöglicht Selbstverwirklichung in jedem Augenblick. Denn nur indem ich realisiere, was gerade in mir ist, kann ich ihm durch mein Handeln entsprechen. Achtsamkeit ist die einfachste Form von Meditation, die zudem alltagstauglich ist: Sie kommt ohne Hilfsmittel und ohne Aufsuchen bestimmter Orte aus. Sie wirkt, indem ich im Kontakt zur lebendigen Gegenwart bleibe. Jeder Mensch kann im Zustand der Achtsamkeit wesentlich mehr sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen und intuitiv Informationen empfangen, die über das Alltagsbewusstsein hinausgehen. Indem wir wahrnehmen und zulassen, was ist, geschieht Wandlung. Auch beim Geschirrwaschen und im Konflikt mit anderen.

Etwas Notwendiges nicht tun zu wollen, bedeutet nicht da sein zu wollen – weil es aus irgendwelchen Gründen unangenehm ist. Ich blockiere meinen Prozess, wenn ich mich gegen meine Wahrnehmung und mein jetziges Sein wehre. Merke ich dies, ist der erste Schritt die liebevolle Annahme  des Unangenehmen. Als nächstes frage ich mich: “Wie kann ich es tun, damit es für mich so angenehm wie möglich wird?” Es gibt immer eine Antwort.

Text. Simone Meller, Foto: Iris Strang

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