Tag Archive | "Systemimmanenz"

Das Ego von Erleuchteten


Wer steuert das Ego von Erleuchteten?

Unbekannt

Im Spätsommer wurde mit dieser Frage via Suchmaschine meine Website gefunden. Die Frage offenbart das Prämissensystem des Suchenden und seine Bereitschaft, über dasselbige hinauszuwachsen. Selten fand ich das Charakteristische für menschliche Erkenntnisprozesse so prägnant auf den Punkt gebracht wie in dieser kurzen Frage. Knackig, oder?

Vielleicht hast auch du Lust, innerlich ein bisschen damit zu spielen, systemimmanent auf die Frage zu antworten. Also so zu antworten, dass du dich einerseits im Bezugssystem des Fragenden bewegst und andererseits dir selbst treu bleibst! Ich finde das an diesem Beispiel besonders reizvoll – und schwer… Da wusste die Suchmaschine mehr als ich.

Falls du Gefallen an dem Spiel findest, wäre hier noch die Frage eines kleinen Jungen zu beantworten, nämlich wie man eine Erde macht

Simone Meller

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Über das allmähliche Sterben von Kampf und Konkurrenz


Mangels Liebe nach Anerkennung streben

Konkurrenz kann nur dort bestehen, wo noch kein Bewusstsein über die Vollkommenheit eines jeden existiert. Konkurrenz endet dort, wo solches Bewusstsein von Volllkommenheit die Führung übernimmt. In diesem Bewusstsein stirbt der Kampf um Anerkennung. Anerkennung war/ist ein mehr oder weniger hart zu erarbeitendes Surrogat für fehlende Liebe. Im Bewusstsein der Vollkommenheit ist klar, dass Liebe nicht durch Leistung gewonnen werden muss, ja dass im Wetteifern das Geschenk der allgegenwärtigen Liebe verpasst wird. Das Schöne daran ist für mich, dass dies nicht nur eine trockene Erkenntnis ist, sondern ich erfahren darf, wie sich dadurch mein Dasein fundamental verändert (hat). So vieles in meinem privaten und beruflichen Leben ist bereits leichter geworden. Und jeden Tag stoße ich mir den Kopf an übrigen Blockaden, von denen jede einzelne mich darauf hinweist, dass ich mich noch mehr von Liebe ernähren darf.

Ich meine das völlig praktisch. Denn ich übe das hier Gesagte am Umgang mit Geld. Ich verdiene mein Geld mit Liebe und ich gebe es in Liebe aus. Dadurch ist immer genug da. Ich erinnere mich an Zeiten des Mangels: Da verdiente ich mein Geld aus Angst vor Mangel mit unstimmigen Tätigkeiten. So war ich zeitlich und energetisch belegt für stimmige Aufgaben Ich hatte die Hände nicht frei und war oft erschöpft. Zudem hatte ich in der Angst vor Mangel Schwierigkeiten, mir von meinem Geld das zu gönnen, was mein Wohl befördert und mir in der daraus erwachsenen Stärke herzensaufrichtiges Arbeiten erleichtert hätte.

Zuerst motivierte mich mein Leid, später meine Unfähigkeit zu leiden

Der hier beschriebene Wandel war kein Umschaltprozess von einem Tag auf den anderen, sondern erstreckte sich über mehrere Jahre.  Affirmationen haben mich zwar inspiriert, aber ich habe mit ihnen nicht mein wahres (Mangel-)Denken und Fühlen übertüncht. Das wäre Verdrängung und damit Vermehrung des Schattens gewesen. Ich habe meinen Mangel erlebt und gespürt, dass ich nicht mehr leiden will. So war mein Leid gewissermaßen meine spirituelle Peristaltik, die mich Stück für Stück nach vorne schob. Es war Transformation von einem Tag zum nächsten und zum nächsten und zum nächsten. Und wie bereits gesagt, die Transformation hält weiterhin an. Je weiter ich komme, desto mehr entdecke ich von dem, was mein Leben nicht berühren würde, säße ich noch innerhalb meiner alten Sicherheitszäune. Viele meiner neuen Ängste kann ich nur spüren, weil ich überhaupt erst zu dieser Weite vorgedrungen bin, in der  sie auftauchen, um erlöst zu werden.

Dieses Prinzip der Transformation (bzw. Selbsterlösung) mache ich seit 10 Jahren auf verschiedenen Wegen transparent, im Privaten wie im Beruflichen. Es ist kein Geheimnis, sondern etwas, was jeder jederzeit tun kann, nämlich sein Ungeliebtes ins Licht lassen und dem Wandel durch bedingungslos annehmende Liebe zu vertrauen. Es ist also mehr Sein als Tun, dennoch bedarf es eines Entschlusses dazu. Oft wurde ich nicht verstanden (“Und das funktioniert??”), und ich verstand nicht die Schwierigkeit derjenigen, die in ihren Blockaden stecken blieben. Aus dieser konstruktiven Reibung entstand zum einen wachsende Klarheit über das, was ich tat, und wie ich andere durch gemeinsam Erfahrung unterstützen konnte. Zum anderen gelangte ich zur Erkenntnis, dass ich in der Anwendung des Transformationsprinzip oft nur konsequenter war als mein Umfeld. Ich setze meine Prioritäten einfach anders! Zwar bin ich bis heute nicht frei von Trägheit, Ablenkung, Prokrastination etc., aber vergleichsweise intolerant in Bezug auf wahrgenommene Unstimmigkeiten und Schmerzen in meinem Leben. Es gibt einen Point of no Return, an dem ich nicht mehr anders kann, als mit dem Transformieren zu beginnen. Und je mehr Erlösung ich im Laufe der Jahre fand, desto leidensunfähiger wurde ich, desto früher stellte sich der Point of no Return ein. Warum sollte ich leiden, wenn ich doch in der Lage war meinen Schatten zu erlösen?

Den Weg zu Ende gehen

“Simone ist die, die den Weg zu Ende geht” heißt es zu meinem Namen für diese Inkarnation. Die darin zum Ausdruck gebrachte Konsequentheit trifft mein Fühlen: Ich bin nicht besser im Transformieren als andere, sondern ich kann nicht anders, als mein täglich neu daherkommendes Dunkles ins Herz zu nehmen. Das ist meine Bestimmung, der ich folge. Es gab Jahre, in denen mir der irdische Preis dafür teuer erschien: Denn immer wieder hatte ich Menschen loszulassen, die sich aus ihrer eigenen Bestimmung heraus an meiner Konsequenz stießen und an der nächsten Kreuzung eine andere Richung als ich wählten. Im Loslassen all dieser Menschen lernte ich, wie sehr bedingungslose Liebe frei gibt, was längst frei ist. Je öfter ich den Zyklus von Begegnung und Abschied durchlief, desto mehr begriff ich, dass ich nicht teuer bezahlte, sondern im Gegenteil das schier Phantastische empfing: Nämlich voll und ganz meiner Bestimmung folgen, aus Herzenslust mich selbst leben zu dürfen und dabei immer von perfekt resonanten Menschen umgeben zu sein. Indem ich meine Vorstellung von äußerer Konstanz losließ, empfing ich innere Fülle, die sich nach außen auszudehnen begann. So verstand ich den Unterschied zwischen Essenz und Form. Der unaufhörliche Wandel der Formen klärte meinen Blick für die Essenz und lässt mein Leben bis heute immer zwangloser werden.

Nicht immer bin ich sofort einverstanden mit dem ständigen Wandel, manchmal strapaziert mich das Zerbrechen des Alten und das Ringen nach dem Neuen. Gelegentlich weiß ich in sozialen Situationen nicht zu antworten, nämlich wenn Struktur und Begriffe der Frage nicht mehr meinem Sein entsprechen. Ich lernte zu antworten, wie es mir entspricht und zwar systemimmanent, also in Struktur und Begrifflichkeit des Fragenden! Welch ein Paradox! Und welch ein Fortschritt: Denn war es mir einst, als nicht hinreichend geliebtes und um Anerkennung kämpfendes Wesen, unerträglich, falsch verstanden bzw. nicht gesehen zu werden, wie ich wirklich bin, gehört es heute zu meinem täglichen Dasein, kampflos die Verkennung zuzulassen, wie sie meinem Gegenüber eben dient. Er spiegelt sich in mir. Das kann ich ihm doch lassen und mir zugleich meiner selbst gewiss sein (s. herzoffene Unterscheidung). Ich erkannte, dass ich im Kampflosen  (meine neue Spiegelung der einstigen “Verkennungs-”Situation) vielmehr die bin, ich wirklich bin, als im Kampf um die Anerkennung (alte Spiegelung) eines sowieso unkontrollierbaren Gegenübers. Damit diente jede schmerzliche Verkennung insofern auch mir, wie sie zu der hier geschilderten Entwicklung und Erkenntnis beitrug.

Vom Kampf zur friedfertigen Selbsttreue

Das einzige, was ich steuern kann, ist mein Bewusstsein. Und selbst dort bedarf es einer gewissen Absichtslosigkeit, die den Wandel der Formen erleichtert und vertrauensvoll nimmt, was gerade ist. Und dann wiederum, nach so viel Erkenntnis und Erlösung, gibt es die Momente, in denen es Selbstverrat wäre, nicht mit einer Klage aufzubegehren gegen das gefühlte Unrecht einer Behörde oder nicht zu beharren in einem Beziehungskonflikt auf der subjektiven Wahrheit. Doch geschieht auch solche Selbstbehauptung in dem Maße kampffreier, wie ich mir unseres dadurch zum Audruck gebrachten Spielzuges gewahr werde. Dann nehme ich meine Rolle an, ohne mich in ihr zu verheddern. Dann trete ich ein für mein Recht, ohne am Unrecht zu zerbrechen. Dann sage ich aufrichtig meine Meinung, ohne auf ihre Bestätigung angewiesen zu sein. Dann vertrete ich mich, wie ich aber auch mein Gegenüber vertreten könnte, und bleibe mir dennoch treu.

In dieser Selbsttreue bin ich nicht kämpferisch, sondern friedfertig. Doch werde ich das, was ich heute als “friedfertiger” erlebe, schon morgen als “noch kampfesbereit” bezeichnen. Denn so ist mein sich in der Polarität entwickelndes Leben: ein permanenter Widerspruch, an dem ich die Einheit von allem erfahren darf. Heute ist besser als gestern. Und morgen wird es besser als gestern sein. Aber jetzt ist es unverbesserlich vollkommen. So stehe ich weder in Konkurrenz mit mir selbst noch mit anderen. Denn immer gibt es genug Liebe hier und jetzt. Sofern ich diesen Schritt im Bewusstsein vollziehe. Wieder und wieder neu.

Text: Simone Meller | Fotos: Marco Wessels & Joujou, Pixelio

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Erleuchtungsfalle: Identifikation mit dem Nichts


Nicht meine strahlendste transpersonale Erfahrung hebt mich empor, sondern meine Bereitschaft trotz des Geschauten so sehr Mensch zu sein, das alles, was mir widerfährt, Platz in meinem Herzen findet.

Vor einigen Wochen schrieb ich darüber, dass auch die Erfahrung des Nichts nicht zu vergegenständlichen, sondern loszulassen ist, um offen zu bleiben für alle Varianten des Seins (s. Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung). Jede aufgrund einer transpersonalen Erfahrung formulierte Erkenntnis ist nichts weiter als eine vorübergehende Bezeichnung für etwas Unfassbares, dessen Zipfel das personale Bewusstsein gestreift hat.

Verliebt in das Nichts

Wenn man aber etwas so Schönes geschaut hat wie das Nichts, in dem sich alles einfaltet, um im nächsten Moment voller Anmut wieder aufzuerstehen, so kann das Loslassen dieser Erfahrung genauso schwer fallen wie das Loslassen einer vergangenen Liebesbeziehung. Jeder, der mit dem Nichts identifiziert ist, wird diesen Vergleich entrüstet von sich weisen, und ich kann das nachfühlen. Nonduale Erfahrungen sind so ergreifend, dass in ihrem Angesicht alles bisher Geschaute und Erlebte verblasst. So etwas Phantastisches darf nicht vergehen, sondern muss gehalten werden. Wer sich an seinen ersten Liebeskummer erinnert, wird die Ähnlichkeit beider Zustände erkennen. Wie kann DAS vorbei sein! Mit zunehmender Reife wachsen eben auch die Herausforderungen. Konnten wir früher den geliebten Partner nicht loslassen, so ergeht uns das heute  ähnlich mit Erfahrungen im transzendenten Raum.

Bei Dr. Harald Piron las ich die Tage, dass im Buddhismus das Phänomen der Anhaftung am Nichts bekannt ist:

Manche Buddhisten verlieben sich in das Konzept der Leerheit, d.h. sie schaffen es nicht, die Medizin bloß als Medizin zu betrachten. Meditation über Leerheit ist ein Gegenmittel gegen Anhaften. Wenn jemand jedoch das Leben vermeidet, also Gefühle, Verbindlichkeiten, Risiken und alles, was zum menschlichen Leben normalerweise dazu gehört, wäre die Meditation der Leere vielleicht eher eine Flucht und daher kontraindiziert. Im Vajrayana-Buddhismus ist die Gefahr der Konzeptionalisierung von Leere und die Identifikation damit durchaus bekannt. Daher wird auch von der Leere der Leere gesprochen. Am Ende geht es darum, auch die Leere als Konzept wegzuwerfen. Nicht umsonst heißt es im Herzsutra der Prajnaparamita-Sammlung: “Form ist Leere und Leere ist Form.”

Gelingt diese Desidentifikation nicht, kommt es zu einer mehr oder weniger stark ausgesprägten spirituellen Krise. Wir erleben dann Menschen, die permanent vom Nichts reden, auch wenn es gerade nicht darum geht. Anstatt sich auf das einzulassen, was gerade ist, fegen sie kurzerhand alles vom Tisch und wirken dabei ungewollt herablassend, kalt, verächtlich und zynisch. Mit diesen Menschen ist es herausfordernd ein bezogenes Gespräch von Herz zu Herz zu führen, weil sie der Meinung sind, dass das, wovon man gerade betroffen ist (sei es Ärger, Krankheit oder Begeisterung) überhaupt nicht gibt. Doch der mit dem Nichts identifizierte hält nur scheinbar ein Allheilmittel in der Hand. Tatsächlich erfährt er mit seinem missionarisch vor sich hergetragenen Nichts zunehmend Streit, Kommunikations- und Beziehungsstörungen. Es kommt also der Moment, in dem es darum geht, die vermeintlich überlegene Lehrerrolle abzulegen und sich wieder auf sein Gegenüber einzulassen.

Das wahre Sein ist jetzt

Für viele, die das Nichts gesehen haben, ist es das wahre Sein. Diese Bezeichnung kann ich nachvollziehen, weil die Erfahrung so ergreifend ist. Und doch ist es nur eine Erfahrung von vielen, die wir täglich machen dürfen und dazu zählen eben auch die alltäglichen. Für mich ist all das wahres Sein, was jetzt ist. Ich bin hungrig, müde, wütend, freudig, aufgeregt etc.. Das alles sind duale und höchst personale Zustände, die wir gelegentlich oder immer öfter erlöst im Nichts verschwinden sehen. Doch solange das Nichts gerade nicht da ist, ist das die Wahrheit des Moments. Wer diese Wahrheit nicht wahrhaben will und krampfhaft durch Reden vom Nichts zu überlagern versucht, gerät in etwas Künstliches und letztlich auch Finsteres. Er leugnet Teile seiner selbst.

Dazu ein Beispiel: Wenn ich traurig bin, ist das meine gegenwärtige Wahrheit. Lasse ich mich liebevoll darauf ein, also ohne ins Drama zu fallen und ohne mich abzulenken, geschieht in völliger Leichtigkeit eine Wandlung, die meinem höchsten Wohl dient. Wenn ich bin, was ich bin, also zu dem stehe, was ich bin, bin ich in meiner vollen Kraft. Kann ich jedoch nicht dazu stehen, weil es nicht zu meinem Selbstkonzept passt (z.B. weil es mir für meinen Erkenntnisstand unwürdig erscheint, also letztlich peinlich ist), dann leugne ich es. Dies ein neurotisches und weit verbreitetes Prinzip. Meistens handelt es sich um Zustände, in denen wir als Kinder zu wenig bedingungslose Annahme erfahren haben und uns mit diesem Mangel an Liebe identifizieren. Kann ich mich also in meiner Traurigkeit nicht selbst annehmen, finde ich Wege, das unangenehme Gefühl zu übergehen. Dies um so leichter, wenn ich postuliere, dass es mich und das Gefühl nicht gibt. Ich glaube mich aus dem Schneider, doch tatsächlich setzte ich Verdrängungsmechanismen in Gang, über die ich bereits unter dem Stichwort Spiritual Bypassing (z.B. Von der Schwierigkeit, auf der Erde zu SEIN) geschrieben habe.

Wohl gemerkt: Nicht die tatsächliche Erfahrung des Nichts ist problematisch, sondern die Identifikation mit dem Nichts in Momenten, in denen es darum geht,  man selbst zu sein. Die anstehende Selbsterfahrung, beispielsweise die Traurigkeit, wird unterdrückt zugunsten des bevorzugten Selbstideals (nämlicht nicht mehr personal, sondern nondual sein zu wollen). Damit wird anstelle der eigenen lebendigen Kraft ein künstlicher Zustand gewählt, der aber nicht nur mit zwischenmenschlichen Problemen, sondern auch mit psychischen Störungen und körperlichen Erkrankungen einhergehen kann. Aus mechanistischer Perspektive ist diese Konsequenz nicht nachvollziehbar, jedoch in einem ganzheitlichen Weltbild, in dem Gesundheit und Krankheit als komplementäre Seins-Zustände von Ganzheit (analog dem Welle-Teilchen-Dualismus von Licht) aufgefasst werden.

Die Tragik der Krise

Ich komme nun zu der Tragik dieser Art von spiritueller Krise. In gewisser Weise verweist der mit dem Nichts Identifzierte  auf einen wichtigen Punkt. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrung stellt es sich auch für mich so dar, dass unser gesamtes Weltliches einschließlich des geistigen Reichs ein unglaubliches Spiel von Illusionen ist, in dem sich die Quelle erfährt. Nur bedeutet das für mich nicht, mit dem Rasenmäher durch sämtliche Lebensbereiche zu fuhrwerken, sondern jede Erfahrung, die mein Leben bereit hält, mutig, demütig und dankbar auszukosten.

Es geht darum, um das Spiel zu wissen und es zugleich ernst zu nehmen. Es geht darum, das dem Tod anheim gegebene zu leben.
aus: Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung

Wer das Nichts schaute und mit dieser Erfahrung zurück in den Alltag kehrt, hat die Chance, anders zu sehen und zu handeln als zuvor. Er kann in den Herausforderungen des Alltags die Einheit durchschimmern sehen. Er kann in Konflikten plötzlich anders fühlen und agieren, ohne sich dabei selbst zu verbiegen, weil sich in ihm etwas grundlegendes gewandelt hat. Er findet Gelassenheit und erinnert sich immer öfter daran, dass er nicht anhaften muss. Doch bei alledem gilt: Er lebt, was zu leben ist. Er erfährt das Leben gerade angesichts des Nichts als Geschenk und nicht als Demütigung oder spirituelles Nachsitzen.

Um diesen authentischen Schritt bringt sich der, der sich ins Nichts verliebte, weil er nun das banale Leben nicht mehr lieben kann. Es erscheint ihm unter seinem Niveau. Emsig bemüht er sich, andere von seiner Erkenntnis zu überzeugen. So drängt er seine Gedanken auf, wo einfach nur menschliches Miteinander und gemeinsames Verstehen von Augenblick zu Augenblick gefragt sind. In zwanghafter Weise nötigt er sich und andere zum Meditieren, um die Erfahrung des Nichts zu wiederholen, anstatt einfach zuzulassen, was gerade wirklich ist. Begleite ich Menschen dabei, weil systemimmanentes Vorgehen zu meiner Arbeit gehört, so erfahre ich mit ihnen einen Zustand, in dem scheinbar nichts mehr ist. Doch weil sich dieser Zustand im Gegensatz zum ewigen Nichts kalt, leblos und gehalten anfühlt, während ich Informationen empfange, was mein Gegenüber gerade unterdrück, nenne ich ihn Pseudo-Nichts. Es ist nicht nichts, sondern jede Menge los, was er nicht fühlen will. Damit stelle ich seine bisherigen nondualen Erfahrungen nicht in Abrede, sondern merke lediglich an, dass er in Momenten unbewusster Emotionalität das eine noch nicht vom anderen differenzieren kann. Vielmehr fasst er dieses Pseudo-Nichts blindlings als Bestätigung dafür auf, dass sich jederzeit alles Menschliche in Nichts wandeln lasse. Während er dies glaubt und munter praktiziert, wächst der eigene Schatten und mit ihm die Fallhöhe. Denn der Tag, an dem die Verblendung nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, wird kommen.

Doch bis dahin wird jeder, der daran kratzt, in die Rolle des spirituellen Schülers verwiesen, der nur noch nicht verstanden hat, dass er nicht existiert. Der Moment der Ent-Täuschung wird so lange wie möglich hinausgezögert. Ich empfinde Mitgefühl für diese Taktik. Denn der, der permanent die Illusion des Lebens niederreißen will, hat dafür gute psychodynamische Gründe und steuert im besten Falle auf eine handfeste Desillusionierung zu. Und das tut weh. Im ungünstigen Falle wähnt er sich dauerhaft als erleuchtet. Piron schreibt dazu:

Die Betroffenen begeben sich höchst selten in psychotherapeutische Behandlung. Häufiger sind es ihre Opfer, die mit solchen Menschen in irgendeiner Art von Beziehung standen oder von ihnen in eine Schülerrolle gedrückt werden.

Transzendenz kann erschüttern

Das hier geschilderte ist nur ein Beispiel von vielen dafür, wie transpersonale Erfahrungen zu spirituellen Krisen führen können. Transzendente Erlebnisse können eben nicht nur erhellen, sondern auch erschüttern. Nicht immer folgt daraus eine Verwirrung der beschriebenen Art, sondern nur dann, wenn aufgrund mangelnder Schattenarbeit eine psychische Instabilität besteht. Ken Wilber hat gesagt:

Aus einem Neurotiker, der meditiert, wird bestenfalls ein erleuchteter Neurotiker.

Menschen in spirituellen Krisen sind bei transpersonal arbeitenden Psychotherapeuten gut aufgehoben. Psychotherapeutinnen mit spiritueller Selbsterfahrung pathologisieren transzendente Phänomene nicht als Halluzination, sondern ermutigen, diese Erfahrung in den Alltag zu integrieren. Viele Lebensberaterinnen und spirituelle Lehrer, die ihre eigene Schattenarbeit geleistet haben und neurotische Ablenkungsmanöver durchschauen, sind ebenfalls kompetent. Transzendenz ist eine natürliche und prinzipiell ungefährliche Erfahrung. Misslingt jedoch ihre Integration in das Alltagsbewusstsein kann es zu Verwirrungen und Problemen kommen, die nicht nur menschlich, sondern allesamt lösbar sind! Denn daran erinnert uns die Erfahrung des Nichts: Es gibt nichts, an dem wir zu haften hätten.

Text: Simone Meller | Foto: Rainer Sturm, Pixelio

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