Tag Archive | "Selbstbestimmung"

Zähne zeigen – auch beim Zahnarzt


Als ich wieder einmal gegen zahnärztlichen Rat handelte und in mir jene angstauslösenden Argumente nachhallten, denen ich aber nicht meine Intuition unterordnen wollte, dachte ich: Es bräuchte ein Zahn-Forum der Hoffnung, in dem Menschen sich gegenseitig mit ihren Erfahrungsberichten unterstützen.

“Karies heilen” tippte ich in die Suchmaschine und entdeckte die deutschsprachige Version dieser Website Healing Teeth Naturally, auf der ich einige meiner (Heilungs-)Erfahrungen wiederfinden konnte. Ach, das tat gut! Natürlich ersparte mir die Lektüre nicht meine seelische Schattenrbeit und die Erlösung zugehöriger emotionaler Themen, aber ich konnte Bestätigung daraus ziehen.

Weil ich meine eigenen Zähne nicht im 360° Grad Panorama betrachten kann, lasse ich sie regelmäßig untersuchen und mir sogenannte kritische Stellen (z.B. alte Füllungen und andere Verdachtsmomente) im Handspiegel zeigen. Dann erfolgt eine Abwägung: Ich höre mir die fachliche Einschätzung an, gleiche sie mit meiner Wahrnehmung ab und lausche in mein Herz: Stehe ich so weit in meiner Schöpferkraft, allen Themen dieser Baustelle heilend zu begegnen? Wenn nein, würde ich mit der Ablehnung einer konservativen Behandlung meinen Zahn riskieren. Wenn ja, würde ich mit der Zustimmung einer konservativen Behandlung eine Körperverletzung begehen. Für diesen Klärungsprozess nehme ich mir gerne mehrere Tage Zeit. Ich folge dem ersten klaren (!) Impuls. Vor kurzem erbrachte das erlaubte Bohren an einer Stelle ein klares Nein für fünf weitere Stellen. In dieser Festigkeit bleibe ich offen für meinen mir unbekannten Entwicklungsprozess.

Der Zahnarztpraxis kommuniziere ich meine Entscheidung insoweit, wie es innerhalb unserer unterschiedlichen Paradigmen möglich ist. Ich muss nicht verstanden werden, wenn ich von meinem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch mache. Ich entscheide, wer wann und wo in meinen Körper eindringt. Zähne zeigen – auch beim Zahnarzt! Zurück bleiben gemischte Gefühle auf beiden Seiten; das sind dann meine Hausaufgaben, zumindest was meinen Anteil anbelangt.

Ich bin froh, dass es Zahnärzte gibt. Sie haben zum Erhalt und zur ästhetischen Wiederherstellung meiner Zähne beigetragen, als andere Wege nicht möglich waren. In der Interaktion mit ihnen und meinen Zähnen habe ich sehr viel gelernt. Ich bin froh, experimentieren zu dürfen und im Hintergrund für den Fall der Fälle eine moderne Zahmedizin zu wissen. Die Zahmedizin und mein Eigensinn stammen aus ein- und derselben Quelle. Das möchte ich betonen, genauso wie die Gefahr von Verdrängung und Selbstschädigung durch Missachtung ärztlichen Rates. Auf meinen Haftungsausschluss sei hiermit verwiesen. Ich trage Verantwortung für mich und du für dich.

Text: Simone Meller | Foto: Viktor Mildenberger

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Selbstverwirklichung als triadisches Konzept in der Gesundheitspsychologie. Eine integrative und ganzheitliche Perspektive auf Persönlichkeit und Salutogenese.


Vorbemerkung: Ich veröffentliche hier die bislang kürzeste Zusammenfassung meiner Dissertation, wie sie 2008 für das Handout eines wissenschaftlichen Kurzvortrags an der Universität Hamburg entstanden ist. Die zugehörige Buchveröffentlichung kann portofrei als Hardcover (451 Seiten) oder als E-Book direkt beim Verlag bestellt werden. Inhaltsverzeichnis, Abstract, Einführungskapitel und einige weitere Leseproben finden sich hier.

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Theoriebildung anhand von 5 Thesen

  1. Der Mensch gilt dann als gesund, wenn er funktioniert. Diese mechanistische Sichtweise in Verbindung mit dem traditionellen Leib-Seele-Dualismus hat die Gesund­heits­psychologie bislang wirksam behindert: Die Idee eines engen Zu­sam­men­hangs zwischen Persön­lichkeit und Gesundheit lässt sich empirisch nicht nach­weisen.

  2. Die Quantentheorie beschreibt präzise Konzepte von materiel­ler Ganzheit (Einheit, Ungeteiltheit, Komplementariät) jenseits von Beliebigkeit und Phra­senhaftigkeit und führt auf er­kennt­nistheoretischem Wege die cartesianische Trennung von Geist und Materie ad ab­sur­dum. Geist und Materie sind gemeinsamen Ursprungs, so dass in unserem Alltag die Prin­­zipien Kausalität und Nichtlokalität (EPR-Korrelation, Synchronizität) wirk­­sam sind.

  3. Gesundheit und Krankheit stellen komplementäre Seins-Formen von persönlicher Ganzheit dar. Gesundheit meint im Idealzustand ein vollständiges geistig-körperliches Wohlbefinden, zunehmende Krankheitsanteile gehen mit wachsendem Unwohlsein einher. Menschen sind zu jedem Zeitpunkt mehr oder weniger gesund bzw. krank.

  4. Selbstverwirklichung als triadisches Konzept bedeutet Selbstbestimmung unter perma­nenter Bezugnahme auf Prozesse der Selbstwerdung (sein wahres Selbst zulassen) und Selbstrealisie­rung (sein wahres Selbst im alltäglichen Handeln berücksichtigen). Komple­men­tär dazu be­steht Selbstentfremdung in selbstbestimmten Akten der Selbst­ver­ken­nung und Selbstverleug­nung.

  5. Selbstverwirklichung geht mit Salutogenese einher, Selbstentfremdung mit Pathogenese: Kausal bedingte Akte von Selbstver­wirk­li­chung sind durch EPR-Korrela­tionen instantan mit Mikro-Zeichen von Gesundheit ver­bun­den und Akte von Selbstent­fremdung mit Mikro-Zeichen von Krankheit. Die Akku­mu­lierung solcher Mikro-Zeichen erklärt Prozesse von Heilung und Erkrankung.

Simone Meller

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Kann ein Sein wahrer als das andere sein?


Ich bereite meinen Vortrag “Salutogenese durch Selbstverwirklichung. Ein Paradigmenwechsel mit (Er-)Folgen.” für den Alchimedus-Inspirationstag in Nürnberg vor. Eine der Hauptschwierigkeiten meiner Dissertation war, Selbstverwirklichung so zu konzipieren, dass es von Rücksichtslosigkeit, Egomanie etc. nicht nur fühlbar, sondern rational abgrenzbar ist. Zur Unterscheidung verwende ich das Konzept vom wahren Selbst. Selbstbestimmung lässt sich nur dann als Selbstverwirklichung bezeichnen, wenn sie sich am wahren Selbst orientiert. Die Orientierung am falschen Selbst führt in die Selbstentfremdung. Im folgenden Gedicht wird der Übergang vom wahren zum falschen Selbst als Verlernen von sich selbst beschrieben:

Wie ich mich verlernte

Sobald ich sprechen lernte,
lernte ich,
das zu verschweigen,
was mich am tiefsten bewegte,
was mich am tiefsten aussprach.
Und lernte bald sagen,
was ich nicht fühlte.
Und fühlte so oft,
was ich nicht sagte.
Je mehr ich sprechen lernte,
so zu sprechen wie die anderen,
desto mehr verlernte ich mich.
Und je mehr ich mich verlernte,
desto besser hatte ich es,
desto besser verstanden mich die anderen.

Werner Sprenger

In den letzten Tagen habe ich öfter darüber nachgedacht, ob ich das Konzept vom wahren Selbst überhaupt noch brauche. Das wahre Selbst ist im Kontakt leicht erfahrbar, doch rational nur schwer erklärbar. Ihm haftet etwas “Schwammiges” oder “Beliebiges” an, was mit dem steten Wandel des wahren Selbst zu tun hat (s. Mein wahres Selbst führt mich heim). Deshalb gibt es nur wenig wissenschaftliche Literatur dazu. Und in der Welt der Wirtschaft spielt es bislang keine führende Rolle.

Ich stolpere zunehmend über die einst hilfreiche Unterscheidung von wahrem und falschem Selbst. Ist nicht beides mein Sein? Wie kann ein Sein wahrer als das andere sein? Bringt die Unterscheidung noch Klarheit? Ich erkläre meine Bereitschaft, das Konzept loszulassen, sollte es mir nicht mehr dienen.

In der Praxis empfehle ich den Fokus auf das Herz, über das wir unsere jeweils höchste Schwingung empfangen können (s. Im Herzen spüre ich mein wahres Sein). Gelingt uns das in bestimmten Situationen nicht, so bleibt uns nur, unseren Impulsen aus Kopf und Bauch achtsam zu folgen (s. Illusionen sind Freunde auf dem spirituellen Weg). Achtsamkeit ist hierbei der Ersatzschlüssel, wenn der Herzenskontakt verloren ging.

Wenn ich achtsam wahrnehme, was mir und anderen beim Leben meiner Impulse geschieht, kommen rasch und sanft Kurskorrekturen herein. Tue ich das nicht, ziehe ich härtere Korrekturen an. Im Kosmos herrscht immer Ordnung (s. Kosmische Gesetze), wir wählen nur das Schwingungsniveau und mit ihm unseren Grad an Schmerz oder Freude. Die kosmischen Gesetze zeigen uns in ihrem faszinierenden Gefüge, dass ALLES sein darf und ALLES heimführt. Wozu also noch ein Konzept vom wahren Selbst? Ich nahm meine wirbelnden Gedanken in mein Herz und erfuhr diese Antwort:

Alle Menschen kommen aus einem Sein.
Jeder Mensch darf ganz sein.
Menschsein bringt Unterscheidung herein.
Spiele kommen rein.
Menschen dürfen nicht ganz sein,
müssen anders sein als sie sind.
Anpassung an Normen kommt herein,
falsches Selbst kommt herein.
Trennung zum wahren Ursprung kommt herein,
künstlich anders als natürlich echt zu sein.
Vergessen des wahren Selbst kommt herein.
All das kommt aus einem Sein.
Das eine ist leichtes, weiches Sein.
Das andere ist angestrengtes, hartes Sein.
Beides ist Sein, beides darf sein.
Denn freier Wille kam herein.
Ohne freien Willen kann Selbsterfahrung nicht sein.

Mit dieser Antwort kam mehr Leichtigkeit in mein Erklären des wahren Selbst herein. Unser wahres Sein ist leichter, weicher, natürlicher, fließender als unser falsches Sein. Doch widerstrebt es mir etwas, im Unterschied dazu vom falschen Selbst zu sprechen, weil es letztlich auch ein Aspekt unseres Seins ist. “Falsch” bezieht sich auf die Trennung, auf das Vergessen, dass es leicht sein darf. Nur ist es in der Praxis oft so, dass Menschen tausend Tode sterben, wenn sie eingeladen sind, sie selbst zu sein: “Oha, man könnte mich nicht mögen!”, “Was würden die anderen dazu sagen?”, “Er/Sie könnte verletzt, enttäuscht von mir sein.” etc. Darauf real folgende Konflikte spiegeln letztlich die zu Glaubenssätzen verfestigten Erfahrungen (z.B. “Wenn ich ich selbst bin, bekomme ich Ärger… habe ich keinen Erfolg.”). Genau hier setzt mein Coaching für Selbstverwirklichung im Business an.

Obwohl unser wahres Sein so leicht ist, kommt es uns oft schwer vor. Weil wir verlernt haben, in Leichtigkeit zu sein, was wir sind. Weil wir gelernt haben, etwas anderes darzustellen, was wir sind. Natürlich ist diese Darstellung ebenfalls eine Form des Seins (eben das falsche Selbst). Auch mit ihr lässt sich heimfinden, es dauert nur länger und geht gemäß meiner wissenschaftlichen Ausarbeitung mit mehr Krankheit und anderen Wachstumsschmerzen einher.

Zu bedenken ist, dass nicht alles, was leicht scheint, automatisch das wahre Selbst meint. Es ist sehr leicht, den Hausputz, die Steuererklärung, das Konfliktgespräch u.v.m. vor sich herzuschieben. Und es bedarf einer gewissen Anstrengung, nämlich der Fokussierung seines Willens auf Klarheit, um die unangenehme Aufgabe zu erledigen. Doch ist diese Anstrengung harmlos im Vergleich zu der, wenn man versucht, nicht klar man selbst, sondern jemand anders zu sein. Nur erscheint  etzteres vielen Menschen noch normaler. Statistisch betrachtet ist Norm das, was in der überwiegenden Zahl der Fälle auftritt oder gewählt wird.

Ich stelle fest, ich brauche das Konzept noch, um die Entstehung von Glück und Heilung (Salutogenese) rational nachvollziehbar erklären zu können. In der Kürze einer Vortragssituation fällt mir das allerdings immer noch schwer.

Ich nehme die Schwere in mein Herz (Annahme meines wahren Selbst) und blicke himmelwärts… Plötzlich wandelt sich meine Blockade, in aller Kürze das Konzept des wahren Selbst zu vermitteln, zu einem lebendigen Vortragsgerüst. Alles, was ich fachlich zu transportieren habe, lässt sich knackig an meinem 5jährigen Prozess der Doktorwerdung veranschaulichen. Eine Geschichter voller Abenteuer! Mit ihr wird es plötzlich auch sehr leicht, von meinen Übergang von der Alten in die Neue Energie zu erzählen, von der neuen Balance von maskuliner und femininer Energie und der Annahme meiner Rolle als Pionierin für Neues Bewusstsein durch Abgabe der Diss. Das alles war schon Jahre zuvor energetisch auf den Weg gebracht worden, aber die Promotion war das Nadelöhr. Während ich es durchschritt, entwickelte ich gleichzeitig den Mut, meine Arbeitsfelder, in denen ich parallel tätig war, entsprechend zu transformieren. Indem ich diese Geschichte aus der Tiefe meines Herzens erzählen werde, werde ich nicht nur meinen fachlichen Auftrag in Nürnberg erfüllen, sondern auch in Leichtigkeit das Wesen der Neuen Energie vermitteln können.

Zu dieser Inspiration konnte ich gelangen, weil ich meine Blockade nicht leugnend überging, sondern geduldig annahm. Genau das meine ich, wenn ich sage: Mein wahres Selbst führt mich heim.

Simone Meller

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Salutogenese durch Selbstverwirklichung


selbstverwirklichungDissertationsschrift (Universität Hamburg):

Meller, S. (2008). Salutogenese durch Selbstverwirklichung. Eine integrative und ganzheitliche Perspektive für die Gesundheitspsychologie. Tectum: Marburg.

Rezension:

Rezension von Heide Liebmann

Portofreie Bestellung:

Buch als Hardcover (451 Seiten) oder als E-Book direkt beim Verlag bestellen.

Gratis-Downloads

Inhaltsverzeichnis (PDF)
Abstract (Deutsch), Abstract (Englisch)
Einführungskapitel

Leseproben mit freundlicher Genehmigung des Tectum-Verlags:

aus Hauptkapitel 1 “Einführung”
aus Hauptkapitel 2 “Salutogenese durch Persönlichkeitsentwicklung”
aus Hauptkapitel 3 “Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit und Krankheit”

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Kapitel 1: Einführung (S. 17-26)

(…)

Wissenschaftler zeichnen sich dadurch aus, dass sie möglichst unvoreingenommen den zu erforschenden Phänomenen gegenüber treten und beständig Erschütterungen des eigenen Weltbilds ertragen. Mittlerweile haben wir gut verkraftet, dass die Erde keine Scheibe ist, und wir verstehen, wie trotz synaptischem Spalt die Impulsübertragung der Neuronen funktioniert. Weitere Überraschungen warten auf uns, und jede verweist darauf, dass Wissenschaft eben nicht wertfrei ist, sondern auf Basis von Glaubenssystemen erfolgt. Das Wort Glaube wird im wissenschaftlichen Kontext bekanntlich vermieden, es verträgt sich nicht mit dem Streben nach rationaler Erkenntnis. Prinzipiell stimme ich dem zu, plädiere jedoch für Aufrichtigkeit an den Punkten, an denen wir noch nicht wissen, sondern Setzungen vornehmen – also glauben! Und selbst das, was heute als erwiesen gilt, ist allenfalls vorläufiges Wissen. Das lehrt uns der Blick in die Geschichte wissenschaftlichen Fortschritts sowie in die zweidimensionale Welt der berühmten „Flachländer“ (Abbot, 1844), die sich all jene Dinge nicht erklären können, die durch die dritte Dimension möglich sind. So können wir uns stets fragen, welche vierte, fünfte, sechste… Dimension wir (noch) nicht begreifen.

(…)

Wissenschaftlicher Fortschritt bedeutet letztlich das durch Offenheit gelingende Überwinden bestehender Denkstrukturen, anders wäre die kopernikanische Wende nicht möglich gewesen. Meine Hypothese ist also, dass die Begriffe Selbstverwirklichung und Ganzheitlichkeit systematisch am gängigen Prämissen- und Wissenssystem der Gesundheitspsychologie scheitern. Dadurch verschließt sich eine Perspektive auf die Entstehung und Förderung von Gesundheit. In der intensiven Aus­einandersetzung mit diesem Problem und meinem Wunsch, zu seiner Lösung beizutragen, habe ich gemerkt, wie konservativ ich bin – und reformerisch zugleich. Ein gängiger Weg, um durch in Misskredit geratene Begriffe bezeichnete Inhalte wieder dem wissenschaftlichen Diskurs zuzuführen, ist die Schaffung von Kunstwörtern. Zum Beispiel spricht Jüttemann (2002, 2005) von Autogenese und bearbeitet unter diesem Neologismus Aspekte von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung.

Im Gegensatz dazu ist mein Ziel die Rehabilitation des Selbstverwirklichungsbegriffs und seine Positionierung als zentrales Konzept in der Gesundheitspsychologie. Es gibt zahlreiche Umschreibungen und Derivate dieses Begriffs, und ich werde zeigen, dass das durch Selbstverwirklichung bezeichnete auch dort – wo der Begriff explizit vermieden wird – implizit zum Ausdruck kommt. Sowohl Selbstverwirklichung als auch Ganzheitlichkeit lassen sich hinsichtlich des Gemeinten präzisieren und ermöglichen eine neue Perspektive in der Gesundheitspsychologie. Diese Perspektive ist zugleich integrativ, weil sich in ihr verschiedene theoretische Ansätze verbinden lassen.

(…)

Nach wie vor dominieren in der Gesundheitspsychologie psychobiologische und kognitiv-behavioristische Konzepte, deren verbindendes Paradigma das der Stress- bzw. Anforderungsbewältigung ist (Faltermaier, 1994; Paulus & Deter, 1998). Meine Arbeit schließt an dieser Kritik an [kritisiert wird die einseitige Dominanz der reduktionistischen Modelle] und zeigt außerdem auf, dass innerhalb der Konzepte zur Selbstbestimmung noch eine für Salutogenese wesentliche Differenzierung vorzunehmen ist, die zum triadischen Konzept der Selbstverwirklichung (Abbildung 1.1) führt: Selbstbestimmung weist nur dann einen Weg zur Gesundheit, wenn sie sich am wahren Selbst eines Menschen orientiert (ich bezeichne dies als Selbstwerdung) und in realistischer Auseinandersetzung mit der Umwelt vollzogen wird (ich nenne dies Selbstrealisierung). Diese Trias aus Selbstbestimmung, Selbstwerdung und Selbstrealisierung grenzt Selbstverwirklichung von Lebensführungen ab, die trotz Selbstbestimmung mit Krankheit einhergehen, weil sie zu wenig dem Innersten eines Menschen entsprechen.

(…)

Es ist die Aufgabe der Politik, demokratische Rahmenbedingungen [Fußnote] für Gesundheit bereitzustellen, und die Aufgabe der Gesundheitspsychologie, die Relevanz von Selbstbestimmung für Gesundheit zu erforschen und zu beschreiben. Jedoch bleibt es Aufgabe eines jeden Einzelnen, der das Privileg genießt, in einem demokratischen Staat zu leben, seine persönliche Freiheit entsprechend zu nutzen, sei es für die eigene Gesundheit oder für Aktivität zum Wohle aller. Denn: die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft – das alles sind wir selbst. Bereits Mahatma Ghandi verwies darauf, dass die Welt nur dann eine andere wird, wenn du selbst ein anderer geworden bist. Diese Haltung habe ich in meiner früheren Arbeit zur politischen Bildung angetroffen („Wer nicht handelt, wird behandelt“) sowie in meiner psychotherapeutischen Tätigkeit („Sobald ich mich ändere, ändert sich alles“). Darin liegt auch der Grund, weshalb ich in meinen Ausführungen zur Salutogenese den Fokus konsequent auf Persönlichkeit und Selbstverwirklichung setze.

Ich weiß um einige Missstände dieser Welt und die Folgen von Arbeitslosigkeit, Armut, sozialer Ungleichheit, Umweltzerstörung und Gewalt (Mielck, 1994; Lampert & Ziese, 2005). Auf die schlechteren Startchancen von Kindern aus unteren Herkunftsschichten, die nachhaltigen Auswirkungen der sozialen Unterschiede auf den Alltag von Kindern und damit auf deren gesundheitliche Belastung machen die jüngsten Kinderstudien (Hurrelmann & Andresen, 2007; LBS-Initiative Junge Familie, 2007) aufmerksam. Ich werde im Weiteren nicht näher darauf eingehen, weil mein Fokus auf gelingender Selbstbestimmung liegt, wie auch immer die Lebensumstände aussehen mögen. Als Psychologin kann ich einen Menschen begleiten, seine Selbstbestimmung auszuschöpfen, sei es, dass er immer mehr ein Leben führt, das seinem Herzen entspricht; dass er politisch aktiv wird oder aus unerträglicher, da menschenunwürdiger Lage die Flucht ergreift. Meine Ausführungen sind jedoch – das möchte ich in aller Deutlichkeit betonen – in keinster Weise so zu verstehen, dass sie uns von notwendigen, vielleicht sogar längst überfälligen politischen Entscheidungen oder gar der persönlichen Verantwortung (vgl. Ausführungen zum Nationalsozialismus in Abschnitt 3.1.3) entbinden.

(…)

Wer diese Überlegung akzeptiert, entdeckt in Krankheit die Chance, das eigene Leben zu reflektieren, um anschließend gestärkt und neu ausgerichtet aus der Krise hervorzugehen. Gemäß dem Ausspruch von Blaise Pascal wird Krankheit zum Ort, an dem man lernt. Damit stellt auch Krankheit einen potenziell salutogenetischen Weg dar; die gern ignorierten Spontanremissionen in der Onkologie (Hoc, 2005) sind ein Beispiel dafür. An den Rändern von Psychologie und Psychosomatik ist derartiges Gedankengut keineswegs neu. Im Hauptstrom von Psychologie und Medizin scheiterte die Akzeptanz wohl bislang am Leib-Seele-Dualismus, innerhalb dessen sich diese Gedanken theoretisch nicht plausibel nachvollziehen lassen. Unter Zuhilfenahme quantentheoretisch-holistischer Überlegungen könnte jedoch dieser Anschluss an den Hauptstrom gelingen.

(…)

Vollständiger Download des Einführungskapitel als PDF-Datei.

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Kapitel 2: Salutogenese durch Persönlichkeitsentwicklung (S. 27-77)

(…)

Krankheit ist in Antonovskys Modell eben nicht gleichberechtigter „Teil des Lebens“ (Franke, 2002, S. 624), sondern gefürchteter Feind des Lebens. Wenn wir etwas kognitiv-emotional nicht ertragen können, ziehen wir unsere Grenzen enger (vgl. Antonovskys eigene Ausführung zum rigiden Kohärenzgefühl in Abschnitt 2.1.3). Wir versuchen im Äußeren das zu vermeiden, was uns innerlich in Unruhe versetzt. Deshalb – so meine Hypothese – werden Krankheit und Sterben in unserer Gesellschaft ausgegrenzt, so dass es der Kompensation durch die ganzheitliche Hospizbewegung bedarf (innerhalb derer die Palliativmedizin einen Unteraspekt darstellt). Eine salutogenetische Denkweise an sich ist also noch kein Garant für eine konzeptionelle Integration von Krankheit und Sterben in das Gesundheitssystem.

Gesundheit herzustellen bzw. sie zu erhalten, ist ein Erfolgserlebnis. Krankheiten zu begleiten, aushaltbar zu gestalten, ist ermüdend und auch im eigenen Selbstwertgefühl leicht kränkend. Eine fatale Verdeutlichung erfährt dieses Wertesystem in der aktuellen Diskussion um die Sterbehilfe und im Zusammenhang mit den verschiedenen Krankenhausmorden. Wenn schon nicht die Gesundheit, dann soll das Sterben machbar werden. (…) Die Befürworter der Sterbehilfe argumentieren mit einer pervertierten Medizin, die das Leben nur technisch verlängert. Doch setzen sie eben dieses Denken fort und führen es erst recht ins Absurde, wenn nun auch das Sterben technisch machbar, jederzeit abrufbar, selbständig planbar sein soll. (Bock, 1992, S. 110)

Im Rahmen einer Fernsehdiskussion sagte vor längerer Zeit ein Seelsorger – ich erinnere leider weder seinen Namen noch den Zeitpunkt der Ausstrahlung – dass der Wunsch nach Sterbehilfe im Grunde der Wunsch nach einem menschenwürdigen Leben bis zum Tode ist. Schwerkranke und sterbende Menschen haben Sorge, für andere eine Belastung zu sein und nicht in aufrichtig liebevoller Annahme bis zu ihrem Tode bestmöglich gepflegt und als ganzer Mensch begleitet zu werden. Mit anderen Worten: Sie haben Angst, sie selbst zu sein und lehnen mit ihrer Krankheit zugleich sich selbst ab.

Seine Krankheit hassen bedeutet, sich selbst zu hassen. (Dossey, 1986, S. 207)

Pflegebedürftigkeit aktiviert die frustrierten Abhängigkeitsbedürfnisse des Kindes, das einst von seinen geliebten Bezugspersonen nicht vollständig angenommen wurde und deshalb lernte, auf Teile von sich selbst zu verzichten (vgl. Abschnitt 2.1.3 und s. später Abschnitt 4.1.4). Wie soll ein Erwachsener, der als Kind dafür bestraft wurde, wenn er seiner Mutter Ärger machte, sich von einem überlasteten Pfleger die Windeln wechseln lassen? Wie kann jemand, der stets um Kontrolle bemüht war, in den Armen eines anderen hilflos vor Todesangst weinen? Möglich wird dies, wenn zwischen Kindheit und Sterben Prozesse der Selbstwerdung (vgl. Abschnitt 4.1.5) durchlaufen wurden, sich der Mensch mit Hilfe eines einfühlsamen Gegenübers nachträglich annehmen lernen konnte. Einen weiteren Weg stellt das Wachstum inmitten der Prozesse von Krankheit und Sterben dar: In dem Moment, da ein Mensch das gefürchtete Risiko eingeht und sich mit seiner Not den Menschen um ihn herum zuzumuten traut, kann er (wohlwollende und annehmende Reaktionen vorausgesetzt) heilen. In diesem Sinne vermag er bis zum Tode oder bis zur Genesung Stück für Stück mehr er selbst werden.

Die Teile einer Erfahrung tragen zum massiven Gefühl für das Ganze bei, und das Ganze trägt zur Intensität des Gefühls für die Teile bei. (Dossey, 1986, S. 170)

Mit dieser Betrachtung kann Krankheit, gleichgültig ob sie zur Genesung oder zum Tode führt, konzeptionell integriert werden. Krankheit ist kein Feind, sondern eine nachdrückliche Einladung, nach innen zu schauen und sich selbst zu heilen. Solche lebenslangen Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung werden traditionell in psychologischen Theorien der Selbstverwirklichung beschrieben, die ich in Kapitel 4 zum triadischen Konzept zusammenführe, das Gesundheit und Krankheit als gleichberechtigte Lebensäußerungen in ihrer Entstehung begreifbar werden lässt. Interessant ist an dem triadischen Konzept, dass aus seiner Stringenz heraus Krankheit als potenziell salutogenetischer Weg erscheint. In dieser Sichtweise kommt Krankheit nicht mehr von außen, sondern entwickelt sich innerlich und drückt das aus, was in der Selbstentfremdung verloren gegangen ist. Theoretisch erklärbar wird dies, wenn seelisch-leibliches Geschehen trotz unterschiedlicher Phänomenologie als aufeinander bezogene Einheit betrachtet wird (s. Kapitel 3). Klar zu unterscheiden ist das Gemeinte von einer märtyrerischen Auffassung von Krankheit (wie sie in bestimmten religiösen Konzepten auftreten kann). Ziel meiner Konzeption ist weder die Verherrlichung von Krankheit noch von Gesundheit, sondern deren Verständnis im menschlichen Lebenszusammenhang. Jedoch kann sich aus solch vertieftem Verständnis heraus ein starkes Vertrauen entwickeln, das zu einer neuen Begegnung mit Krankheit und Sterben verhilft.

(…)

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Kapitel 3: Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit und Krankheit (S. 116-122 & S. 156-158)

(…)

3.1.3.3 Psychodynamische Wechselwirkung im Nationalsozialismus

Ich komme nun zur Frage der Wechselwirkung zwischen dem Nazi-Programm und seinen Anhängerinnen, zur Frage, warum Millionen von Menschen Hitler folgten. Anhand alter Quellen (z. B. Akten, Zeitungsartikeln) aus der NS-Zeit und Zeugnissen von überlebenden Opfern wurden schon zahlreiche fach- und populärwissenschaftliche Annahmen formuliert (wie z. B. blinder Gehorsam, Konformitätsdruck, Aggression, Sadismus, Blutrausch etc.), die jedoch in ihrer Vielzahl wiederum beliebig anmuten. Hingegen taten Marks (2007) und sein Team das Naheliegende, indem sie ehemalige Nationalsozialistinnen nach ihren einstigen Gefühlen und Motiven befragten. Für die Interviews wurden dabei keine spektakulär bekannten Personen ausgewählt, sondern „normale“ ehemalige Mitglieder von HJ, BDM, SA, SS, NSDAP, Wehrmacht und anderen NS-Organisationen. Die gewonnenen Erkenntnisse erhellen die Psychologie des Nationalsozialismus, ohne Anspruch auf umfassende Erklärung, und verdeutlichen die Beweggründe der damals Beteiligten. Die Lektüre des überaus aufschlussreichen Forschungsberichts ist sehr zu empfehlen, denn die vielschichtigen und durch die Interviews fundierten Hypothesen können hier nur teilweise und stark verkürzt wiedergegeben werden. Eine von Stephan Marks selbst komprimierte Zusammenfassung lautet:

Der Nationalsozialismus zielte nicht darauf, die Menschen kognitiv zu überzeugen, sondern sie emotional einzubinden: Er lebte von der narzisstischen Bedürftigkeit und Abhängigkeit seiner Anhänger, von ihren Schamgefühlen, Kriegstraumata und frühkindlichen Erlösungsphantasien. (Marks, 2007, S. 168)

Narzisstische Bedürftigkeit und Abhängigkeit
Von frühester Kindheit an besteht ein Bedürfnis danach, gesehen, gehört, beachtet und anerkannt zu werden. Dieses normale, gesunde Grundbedürfnis nach Anerkennung ist zu unterscheiden von einem pathologisch übersteigerten Narzissmus, in dem eine erwachsene Person nicht bereit ist, Raum, Zeit und Aufmerksamkeit mit anderen Personen angemessen zu teilen, sie kann andere nur mit Blick auf die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen (Marks, 2007). Dieser übersteigerter Narzissmus erwächst aus dem Trauma, als Kind missachtet worden zu sein (was in vielfältigster Weise geschehen sein kann, vgl. Abschnitt 2.2.2), und führt zu einer ausbeuterischen Haltung gegenüber seinen Mitmenschen. In asymmetrischen Machtverhältnissen, z. B. zwischen Eltern und Kind, wird dieses Beziehungsmuster als narzisstischer Missbrauch bezeichnet. Das Kind wird für die narzisstischen Nachholbedürfnisse der Eltern nach Anerkennung und Achtung missbraucht, anstatt selbst in seinen narzisstischen Grundbedürfnissen befriedigt zu werden und seine eigene Persönlichkeit entwickeln zu können (s. Abschnitt 4.1.4). Für den späteren Erwachsenen erwächst daraus wiederum ein erhöhter Nachholbedarf (Tradierung des Missbrauchstraumas an die nächste Generation), zugleich bleibt er ohne entsprechende Aufarbeitung anfällig für Beziehungsmuster (z. B. in Partnerschaften), in denen er seine Missbrauchserfahrung wiederholt. Dieses unbewusste Zusammenspiel von zwei Personen, die ihren narzisstischen Missbrauch nicht verarbeitet haben, wird als narzisstische Kollusion (Willi, 1991) bezeichnet. Übertragen auf den Nationalsozialismus spricht Marks (2007) von kollektiver narzisstischer Kollusion. Der Nationalsozialismus vermittelte seinen Anhängern eine narzisstische Aufwertung und befriedigte die Sehnsucht, gesehen und anerkannt zu werden:

Dies erfolgte u. a. durch Vorstellungen von Auserwähltsein und Elite; durch narzisstische Gratifikation (mittels diverser Ehrungen, Beförderungen usw.), eingebettet in ein heroisches Weltbild. Narzisstische Begehrungen wurden für das NS-System genutzt, indem Ideale und Moral in kollektiv-narzisstischer Weise auf Hitler und das „Dritte Reiche“ umgebogen wurden. Das nationalsozialistische Weltbild nährte darüber hinaus fetal-narzisstische Phantasien von Reinheit, paradiesischer Idylle, Unendlichkeit und Abwesenheit von Enttäuschungen. (Marks, 2007, S. 167–168)

Wichtig: Nicht die Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse an sich war problematisch, sondern wie diese Bedürfnisse befriedigt wurden: a) Jede Ehrung konnte den Hunger nach Liebe und Anerkennung nur vorübergehend stillen, denn sogleich entstand das Verlangen nach weiterer Rangerhöhung; auf diese Weise stagnierte menschliche Reifung und die Entwicklung einer Suchtdynamik wurde begünstigt. b) Zudem – und das ist der entscheidende Punkt – erfolgte die Befriedigung auf Kosten derer, die von der Gesellschaft ausgeschlossen, gedemütigt, verachtet und letztlich vernichtet wurden. Darauf verweist Marks im obigen Zitat, wenn er vom Umbiegen der Ideale und der Moral spricht. Sein Team entdeckte nämlich, dass die interviewten ehemaligen NS-Anhänger (entgegen vielen Mutmaßungen) sehr wohl über moralische Vorstellungen von Recht und Unrecht verfügten, diese jedoch nicht auf ihr eigenes schuldhaftes Handeln übertrugen! Möglich wurde dies, indem ethische Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Gegenseitigkeit und Achtung in narzisstischer Wiese nur auf die deutsche Volksgemeinschaft bezogen und so – ihrer universellen Gültigkeit beraubt – letztlich pervertiert wurden. In kollektiv-narzisstischer Sprechweise des Nationalsozialismus war neben dem deutschen Volk kein Platz für ein anderes, womit die Ausgrenzung und Vernichtung verschiedener Gruppen legitimiert wurde:

Das Rezept der NS-Ideologie bestand darin, so meine These, dass amoralische Begehren so umdefiniert wurden, dass sie in ein moralisches System eingebunden werden konnten: Tue das Böse im Dienste des Guten. (…)
Indem amoralische Regungen in dieser Weise mit Moral (scheinbar) versöhnt wurden, wurde ein psychisch geradezu paradieshafter Zustand geschaffen, frei von Ambivalenzen und Konflikten zwischen Gewissen und amoralischenImpulsen(…).Daher fällt esNS-Anhängernvermutlich auch schwer, nach 1945 plötzlich Schuldvorwürfen ausgesetzt zu werden – man habe doch eigentlich nur das Gute gewollt. (Marks, 2007, S. 122)

Der hier beschriebene Mechanismus der narzisstischen Aufwertung und Verdrehung ist auch in Sekten, terroristischen Vereinigungen und missbräuchlich verlaufenden Psychotherapien (Hafke, 1998; Schmidbauer, 1999) am Werke. Er wird möglich durch die transgenerationale Weitergabe von nicht aufgearbeitetem narzisstischen Missbrauch und kann jederzeit ideologisch instrumentalisiert werden. Die psychosoziale Dynamik ist simpel: Nach oben bewundern, nach unten verachten.

Das NS-Überzeugungsprogramm war demnach nicht erfolgreich, obwohl, sondern weil es (vom Standpunkt des mentalen Bewusstseins betrachtet) so primitiv, pseudoreligiös, irrational, sentimental usw. war. Das Nazi-Programm wollte gar nicht niveauvoll, intellektuell anspruchsvoll, differenziert, gebildet, rational sein. Im Gegenteil: Aufklärung, kognitive Anstrengung, differenzierendes Abwägen, rationale Analyse, Diskurs wurden als „zersetzender Intellektualismus“ verachtet. Die magische Bewusstseinswelt des Nationalsozialismus war wesentlich anti-aufklärerisch: Du sollst nicht denken! Du sollst nicht verstehen! (Marks, 2007, S. 43–44)

In der Supervision des Forschungsteams kam Fassungslosigkeit, Traurigkeit, Empörung und Wut zutage, wenn in den Interviews antisemitische Einstellungen und unglaublich anmutende Verdrehungen geäußert wurden (z. B. beneidete eine Interviewte die Juden als reiche Menschen, die mit ihrem Geld während des Krieges nach Amerika auswandern konnten; Marks, 2007, S. 99). Keiner der Interviewten leugnete den Holocaust, viele hatten „meterweise Bücher über das ‚Dritte Reich’ und den Zweiten Weltkrieg in ihren Regalen stehen“ (Marks, 2007, S. 99), und dennoch zeigte sich offensichtlich, dass die aufklärerischen Informationen (Lernen über Geschichte) von den ehemaligen NS-Anhängerinnen anti-aufklärerisch rezipiert und seelisch so verarbeitet worden waren, wie es der kollektiven narzisstischen Kollusion im Nationalsozialismus entsprach. Dies zu reflektieren und in der weiteren Aufklärungsarbeit zu berücksichtigen bedeutet Lernen aus der Geschichte.

Abwehr von traumatischer Scham
Die narzisstische Aufwertung ging mit entlastender Abwehr von Scham einher, was in den Forschungen zum Nationalsozialismus wenig berücksichtigt wird (Marks, 2007). Gemeint ist hier nicht die natürliche Scham, die uns schützende Grenzen ziehen lässt, sondern eine Form von traumatischer Scham, die entsteht, wenn ein Kind von seinen Eltern nicht vollständig geliebt und angenommen wird, wenn es Zurückweisungen, Demütigungen und andere Formen von Grenzverletzungen (Missbrauch in all seinen Varianten) erfährt. Sich in dieser Art zu schämen bedeutet, sich wie ein Nichts zu fühlen, sich als wertlos zu erleben und am liebsten verschwinden zu wollen, damit es niemand merkt, was die Scham noch vergrößern könnte. Traumatische Scham ist also ein sehr existenzielles und quälendes Gefühl, dessen sich die Anhänger des Nationalsozialismus zu entledigen versuchten, indem sie andere stellvertretend als minderwertig ansahen und verachteten: Juden, Homosexuelle, kritische Intellektuelle, Behinderte, Osteuropäer etc.. Wie Marks (2007) anhand der Interviews aufzeigt, lag dieser psychische Mechanismus der Schamabwehr der gesamten NS-Maschinerie zugrunde: der Rekrutierung der NS-Anhänger und ihrer Bindung an den Nationalsozialismus, dem Abbruch der Beziehung zu den jüdischen Mitbürgern, derem Abtransport und derer Ermordung. Die Interviews förderten persönliche Erfahrungen traumatischer Scham zutage sowie ein kollektives Schamerleben infolge der desolaten politischen und wirtschaftlichen Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Die Begeisterung für Hitler und die Tatsache, dass Millionen Menschen ihm jubelnd folgten, liegt zum Teil wohl auch darin begründet, dass er sich als Erlöser von Schamgefühlen idealisieren ließ:

Meine These ist, dass Hitler (neben anderen Gründen) als Erlöser von Schamgefühlen inszeniert und erlebt wurde. Die Niederlage des Ersten Weltkriegs, der Versailler „Schandvertrag“ (wie es oft heißt), Teil-Entmilitarisierung, Schulden, Armut, Wirtschaftskrise, Geldentwertung, Arbeitslosigkeit und politische Schwäche der Weimarer Republik wurden offenbar von einem großen Teil der Bevölkerung als Beschämung, als Verletzung des Ehrgefühls erlebt. (Marks, 2007, S. 84)

Das Pendeln zwischen dem Gefühl des Kleinseins – des Am-liebsten-im-Boden-versinken-Wollens – und dem des Aufschwungs, der mit Stolz und Triumph einhergeht, beschreibt auch den seelischen Zustand Hitlers (Stierlin, 1995): Permanent bekämpfte er an sich jedes Zeichen von Schwäche und Niederlage, er unterdrückte seine spontanen Gefühle und wurde er beim Spiel mit seinen Hunden überrascht, so jagte er diese roh davon; er beobachtete sich ständig, kontrollierte die Wirkung neuer Kleidung anhand von Fotos, bevor er sich mit ihr in der Öffentlichkeit zeigte.

(…)

* * *

3.2.3 Die Entdeckung der Ganzheit in der modernen Physik

Materie ist wie kein anderer naturwissenschaftlicher Begriff erklärungsbedürftig (Görnitz & Görnitz, 2006). In der Physik gab es Anfang des letzten Jahrhunderts Entdeckungen, die das materielle Weltbild erschütterten. Die Erforschung des Atoms und seiner Bestandteile enthüllte Phänomene, die keiner erwartet hatte und die nicht mit der Newtonschen Mechanik erklärt werden konnten. diesem Zusammenhang bekannte Namen sind Max Planck, Albert Einstein, Nils Bohr, Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger und David Bohm. All diese Physiker zeigten sich zutiefst betroffen und fassungslos über das, was sie in ihren Experimenten beobachteten und nicht mit dem Newtonschen Weltbild in ـbereinstimmung bringen konnten. Drei Zitate von Heisenberg und Einstein belegen dies eindrücklich:

Ich erinnere mich an viele Diskussionen mit Bohr, die bis spät in die Nacht dauerten und fast in Verzweiflung endeten. Und wenn ich am Ende solcher Diskussionen noch allein einen kurzen Spaziergang im benachbarten Park unternahm, wiederholte ich mir immer und immer wieder die Frage, ob die Natur wirklich so absurd sein könne, wie sie uns in diesen Atomexperimenten erschien. (Heisenberg, 1973, zit. nach Capra, 2005, S. 48, Unterstreichung von mir)

Diese heftige Reaktion auf die jüngste Entwicklung der modernen Physik kann man nur verstehen, wenn man erkennt, dass hier die Fundamente der Physik und vielleicht der Naturwissenschaft überhaupt in Bewegung geraten waren und dass diese Bewegung ein Gefühl hervorgerufen hat, als würde der Boden, auf dem die Naturwissenschaft steht, uns unter den Füßen weggezogen. (Heisenberg, 1973, zit. nach Capra, 2005, S. 51, Unterstreichung von mir)

Alle meine Versuche, die theoretischen Grundlagen der Physik dieser neuen Art von Wissen anzupassen, haben völlig versagt. Es war, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen würde, mit keinem festen Fundament irgendwo in Sicht, auf dem man hätte bauen können. (Einstein, 1949, zit. nach Capra, 2005, S. 51, Unterstreichung von mir)

Ich habe diese drei Zitate auch deshalb ausgewählt, weil sie selbst dem, der wenig von der physikalischen Formelsprache versteht, verdeutlichen, dass etwas Revolutionäres geschehen war: Zwei geniale und hochintelligente Nobelpreisträger verstanden im wahrsten Sinne des Wortes die Welt nicht mehr, sie durchlebten die schwer erträgliche Dissonanz, die einem Paradigmenwechsel vorangeht. Während in der Physik die klassischen Vorstellungen von Raum, Zeit, Materie, Ursache und Wirkung revidiert werden mussten, orientierten sich andere Wissenschaften, z. B. die (Gesundheits-)Psychologie weiterhin am Newtonschen Weltbild. Auch kulturell sind die Implikationen der modernen Physik kaum angekommen. Atomwaffen und Laserstrahl gehِren zwar zum Allgemeinwissen, doch – das ist meine persöliche Einschätzung – die Mehrheit der Bevölkerung ist mit der Brisanz, die mit Begriffen wie Welle-Teilchen-Dualismus und Nichtlokalität verbunden ist, nicht vertraut. Es geht hierbei weniger um die Kenntnis physikalischer Fachtermini, als um die aus klassisch materialistischer Sicht überraschenden Phänomene und deren Bedeutung für unser Leben. Ähnlich verweist der Physiker Zeilinger (2005) auf einen reduzierten Kulturbegriff am Beispiel zweier einflussreicher Österreicher: Die Unkenntnis von Mozart gilt als inakzeptabel, wنhrend viele Menschen nicht wissen, wer Erwin Schrödinger war.

Mittlerweile relativere ich dieses sich nur schleppend kompensierende kulturelle Defizit der Nicht-Physiker etwas: Der Stoff der Relativitätstheorie und der Quantentheorie ist hochgradig abstrakt und mit hilfsweise herangezogenen Analogien kaum gegenstandsangemessen zu erklären. Die alltagssprachliche Vermittlung der Inhalte steckt in den Anfängen, zudem sind sich die Physiker selbst noch nicht einig, was die moderne Physik für unser praktisches Leben bedeutet. Mathematisch können die Inhalte zwar exakt beschrieben werden, aber für Laien sind die formelhaften Ausdrücke unverständlich. Eine Physikerin kann in wenigen Zeilen das Gemeinte in mathematischer Symbolik ausdrücken, doch für die alltagssprachliche Vermittlung braucht auch sie mehrere Seiten und einen geschickten Umgang mit der Schilderung all der Paradoxa (Capra, 2005). Jüngste Verfilmungen (z. B. „Bleep“ von Arntz, Chasse & Vicente, 2006) ermöglichen Laien einen ersten Einstieg; sie bieten mit zahlreichen Metaphern und Analogien eine grobe Orientierung in der Welt der subatomaren Teilchen. Die dafür notwendigen Vereinfachungen und daraus potenziell erwachsende Missverständnisse relativieren sich an allgemeinverständlich gehaltenen (z. B. Chown, 2006; Capra, 2005 und Zeilinger, 2005) und im wissenschaftlichen Duktus abgefassten (z. B. Atmanspacher, 1996a; Lucadou, 1992) Publikationen von Physikern. Alle der hier beispielhaft angeführten Physiker beschreiben auf unterschiedliche Weise ihr Verständnis der Quantenphysik.

Im Abschnitt 3.2.3.1 stelle ich ausgewählte Experimente und Erkenntnisse der Quantenphysik dar. Auf dieser Basis expliziere ich in Abschnitt 3.2.3.2 die Vorstellung materieller Ganzheit, die konsequent zu Ende gedacht die Einheit von Geist und Materie plausibilisiert. Entsprechend folgen in Abschnitt 3.2.3.3 ـberlegungen zum gemeinsamen Ursprung von Geist und Materie.

(…)

Ich komme nun zur Frage der Wechselwirkung zwischen dem Nazi-Programm und seinen Anhängerinnen, zur Frage, warum Millionen von Menschen Hitler folgten. Anhand alter Quellen (z. B. Akten, Zeitungsartikeln) aus der NS-Zeit und Zeugnissen von überlebenden Opfern wurden schon zahlreiche fach- und populärwissenschaftliche Annahmen formuliert (wie z. B. blinder Gehorsam, Konformitätsdruck, Aggression, Sadismus, Blutrausch etc.), die jedoch in ihrer Vielzahl wiederum beliebig anmuten. Hingegen taten Marks (2007) und sein Team das Naheliegende, indem sie ehemalige Nationalsozialistinnen nach ihren einstigen Gefühlen und Motiven befragten. Für die Interviews wurden dabei keine spektakulär bekannten Personen ausgewählt, sondern „normale“ ehemalige Mitglieder von HJ, BDM, SA, SS, NSDAP, Wehrmacht und anderen NS-Organisationen. Die gewonnenen Erkenntnisse erhellen die Psychologie des Nationalsozialismus, ohne Anspruch auf umfassende Erklärung, und verdeutlichen die Beweggründe der damals Beteiligten. Die Lektüre des überaus aufschlussreichen Forschungsberichts ist sehr zu empfehlen, denn die vielschichtigen und durch die Interviews fundierten Hypothesen können hier nur teilweise und stark verkürzt wiedergegeben werden. Eine von Stephan Marks selbst komprimierte Zusammenfassung lautet:

Der Nationalsozialismus zielte nicht darauf, die Menschen kognitiv zu überzeugen, sondern sie emotional einzubinden: Er lebte von der narzisstischen Bedürftigkeit und Abhängigkeit seiner Anhänger, von ihren Schamgefühlen, Kriegstraumata und frühkindlichen Erlösungsphantasien. (Marks, 2007, S. 168)

Narzisstische Bedürftigkeit und Abhängigkeit

Von frühester Kindheit an besteht ein Bedürfnis danach, gesehen, gehört, beachtet und anerkannt zu werden. Dieses normale, gesunde Grundbedürfnis nach Anerkennung ist zu unterscheiden von einem pathologisch übersteigerten Narzissmus, in dem eine erwachsene Person nicht bereit ist, Raum, Zeit und Aufmerksamkeit mit anderen Personen angemessen zu teilen, sie kann andere nur mit Blick auf die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen (Marks, 2007). Dieser übersteigerter Narzissmus erwächst aus dem Trauma, als Kind missachtet worden zu sein (was in vielfältigster Weise geschehen sein kann, vgl. Abschnitt 2.2.2), und führt zu einer ausbeuterischen Haltung gegenüber seinen Mitmenschen. In asymmetrischen Machtverhältnissen, z. B. zwischen Eltern und Kind, wird dieses Beziehungsmuster als narzisstischer Missbrauch bezeichnet. Das Kind wird für die narzisstischen Nachholbedürfnisse der Eltern nach Anerkennung und Achtung missbraucht, anstatt selbst in seinen narzisstischen Grundbedürfnissen befriedigt zu werden und seine eigene Persönlichkeit entwickeln zu können (s. Abschnitt 4.1.4). Für den späteren Erwachsenen erwächst daraus wiederum ein erhöhter Nachholbedarf (Tradierung des Missbrauchstraumas an die nächste Generation), zugleich bleibt er ohne entsprechende Aufarbeitung anfällig für Beziehungsmuster (z. B. in Partnerschaften), in denen er seine Missbrauchserfahrung wiederholt. Dieses unbewusste Zusammenspiel von zwei Personen, die ihren narzisstischen Missbrauch nicht verarbeitet haben, wird als narzisstische Kollusion (Willi, 1991) bezeichnet. Übertragen auf den Nationalsozialismus spricht Marks (2007) von kollektiver narzisstischer Kollusion. Der Nationalsozialismus vermittelte seinen Anhängern eine narzisstische Aufwertung und befriedigte die Sehnsucht, gesehen und anerkannt zu werden:

Dies erfolgte u. a. durch Vorstellungen von Auserwähltsein und Elite; durch narzisstische Gratifikation (mittels diverser Ehrungen, Beförderungen usw.), eingebettet in ein heroisches Weltbild. Narzisstische Begehrungen wurden für das NS-System genutzt, indem Ideale und Moral in kollektiv-narzisstischer Weise auf Hitler und das „Dritte Reiche“ umgebogen wurden. Das nationalsozialistische Weltbild nährte darüber hinaus fetal-narzisstische Phantasien von Reinheit, paradiesischer Idylle, Unendlichkeit und Abwesenheit von Enttäuschungen. (Marks, 2007, S. 167–168)

Wichtig: Nicht die Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse an sich war problematisch, sondern wie diese Bedürfnisse befriedigt wurden: a) Jede Ehrung konnte den Hunger nach Liebe und Anerkennung nur vorübergehend stillen, denn sogleich entstand das Verlangen nach weiterer Rangerhöhung; auf diese Weise stagnierte menschliche Reifung und die Entwicklung einer Suchtdynamik wurde begünstigt. b) Zudem – und das ist der entscheidende Punkt – erfolgte die Befriedigung auf Kosten derer, die von der Gesellschaft ausgeschlossen, gedemütigt, verachtet1 und letztlich vernichtet wurden. Darauf verweist Marks im obigen Zitat, wenn er vom Umbiegen der Ideale und der Moral spricht. Sein Team entdeckte nämlich, dass die interviewten ehemaligen NS-Anhänger (entgegen vielen Mutmaßungen) sehr wohl über moralische Vorstellungen von Recht und Unrecht verfügten, diese jedoch nicht auf ihr eigenes schuldhaftes Handeln übertrugen! Möglich wurde dies, indem ethische Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Gegenseitigkeit und Achtung in narzisstischer Wiese nur auf die deutsche Volksgemeinschaft bezogen und so ihrer universellen Gültigkeit beraubt – letztlich pervertiert wurden. In kollektiv-narzisstischer Sprechweise des Nationalsozialismus war neben dem deutschen Volk kein Platz für ein anderes2, womit die Ausgrenzung und Vernichtung verschiedener Gruppen legitimiert wurde:

Das Rezept der NS-Ideologie bestand darin, so meine These, dass amoralische Begehren so umdefiniert wurden, dass sie in ein moralisches System eingebunden werden konnten: Tue das Böse im Dienste des Guten. (…)

Indem amoralische Regungen in dieser Weise mit Moral (scheinbar) versöhnt wurden, wurde ein psychisch geradezu paradieshafter Zustand geschaffen, frei von Ambivalenzen und Konflikten zwischen Gewissen und amoralischen Impulsen (…). Daher fällt es NS-Anhängern vermutlich auch schwer, nach 1945 plötzlich Schuldvorwürfen ausgesetzt zu werden – man habe doch eigentlich nur das Gute gewollt. (Marks, 2007, S. 122)

Der hier beschriebene Mechanismus der narzisstischen Aufwertung und Verdrehung ist auch in Sekten, terroristischen Vereinigungen und missbräuchlich verlaufenden Psychotherapien (Hafke, 1998; Schmidbauer, 1999) am Werke. Er wird möglich durch die transgenerationale Weitergabe von nicht aufgearbeitetem narzisstischen Missbrauch und kann jederzeit ideologisch instrumentalisiert werden. Die psychosoziale Dynamik ist simpel: Nach oben bewundern, nach unten verachten.

Das NS-Überzeugungsprogramm war demnach nicht erfolgreich, obwohl, sondern weil es (vom Standpunkt des mentalen Bewusstseins betrachtet) so primitiv, pseudoreligiös, irrational, sentimental usw. war. Das Nazi-Programm wollte gar nicht niveauvoll, intellektuell anspruchsvoll, differenziert, gebildet, rational sein. Im Gegenteil: Aufklärung, kognitive Anstrengung, differenzierendes Abwägen, rationale Analyse, Diskurs wurden als „zersetzender Intellektualismus“ verachtet. Die magische Bewusstseinswelt des Nationalsozialismus war wesentlich anti-aufklärerisch: Du sollst nicht denken! Du sollst nicht verstehen! (Marks, 2007, S. 43–44)

In der Supervision des Forschungsteams kam Fassungslosigkeit, Traurigkeit, Empörung und Wut zutage, wenn in den Interviews antisemitische Einstellungen und unglaublich anmutende Verdrehungen geäußert wurden (z. B. beneidete eine Interviewte die Juden als reiche Menschen, die mit ihrem Geld während des Krieges nach Amerika auswandern konnten; Marks, 2007, S. 99). Keiner der Interviewten leugnete den Holocaust, viele hatten „meterweise Bücher über das ‚Dritte Reich’ und den Zweiten Weltkrieg in ihren Regalen stehen“ (Marks, 2007, S. 99), und dennoch zeigte sich offensichtlich, dass die aufklärerischen Informationen (Lernen über Geschichte) von den ehemaligen NS-Anhängerinnen anti-aufklärerisch rezipiert und seelisch so verarbeitet worden waren, wie es der kollektiven narzisstischen Kollusion im Nationalsozialismus entsprach. Dies zu reflektieren und in der weiteren Aufklärungsarbeit zu berücksichtigen bedeutet Lernen aus der Geschichte.

Abwehr von traumatischer Scham

Die narzisstische Aufwertung ging mit entlastender Abwehr von Scham einher, was in den Forschungen zum Nationalsozialismus wenig berücksichtigt wird (Marks, 2007). Gemeint ist hier nicht die natürliche Scham, die uns schützende Grenzen ziehen lässt, sondern eine Form von traumatischer Scham, die entsteht, wenn ein Kind von seinen Eltern nicht vollständig geliebt und angenommen wird, wenn es Zurückweisungen, Demütigungen und andere Formen von Grenzverletzungen (Missbrauch in all seinen Varianten) erfährt. Sich in dieser Art zu schämen bedeutet, sich wie ein Nichts zu fühlen, sich als wertlos zu erleben und am liebsten verschwinden zu wollen, damit es niemand merkt, was die Scham noch vergrößern könnte. Traumatische Scham ist also ein sehr existenzielles und quälendes Gefühl, dessen sich die Anhänger des Nationalsozialismus zu entledigen versuchten, indem sie andere stellvertretend als minderwertig ansahen und verachteten: Juden, Homosexuelle, kritische Intellektuelle, Behinderte, Osteuropäer etc.. Wie Marks (2007) anhand der Interviews aufzeigt, lag dieser psychische Mechanismus der Schamabwehr der gesamten NS-Maschinerie zugrunde: der Rekrutierung der NS-Anhänger und ihrer Bindung an den Nationalsozialismus, dem Abbruch der Beziehung zu den jüdischen Mitbürgern, derem Abtransport und derer Ermordung. Die Interviews förderten persönliche Erfahrungen traumatischer Scham zutage sowie ein kollektives Schamerleben infolge der desolaten politischen und wirtschaftlichen Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Die Begeisterung für Hitler und die Tatsache, dass Millionen Menschen ihm jubelnd folgten, liegt zum Teil wohl auch darin begründet, dass er sich als Erlöser von Schamgefühlen idealisieren ließ:

Meine These ist, dass Hitler (neben anderen Gründen) als Erlöser von Schamgefühlen inszeniert und erlebt wurde. Die Niederlage des Ersten Weltkriegs, der Versailler „Schandvertrag“ (wie es oft heißt), Teil-Entmilitarisierung, Schulden, Armut, Wirtschaftskrise, Geldentwertung, Arbeitslosigkeit und politische Schwäche der Weimarer Republik wurden offenbar von einem großen Teil der Bevölkerung als Beschämung, als Verletzung des Ehrgefühls erlebt. (Marks, 2007, S. 84)

Das Pendeln zwischen dem Gefühl des Kleinseins – des Am-liebsten-im-Boden-versinken-Wollens – und dem des Aufschwungs, der mit Stolz und Triumph einhergeht, beschreibt auch den seelischen Zustand Hitlers (Stierlin, 1995): Permanent bekämpfte er an sich jedes Zeichen von Schwäche und Niederlage, er unterdrückte seine spontanen Gefühle und wurde er beim Spiel mit seinen Hunden überrascht, so jagte er diese roh davon; er beobachtete sich ständig, kontrollierte die Wirkung neuer Kleidung anhand von Fotos, bevor er sich mit ihr in der Öffentlichkeit zeigte.

1„Die Verbrechen des Nationalsozialismus beschränkten sich ja nicht darauf, Mil­lionen von Menschen zu ermorden, sondern diese Menschen wurden auch, vor ihrem Tod, millionenfach gedemütigt, verhöhnt, verachtet und zu bloßen Zahlen gemacht. Die Eintätowierung von Häftlingsnummern ist dafür bezeichnend. Das Bewusstsein für diese Dimension der Nazi-Verbrechen scheint mir oft angesichts der großen Zahl der Ermordeten zu verschwinden; den Holocaust auf die Zahl der Ermordeten zu reduzieren bedeutet aber in gewisser Weise auch, ihre Entwürdigung zu verlängern.“ (Marks, 2007, S. 85–86)

2„Narzisstischer Missbrauch schafft die Erfahrung, dass in Beziehungen zu anderen Menschen ‚immer nur Platz für ein Ich’ da ist. Beziehungen sind auf diesem Hintergrund nur nach dem Muster ‚Unterwerfung und Herrschaft’ vorstellbar.“ (Marks, 2007, S. 106–107 mit Zitatverweis auf: Heyne, C. [1993]. Täterinnen: Offene und versteckte Aggression von Frauen. Zürich: Kreuz.)

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