Tag Archive | "Schein"

Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung


“Ich” sehe “mich” und “die Quelle” als zwei sich gegenüber stehende Spiegel, zwischen denen sich eine unendliche Zahl an Spiegelbildern ergibt. Diese innere Bilderreihe umfasst alle lichtvollen und finsteren Erscheinungen, alle möglichen Spielarten des Lebens. Jedes Spiegelbild ist eine Variante des Seins. Jeder Augen-Blick ist ein gewähltes Spiegelbild.

Dieses vor Monaten aufblitzende Bild der unendlichen Spiegelungen ist ein Erkenntnisgefäß, in dem ich als erfahrende Simone alle Erlebnisse, Erscheinungen und Verwirrungen bergen kann. Diese unendlichen Spiegelungen umfassen alle Krankheiten, alle Schmerzen, alle wunderbaren Erfahrungen von Liebe, alle Erlebnisse von Dualität und Einheit. Sie umfassen die Reiche Gottes und die Reiche des Teufels, die Existenzen Jeshuas, Mohammeds und Buddhas genauso wie die der Atheisten, Agnostikerinnen und Nihilisten.

Alles, was erscheint, entspringt dem Nichts und kehrt auch wieder dorthin zurück. Das einzig Beständige ist das Nichts, das vorübergehend als Alles erscheint. Das Nichts ist nicht gegenständlich zu sehen, die oben beschriebene bildhafte Erkenntnis ist loszulassen. Sie ist nichts weiter als eine Bezeichnung, als eine Spiegelung in der unendliche Reihe, die es nicht gibt.

“Ich” erlebe “mich” als etwas auf “mich” Schauendes und über “mich” Sprechendes, als etwas Weises und Wissendes, das viele Drehbücher kennt. Mal höre ich “mich” daraus vorlesen, mal erlebe “ich” mich darin agierend. – Schwer zu beschreiben. Viele andere formulieren in ihren Worten ähnliches. Wir spielen uns unsere Bezeichnungen zu, finden in ihrer Vielfalt eine Bestätigung des Unfassbaren. Kein Gefäß taugt für unsere Essenz, doch in jedem Gefäß leuchtet sie auf. Wir sind es, die von Form zu Form anders erscheinen, um uns selbst zu demonstrieren, was wir wirklich sind.

In der konkreten Erfahrung ist das hier Angerissene mühelos und leicht anzuschauen. So auch in der spontanen lyrischen Beschreibung. Erst in der verstandesmäßigen Darlegung mit begrenzten Begriffen wird es schwerfällig und mühsam. Zeit und Raum erfordern eine lineare Anordnung, ein Nacheinander der Gedanken und Erfahrungen. So sehr ich mich um logische Nachvollziehbarkeit bemühe, widerspricht ein Satz dem nächsten.

Soll ich nun keine Sätze mehr sprechen, keine Coachings mehr geben, mich nicht mehr streiten oder meiner Sexualität entsagen? Dem Leid zynisch begegnen, weil es das ja überhaupt nicht gibt? Mich nicht auf Beziehungen einlassen, weil es uns alle nicht gibt? Genau das meint Erleuchtung nicht. Schaue ich, wohin mich meine Erfahrungen und Erlebnisse lenken, so geht es um die kontinuierliche Ausdehnung der Erleuchtung auf alle erfahrbaren Zustände unseres Daseins.

Der kosmische Orgasmus, der Bettler am Straßenrand, die kristalline Maximalkörpererfahrung, die versäumte Steuerklärung, die weiche Ewigkeit, der wegzubringende Müll, die sanfte Liebe Jeshuas, der abgestorbene Lorbeerbaum im Garten, das unbändige Lachen, die fassunglose Trauer etc. – das alles und alles weitere sind nichts als mögliche Zustände einer sich selbst erfahrenden Quelle. Jeder dieser Zustände ist Sein, ist eine Spiegelung aus der unendlichen Bilderreihe. Da tauchen Kuthumi und Elfen, Sophia und St. Germain genauso auf wie der Schneider, der meine Hose kürzt statt sie zu verlängern, und die über mein versehentliches Vordrängeln erboste Frau auf dem Öko-Markt.

Zwischen den beiden Spiegeln erscheint eine unendlich illustre Welt, die jedem das Seine schenkt. Da ist das Geschenk genauo Gnade wie die Erfahrung des Dahinterschauens. Wer schaut? Auch mit dieser rhetorischen Frage könnte ich alle hier vorgebrachten Gedanken zusammenfassen.

Ich begreife Erleuchtung zunehmend als die Fähigkeit oder besser: die Bereitschaft, sich auf jeden Moment vollständig einzulassen, während er gleichzeitig losgelassen wird. Es bedeutet, sich selbst als eine augenblicklich manifestierte Spielart des Einen zu sehen, ohne deshalb auf Bezogenheit, Tiefe und Ernsthaftigkeit der jeweiligen Erfahrung zu verzichten. Es bedeutet permanente Achtsamkeit für die inneren Abläufe. Jeder alltägliche (Interaktions-) Schritt will im Neuen Bewusstsein gesehen werden, dass er nichts ist als eine vorübergehende Erscheinung und doch so wichtig dem Ganzen.

Oft gelingt mir diese Kunst, und sehr, sehr oft gelingt sie mir noch nicht. Ich erkenne darin meine Angst vor Kontrollverlust, Angst vor dem Unbekannten. Auch diese Angst ist nichts als eine Erscheinung der Spiegelbildreihe. Ich erleuchte diese Erfahrung der Angst, indem ich sie bedingungslos annehme, zugleich wissend, dass es eine illusionäre Selbsterfahrung ist. Es geht darum, um das Spiel zu wissen und es zugleich ernst zu nehmen. Es geht darum, das dem Tod anheim gegebene zu leben. Die Angst verschwindet aus der gewandelten Situation und kehrt wieder in die neu zu wandelnde Situation. Weder schneide ich die Angst noch meine Trauer über das Verschwinden der Welt aus meinem menschlichen Leben, sondern lebe sie als das, was sie sind, Spiegelungen meiner selbst.

Ich bin unzufrieden über meine hinterher hinkenden Worte, zweifle an der Verständlichkeit, ja an der Möglichkeit des Kommunizierbaren, wie viel leichter entsteht ein zierliches Gedicht. Auch das ist eine Erfahrung, die um Erleuchtung bittet, die angenommen und losgelassen sein will. Dieses Annehmen und Loslassen entspricht dem Einatmen und Ausatmen. Während ich danach frage, was uns atmet, finde ich die Antwort in mir, einer sich beständig wandelnden Form für das Eine. Was ich auch bin von Moment zu Moment, immer nur finde ich das zu Suchende in mir. Ich bin es, wenn ich mit zerzausten Haaren und fleckiger Hose den Herd schrubbe. Ich bin es, wenn ich nicht verstehe, was du mir sagen willst. Ich bin es, wenn wir uns ohne Worte verstehen. Ich bin meine Antwort, so wie du deine Antwort bist, so wie wir eine Antwort auf das Eine sind, so wie wir alle nicht sind und doch sind, was wir sind.

Simone Meller
Foto: Henning Hraban Ramm/Pixelio

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Nur für mich ist auch für dich


Schrieb ich gestern
zu teilen meine Texte
so erscheint das heute
als scheinbarer Akt

Denn wenn mein Ergebenes
sich in Worte ergießt
und ich in Neues gleite
so tue ich das nur für mich

Doch indem das passiert
was nur durch Verrat am Herzen
zu umgehen wäre und so schade
werde ich die die dir in Liebe dient

Simone Meller

Posted in LyrikKommentare deaktiviert

Kein Abschied


Immer wieder Trauer
über das Verschwinden der Welt
Immer wieder Jubel
über die eine Ewigkeit
Immer wieder Ernüchterung
über den bunten Segen auf Abruf

Jeder wie er will und alles in einem
Nur scheinbar das Unterscheidbare
Jedem das ihm zugehörige Geschenk
welch unvorstellbare Gnade seit jeher

Das was bleibt
ist wenig und doch alles
so dass ich immer und immer
wieder mit Tagore sagen möchte
wenn der Tod kommt
dass ich in der Liebe gelebt habe
und nicht in der Zeit

So viel Glück von Moment
zu Moment wenn ich bin was
ich bin so viel zarte Fülle
in einer unverlorenen Welt

Simone Meller

Posted in LyrikKommentare deaktiviert

Geborgen in der Schwärze


Ich gebe mich den Ein- und Entfaltungen von Dualität hin, während ich zwischen diesen Erfahrungen vom Verschwinden der Welt weiterhin meine Büroarbeit erledige, Spaß habe und Konflikte austrage.

Der Unterschied zwischen der in Einheit eingefalteten Welt und der in Dualität entfalteten Welt wird zum Kunststück meiner Existenz im multidimensionalen Raum. Ich will meine irdische Entwicklung nicht überspringen, doch auch nicht mehr unter meinen Möglichkeiten leben. So bleibt ein schmaler Grat, auf dem zu balancieren nur unangestrengt Freude macht.

An den Seiten und hinter mir ist es schwarz. Schritt für Schritt balanciere ich auf einem Leuchtstreifen, der heim ins Licht führt. Jedes Streben nach Perfektion zerstört das Gleichgewicht und lässt mich erinnernd in das teuflisch belebte Schwarze taumeln. Jedesmal nehme ich das Schwarze in mein Herz und fühle Erlösung. Damit ist mein nächster Schritt nach vorn getan, an dessen Seite und dort, wo ich eben noch stand, wieder Schwärze auftaucht.

Es ist nicht das Bild eines Sisyphos, denn kein Schritt und keine beherzte Annahme des Schwarzen sind umsonst. Lichtbefreiung geschieht von Moment zu Moment. Es ist eher das Bild einer spirituellen Peristaltik, in der ich mich Stück für Stück nach vorne schiebe. Es gibt kein Zurück, ja, theoretisch schon, aber im Erleben dieser Peristaltik geht es nur nach vorn. Es erinnert von der Idee her an die Tunnelbilder von Menschen mit Nah-Tod-Erfahrungen, nur viel langsamer. Es ähnelt einem Geburtskanal, durch den ich mich selbst gebäre. War das Schwarze zeitweilig noch bedrohlich, so erlebe ich es jetzt als unbestechlichen Freund, der mir den Weg nach vorne weist. Rechts und links, oben und unten, hinter mir ist es schwarz, nur nach vorne geht es zum Licht – und mein Schwarzes reist mit.

Wenn ich mich erinnere, ist das Schwarze ein liebendes Geländer. Wenn ich vergesse, wird das Schwarze zum teuflisch vergoldeten Abgrund. Goethe ließ seinen Mephisto so zutreffend sagen: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ – Ich lernte das Schwarze lieben, und es kehrte heim. Ich lernte das Schwarze noch mehr lieben, und noch mehr kehrte heim. Ich lernte auch die unerträgliche Schwärze lieben, und das Unerträgliche kehrt heim. So geht das seit Jahren, und so geht es weiter. Zwischendurch verschwindet alles in der Einheit, bis ich und meine Welt wieder ausgeschieden werden und uns geborgen in spiritueller Peristaltik weiter voran schieben.

Je öfter ich in bedingungsloser Liebe schwinge, desto deutlicher sticht mir der Unterschied ins Auge, wenn ich es nicht tue. Auf diese fühlende Weise wird jeder Tag zu einer Heimkehr in vielen, vielen kleinen Schritten, die all meinen Mut und all meine Demut erfordern. Denn nichts ist, wie es scheint. Doch so oft sich der Schleier von Zeit und Raum auch hebt, bleibt mir im Alltäglichen nur, sämtliche Erscheinungen zu leben, solange sie mir entgegen wehen. Dabei verfliegt die Zeit immer schneller, und ich werde immer langsamer. Wenn alles Illusion ist und es keinen Ausdruck mehr gibt für das Erleben, bleibt nur noch eines: Hingabe und dann Ergebung.

Simone Meller
Foto: Pixelio, Martina Taylor

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Seite 1 von 212
Welle