Unterdrücke nicht die Bedürftigkeit deines Egos, sondern befriedige sie auf liebevolle Weise. Das macht den Unterschied zum unersättlichen Narzissmus, der nicht satt wird, weil er nicht aus der erfüllenden Liebe zu schöpfen weiß.
Simone Meller
Posted on 14 Oktober 2010.
Unterdrücke nicht die Bedürftigkeit deines Egos, sondern befriedige sie auf liebevolle Weise. Das macht den Unterschied zum unersättlichen Narzissmus, der nicht satt wird, weil er nicht aus der erfüllenden Liebe zu schöpfen weiß.
Simone Meller
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Posted on 05 Januar 2010.
Kann man von Psychotherapie abhängig werden? Ja, kann man – im ungünstigen Fall, nämlich dann, wenn die Psychotherapeutin ihre eigenen Hausaufgaben nicht gemacht hat. In diesem Falle wird die Abhängigkeit des Patienten jedoch nicht geschaffen, sondern er bringt sie mit und die Therapeutin bedient sich ihrer. Jemand, der diese Frage stellt, ist bereits abhängig, von was auch immer. Gefühlt 90% der Menschen sind abhängig: von der Bestätigung durch ihre Mitmenschen. Gefühlt 90% der Menschen haben kein hinreichend stabiles Selbstwertgefühl, sondern werden durch kritische Äußerungen dermaßen erschüttert, dass sie alles dafür tun, um “gemocht” zu werden und keine “falschen” Entscheidungen zu treffen. Gefühlt 90% der Menschen waren in ihrer Kindheit nicht sicher geborgen, so dass sie noch als Erwachsene wie abhängige Kinder agieren – auf der Suche nach einer Sicherheit durch Ersatzeltern. Menschen übertragen diese Sehnsüchte auf Freunde, Partner, Ärzte, Berater und eben auch Psychotherapeuten.
Die Qualifikation einer Psychotherapeutin besteht darin, mit dieser Sehnsucht zum Wohle des Patienten und wachstumsfördernd umzugehen. Dazu gehört auch, bei aller seelischen Nähe, die während einer Zusammenarbeit entsteht, eine professionelle Distanz zu halten. Dazu gehört, seine Patienten nicht mit Freunden zu verwechseln. Es ist eben eine therapeutische, eine dezidiert heilende Beziehung (die im Praxisraum stattfindet) und keine private Beziehung (die sich im privaten Wohnbereich ereignet). Es bedarf sehr viel Klarheit und Bewusstheit seitens der Therapeutin, diese Grenzen zum Schutze und Wohle des Patienten zu bewahren. Patienten sind sehr kreativ in ihren legitimen Versuchen, diese Grenzen zu unterwandern. Ich betone: Der Versuch patientenseitig ist völlig legitim, aber der Therapeut darf sich nicht verführen lassen, sondern hat die Aufgabe, die Kurve in Richtung Heilung einzuschlagen. Immer wieder neu.
Kann man von Psychotherapie abhängig werden? Das fragte mich gestern eine Patientin. Die dahinter steckende Angst ist in psychotherapeutischen Praxen kein Einzelfall. Auch das Faktum – Abhängigkeit seitens des Patienten und narzisstischer Missbrauch seitens der Therapeutin – ist keine Seltenheit. Es geht also nicht darum, das Risiko zu leugnen, sondern vielmehr zuzugeben und aufzuklären. Die Kunst der Psychotherapie besteht nämlich darin, um diese mitgebrachte Abhängigkeit zu wissen und angemessen mit ihr umzugehen. Nur wer seine eigene Abhängigkeit entdeckt und geheilt hat, vermag andere zur Auflösung deren Abhängigkeit anzuleiten. Schwer ist, das in eine für den Patienten jeweils individuell passende Antwort zu kleiden. Denn vielleicht geht es gerade darum, sich das Bedürfnis einzugestehen, Hilfe zu brauchen, was ja überhaupt nicht verkehrt, sondern im Gegenteil wünschenswert ist. Sobald ich jedoch merke, dass jemand in das Muster rutscht, sich abhängig von meiner Unterstützung zu machen anstatt selbst zu reifen, leite ich zur Transformation dieses Musters an.
In der esoterischen Lebensberatungsszene ist dieses Bewusstsein weitaus weniger vorhanden als in der verkammerten psychotherapeutischen Zunft, doch selbst dort landen immer wieder Fälle vor der Ethikkommission – und viele eben leider auch nicht…
Wie schützen Sie sich vor Abhängigkeit und Missbrauch? Eine gute Möglichkeit ist, diese Frage Ihrer Therapeutin oder Ihrem Lebensberater zu stellen und aufmerksam die Antwort auf sich wirken zu lassen. Wer einseitig beschwichtigend reagiert, disqualifiziert sich – so meine persönliche Erfahrungen mit Psychotherapie und meine Beobachtungen auf dem Markt der selbst ernannten Lebensberater. Ich bin nicht grundsätzlich gegen selbst ernannte Lebensberater. Ich habe mir selbst hier und da schon Inspiration geholt, wie eine leckere Speise vom Buffet. Nur habe ich beim Zugreifen daneben auch unreife Früchte (= undifferenzierte Erklärungen) und verdorbene Speisen (= narzisstische Bedürftigkeit) gesehen und war froh, dass ich vor diesem Kontakt meine Abhängigkeit an kompetenter und weiser Stelle hatte heilen dürfen.
An dieser Stelle noch eine Anmerkung: Gerade in esoterischen Kreisen begegnet mir manchmal eine anti-psychotherapeutische Haltung. Ich kann das verstehen, da ich selbst nach einem gescheiterten Psychotherapieversuch über Jahre despektierlich über diese Zunft redete und erst wachsenden Leidensdruck brauchte, um einen zweiten Versuch zu wagen, der letztlich glücklich endete. Hätte ich diesen zweiten Versuch (der zwei nahtlos aneinander schließende Prozesse bei zwei sich für mich ergänzenden Personen beinhaltete) nicht gewagt, nicht auszudenken, wie mein Leben versickert wäre… Psychotherapie hat mir geholfen, zu meiner wahren Größe zu erwachen und zu erfahren, dass nur ich selbst mich heilen kann. Die therapeutische Hilfe habe ich gebraucht, um den Weg dahin frei zu räumen. Zudem hatte ich mich unglaublich verlaufen… Aber meine Heilung, die konnte ich an niemanden delegieren.
Damit bin ich bei einem zweiten Kriterium, mit dem man die Güte einer helfenden professionellen Beziehung (und das muss wahrlich nicht Psychotherapie sein) beurteilen kann: Darf ich hier wachsen? Darf ich hier groß sein? Oder muss ich in gewisser Weise klein bleiben, damit der andere mir “helfen” (= seine Konzepte auf mich anwenden) kann? Muss ich am Altar der Großartigkeit des Helfers beten, oder kann ich gefahrlos andere Gedanken und Gefühle äußern? Darf ich hier sein, was ich bin, oder muss ich so sein, wie der andere mich braucht? Wenn Sie Zweifel haben, lassen Sie sich nicht vernebeln, sondern vertrauen Sie Ihrem Gefühl und/oder holen Sie sich eine zweite Meinung ein. Ein Ihnen aufrichtig zugewandter Berater wird deshalb nicht gekränkt sein! Das ist übrigens schon ein drittes Kriterium.
Ich beobachte in der esoterischen Szene, dass Menschen, die aus welchen Gründen auch immer eine Psychotherapie vermieden haben, in ihrem scheinbar so anderem Tun exakt die Strukturen schaffen, vor denen sie Angst haben. Sie agieren genau das aus, von dem sie sich abzugrenzen glauben. Sie missbrauchen und/oder lassen sich missbrauchen, auch wenn das Ganze nicht in einem psychotherapeutischen Setting stattfindet. Diese mehr oder weniger subtile Missbrauchs-Struktur ist eine Variante im Menschenspiel, gleichgültig vor welcher Kulisse sie aufgeführt wird. Sie wird in individuellen Varianten so lange wiederholt, bis man dieses Bewusstseinsmuster in der Seele nachhaltig transformiert hat. Erst dann werden diese Spiele für die Seele uninteressant, die nach neuen Lernerfahrungen strebt.
Man kann von Menschen (Partner, Berater, Internet etc.), Substanzen (Alkohol, Schokolade, überkorrekte Ernährung etc.) und Verhaltensweisen (Sex, Einkaufen, Diät etc.) abhängig werden. Nämlich immer dann, wenn Menschen ihrer Verantwortung für ihre wahren Bedürfnisse (Heilung) zu entkommen versuchen und in eine Ersatzbefriedigung (“fauler Kompromiss”) fliehen. Wir dürfen wählen – jeden Tag aufs Neue. So ist das Spiel.
Text: Simone Meller | Foto: Pixelio, wunder1
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Posted on 02 August 2009.
Michael Jackson ist ein prominentes Beispiel dafür, dass spirituelle Praxis nur dann Heilmittel ist, wenn sie auch zur auflösenden Begegnung mit den eigenen Schatten genutzt wird.
Deepak Chopra, ein Arzt und spiritueller Lehrer (USA), der Jackson in Meditation unterrichtete und sich mit ihm befreundete, würdigt in seinem Nachruf (deutsche Übersetzung in der August-Ausgabe des KGS) Jacksons Potenzial und spirituelle Sehnsucht, spricht aber auch deutlich dessen Probleme an. Chopra räumt ein, dass diese “durch einen fehlgeleitetenden Lebensstil” verschlimmert wurden und Jackson aus Angst vor dem Erwachsenwerden Zuflucht in eine rosarote Phantasiewelt suchte:
Auch wenn er [Jackson] oft ehrlich zugab, dass er Probleme hatte, wich er am Ende eines Gesprächs immer verdrängend aus.
Man kann Jahre auf dem Meditationskissen verbringen oder Tausende von Rosenkränzen beten, ohne sich den eigenen Schatten zu stellen. Menschen können regelrechtes “Eso-Shopping” betreiben (hier ein Kurs, da ein neues Channeling, dort ein Heiler etc.) und in den schönsten Worten über ihre spirituellen Erfahrungen reden, ohne tatsächlich in ihrer Tiefe zu heilen. Heilung geschieht, wenn wir ungeliebte, in den Keller verbannte Anteile von uns ins Licht holen, in Liebe annehmen. Dann können wir weiterschreiten, in mehr Fülle und Freude hinein. Die Begegnung mit dem Schatten ist im ersten Moment unangenehm (“Oh, auch so bin ich… Au weia!”) und wird deshalb gerne vermieden. Konfrontation mit dem Schatten geschieht u.a. in gelingender Psychotherapie (vor allem in der von C. G. Jung geprägten, der auch als Vordenker der transpersonalen Psychotherapie gilt).
Eine Polarisierung “Was heilt — Psychotherapie oder Spiritualität?” halte ich für unangemessen. So wie man Realitätsflucht in die schillernde Welt des esoterischen Kommerz betreiben kann, kann man sich auch auf der Couch bei der Analyse der Schnullerfarbe verfransen. Was letztlich heilt, ist die Liebe. Und zwar die, die man in sich selbst findet. Diese Aussage ist so banal, dass sie im gesellschaftlichen Mainstream kaum ernst genommen wird. Diese Aussage steht auch dermaßen im diametralen Gegensatz zur allgemeinen Angstmache in Politik, Wirtschaft, Gesundheit etc., dass sie für verängstigte Menschen (Angst ist das Gegenteil von Liebe) nur schwer verständlich ist.
Oftmals wird in den klassischen und komplementären Heilkunde, den verschiedenen spirituellen Traditionen und dem esoterischen Markt ein unglaublicher Hype um den Weg der Heilung oder des Erwachens gemacht. Komplizierte Theoriegebäude, die dem Verstand eine Menge zu tun geben, lenken davon ab, dass Heilung mit Ganzwerdung zu tun hat. Nämlich sich ganz zu lieben, und nicht nur die vordergründig strahlenden Anteile seiner selbst. Sich da lieben zu lernen, wo Eltern, Lehrer, Kirche und viele andere Personen und Institutionen einen einst missachteten.
Michael Jackson ist diesen Weg nicht gegangen. Seine Sehnsucht nach Liebe blieb unerlöst und führte u.a. zum Missbrauch von Kindern, der in der Reportage des Journalisten Jacques Peretti (der sich als Fan auf die Spuren von Jackson begab) belegt wird. Für mich ist dabei unerheblich, ob es auch zu sexuellen Handlungen kam. Das gesellschaftliche Massenbewusstsein ist beim Begriff Missbrauch einseitig auf sexuelle Praktiken fixiert. Schwerer zu greifen ist der seelisch-emotionale Missbrauch, also das subtile Benutzen von Kindern für die Erfüllung der eigenen narzisstischen Bedürfnisse. Kinder bezahlen dafür einen hohen Preis, der sich in psychischen und körperlichen Symptomen niederschlägt. Wer als Erwachsener diese Wunden nicht heilt, läuft Gefahr, in asymmetrischen Beziehungen (Eltern/Kind, Arzt/Patient, Therapeut/Patient, Lebensberater/Klient etc.) selbst narzisstischen Missbrauch zu betreiben.
Michael Jackson ist ein prominentes Beispiel für das, was kleiner und unauffälliger Tag für Tag in den Kinderzimmern unserer Welt geschieht. Wahre Stars sind für mich jene Menschen, die aus ihrer Trance erwachen, die beginnen, sich mit ihren schmerzlichen Opfer- und Täteranteilen in erlösender Weise auseinanderzusetzen. (In meine psychotherapeutische Praxis kommen also nur Helden!)
Chopras Nachruf ist loyaler als meine Rede hier:
Wer weiß, ob es uns gelingen wird, ihn [Jackson] nach so vielen Jahren der Medienverfälschung zu retten.
Und er endet mit den Worten:
Sobald der Schock sich gelegt hat und tausend öffentliche Stimmen von Michaels großartigem, freudigem, umkämpften, rätselhaften und bizarrem Leben schreiben, ist es meine Hoffnung, dass ‘freudig’ das Wort ist, das aus der Asche entsteht und so erstrahlt, wie er es einst tat.
Ich teile diese Hoffnung nicht. Denn das, was Chopra hier als Hoffnung bezeichnet, ist der Wunsch nach Idealisierung. Kollektive Idealisierung aber bedeutet immer auch Verdrängung dessen, woran große Teile der Gesellschaft noch kranken, in diesem Fall: der erlösenden Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten. Sie lohnt sich so sehr, denn dahinter, ja dort wartet das freudige Kind!
Das freudige Kind schimmerte zwar durch Michael Jacksons Leben, aber es wurde weder befreit noch durfte es die Führung übernehmen.
Für mich ist Michael Jackson kein Idol, sondern ein Mahnmal — für die Folgen von (kollektiver) Verdrängung.
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