Ich bin skeptisch bei Sätzen wie diesen:
“Ich führe ego-freie Beratungsgespräche”
“Ich handle befreit von Moral und Ethik”
“Ich mache mich völlig frei von Konzepten”
Denn ich nehme dabei wahr:
Das Pendel ist von einem Extrem (“Engstirnigkeit”) nur in ein anderes Extrem (“Großspurigkeit”) geschwungen. Ich sehe diese Menschen scheinbar befreit von irdischer Mühsal (“nackig”) mit dem Rücken (“aus dem Blick”) vor unbewältigten Transformationsaufgaben (“Kleiderhaufen im Schatten”) stehen.
Eine Anti-Haltung, so subtil sie auch daher kommen mag, schwingt niemals höher als das, was sie zu überwinden glaubt. In energetischen Bildern ausgedrückt spielen sich Satan und Ahriman zwischen den beiden teuflischen Extrempolen den Ball zu.
Oben ist nicht besser als unten. Oben wie unten wird das Leben verneint. Sowohl das überschießende als auch das unterdrückende Extrem entstehen, wenn man versucht, anders als man selbst zu sein.
Die Schwingung erhöht sich erst in der gesunden Mitte, die hier und jetzt stets aufs Neue entsteht:
Wenn ich authentisch das bin, was ich gerade bin, bin ich in der Mitte. Mit Ego, mit Wertvorstellungen, mit Konzepten etc. in der gerade aktuellen Form. Ich vertraue dem beständigen Wandel der Form, während ich zu der Form stehe, die ich gerade bin.
Fazit:
Ich vertraue dem Wandel der Form, aber nicht der Person, die die Formwandlung hinter sich wähnt. Denn auch dieser Selbstausdruck ist nur eine Form der Essenz auf dem Weg nach Hause.
Ich bejahe das Leben auf der Erde und gebe mich hin mit den Worten Khalil Gibrans:
Zu geben, um leben zu dürfen,
denn zurückhalten, heißt zugrunde gehen.
Siehe auch: Hingabe an das Leben
Simone Meller
Foto: Pixelio, Renate Franke

