Demut und Demütigung – das können viele Menschen nicht auseinander halten. Schon länger wollte ich darüber schreiben, zuletzt gedacht gestern, als ich über die Hingabe an das Feuer geschrieben habe. Eben las ich auf Matthias Kreis Blog, dass er das Thema aus seiner Perspektive am Wickel hat. Er schreibt, dass Hingabe persönliche Entwicklung ermöglicht und leichter fällt, wenn man sich klar macht, dass es um Hingabe an eine Wachstumshierarchie und nicht um Unterordnung in einer Machthierarchie geht.
Ich finde, mit dieser von Ken Wilber eingeführten Hierarchie-Unterscheidung lassen sich Demut und Demütigung wunderbar differenzieren. “Nach unten treten, nach oben buckeln”, das beschreibt die Radfahrermentalität, eine Kultur der Demütigung, die noch in vielen Unternehmen und Familien vorherrscht. Zahlreiche Religionen und esoterische Kreise, aber auch Schulen und Universitäten sind durch Unterwerfungsrituale geprägt.
Demut hingegen hat mit beseeltem Dienen zu tun. Ich diene meinem höheren Selbst, d.h. immer wieder löse ich, worum sich meine menschliche Hand ängstlich krallt. Auch in meiner Arbeit mit anderen Menschen nehme ich eine demütige Haltung vor den Bewegungen der anderen Seele ein. Ich kenne nicht den richtigen Weg des jeweiligen Menschen, des Teams, des Unternehmens. Aber ich bin gut darin, den Bewegungen der Seele den Weg freizuräumen. Demut bedeutet auch, mich nicht als Heilerin oder spirituelle Lehrerin zu bezeichnen, weil Heilung und spirituelles Lernen immer von innen heraus, in der achtsamen Stille geschieht. Ich kann der Heilung und Entfaltung anderer dienen und mich auf eine demütige Haltung besinnen, wenn diese Bewegungen anders ausssehen als gedacht.
Unsere psychotherapeutischen Praxen sind voll mit Menschen, die durch demütigende Erfahrungen geprägt wurden. Matthias schreibt, dass Hingabe verpönt sei, da sie oft mit Machtaufgabe gleichgestellt werde. Ich beobachte ebenfalls, dass Menschen, die allergisch darauf reagieren, wenn ich von Demut spreche, sich im Grunde nur von der Demütigung abgrenzen wollen. Das kann ich gut verstehen. Gleichzeitig sind das oft aber auch die Menschen, die sich in beruflichen und privaten Beziehungen weiterhin bis zur Selbstaufgabe opfern (z.B. weit über Ihre Grenzen hinaus Überstunden leisten oder in der Partnerschaft Konflikten aus dem Weg gehen). Immer sind hier Verlustängste am Werk nach dem Motto “Wenn ich bin, wie ich bin, verliere ich den Job, meinen Partner etc. und dann bin ich allein.”). Damit ist der Wirkmechanismus einer Machthierarchie beschrieben. Wer als Kind oft genug für Außerungen seines wahren Selbst bestraft (gedemütigt) wurde, verhält sich auch als Erwachsener entsprechend unterwürfig.
Bei tieferer Betrachtung ist das Problem also kein Mangel an Hingabe, sondern ein Zuviel im Sinne einer Selbstaufgabe. Nur wer bei sich bleiben und “Nein” sagen kann, vermag sich hinzugeben. Denn nur dann läuft er nicht Gefahr, sich in diesem Prozess zu verlieren. “Das Nein in der Liebe” von Peter Schellenbaum beschreibt wundervoll, wie Hingabe und wahre Nähe erst durch die Fähigkeit zur Abgrenzung möglich wird. Sein Buch zählt für mich zu den Top Five der wichtigsten Bücher meines Lebens.
Im Bild der Rose lässt sich das veranschaulichen. Die Rose gibt sich hin, verströmt sich mit ihrer Schönheit, ihrem Duft, ihrer Anmut… Mit ihren Dornen schützt sie sich, bleibt bei sich, zieht Grenzen. Wer zu verzeihen versucht, bevor er seine Wut gespürt und konstruktiv gelebt hat, wird nicht weit kommen. Wer seinen Nächsten mehr liebt als sich selbst, wird hängen bleiben. Wer sich hingibt, ohne bei sich selbst zu sein, wird sich verlieren.
In jeder Therapie und allen Lebensberatungszenen, die ich kennengelernt habe, gibt es irgendwann im Prozess eine Tendenz zum Normativen: Das Ziel (Verzeihen, Hingabe, bedingungslose Liebe etc.) wurde kognitiv erkannt, als richtig bewertet und fortan zur Unterdrückung der ungeliebten, aber sich immer wieder aufdrängenden Impulse (Angst, Wut, Hass, Neid, Egoismus etc.) benutzt. Dadurch wird Entwicklung zwar nicht ver-, aber behindert. Heilung ist wie Wasser (*seufz* trotz sanitärer Baustelle
) und findet ihren Weg, z.B. durch herausfordernde Lebenskonstellationen, die in Resonanz zum verdrängten Schatten stehen (Spiegelprinzip).
Anders als Matthias verstehe ich Hingabe nicht als Hingabe an den nächstHÖHEREN Entwicklungsschritt, sondern als Hingabe an das, was ist. Wenn ich Angst habe, WEISS ich zwar, dass dies ein illusionärer Zustand von Trennung, von Nicht-Liebe ist, aber ich kann diesen Zustand nicht überspringen. Aber ich kann mich ihm hingeben, indem ich ihn lebe. Das hat mit Loslassen zu tun. Die Vorstellung loszulassen, dass ich keine Angst haben darf, weil ich ja weiß, dass ich keine Angst zu haben brauche.
Angst schwingt niedriger als Liebe, aber meine Angst von heute schwingt höher als meine Angst von gestern. Insofern stimme ich mit Matthias überein, dass es um den nächstHÖHEREN Entwicklungsschritt geht
.
Ich kann mich aber ebenfalls einem Menschen, der Natur, einem Tanz, einem Buch, dem Zubereiten einer Mahlzeit etc. hingeben. Das hat auch etwas mit Selbstvergessenheit und Flow zu tun.
Demut oder die Energie des “Surrender”-Lieds hat noch eine andere Qualität. Es bedeutet, dass mein menschliches Selbst seine Grenzen anerkennt, seinen zugewiesenen (vom höheren Selbst gewählten) Platz einnimmt und sich bei aller Größe und Wertigkeit bewusst wird, dass es “nur” Sternenstaub, ein göttlicher Funken aus dem großen Ganzen ist.
So gebe ich mich wechselnd hin. Mal ist es eine Hingabe an meine Größe (wenn es gelingt: Leuchten ohne Selbstüberhöhung), mal ist es eine Hingabe an meine Kleinheit und Beschränktheit im unglaublich phantastischen Kosmos (wenn es gelingt: Demut ohne Erniedrigung). Beides ist immer eine Gratwanderung, die stets neu auszubalancieren ist.
Die Hingabe an das eigene Licht erfordert Mut (Transformieren der Angst vor dem Göttlichen in uns), die Hingabe an den eigenen Schatten erfordert Demut (Transformieren der Angst vor dem Menschlichen in uns). In beiden Fällen gebe ich Kontrolle auf. Ich gebe mich dem Fluss meines Lebens hin. Zwischen Mut und Demut fließt mein Leben. Als göttliches Wesen erfahre ich mich in menschlicher Polarität – aufgespannt zwischen Mut und Demut.
Simone Meller
Foto: pixelio, Carsten Przygoda

