Posted on 01 August 2010. Tags: Allgegenwart, Dualität, Dunkelheit, Ego, Einheit, Ergebung, Fühlen, Geborgenheit, Gewahrsein, göttlich, Hauptgewinn, Licht, Martin Buber, Menschenspiel, Metapher, Missverständnis, Neues Bewusstsein, Ordnung, Rabbiner, Raum, Rettungsethos, Seele, Selbsterfahrung, Sexualität, Sicherheit, Sprache, Trennung, Unterscheidung, Verstand, Weg, Zeit
Zu meinem Erstaunen lese ich auf Webseiten (die für das Neue Bewusstsein unserer Zeit antreten!) immer wieder von Wegen, die zu Gott hin und von ihm weg führen. Ich frage mich dann stets, wie das funktionieren soll. Wie könnte überhaupt irgendetwas außerhalb des Göttlichem sein??
Mit meinem Einheitsbewusstsein, also meiner persönlichen Weltanschauung, vertragen sich solche Vorstellungen von Verfehlungen nicht, wohl aber sehe ich in ihnen eben das Alte Bewusstsein, dass von einer Kluft zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen ausgeht (extreme Dualität). Dann gibt es immer etwas zu überwinden und irgendeinen Sündenbock (Verstand, Sexualität, Ego etc.), der dem Seligmachenden im Wege steht.
Göttliche Allgegenwärtigkeit in allem Seienden
Schnell kommt es selbst unter Gleichgesinnten zu Grabenkämpfen und Besserwissereien, wie man nun am schnellsten und sichersten zu Gott komme. Doch was, wenn wir schon da sind!? Könnten wir jemals um seine Allgegenwärtigkeit in allem Seienden, auch dem Elend unserer Welt, drum herum kommen? Ein Wort des Martin Buber zeigt die Unumgänglichkeit des Göttlichen:
Einmal brachte eine Mutter ihren kleinen Sohn zum Rabbi. Da fragte der Rabbi den Jungen: “Ich gebe dir einen Gulden, wenn du mir sagst, wo wohnt Gott?” Er antwortete: “Und ich gebe dir zwei Gulden, wenn du mir sagen kannst, wo er nicht wohnt.”
Dieses Zitat bringt in meinen Augen gemäßigte Dualität (vgl. zu extreme vs. gemäßigte Dualität hier) zum Ausdruck, denn zwar lassen sich noch drei einzelne über Gott sprechende Personen (Mutter, Rabbiner, Sohn) ausmachen, aber der kleinste unter ihnen offenbart ein Einheitsbewusstsein, das ich teile. In diesem Geist habe ich in den letzten Monaten einige Postings veröffentlicht, von denen ich ein paar in den letzten Tagen nachträglich unter dem Schlagwort “Allgegenwart” getaggt habe, um sie auch gebündelt abrufen zu können. Bislang habe ich den Begriff Allgegenwart nicht benutzt, weil das Gemeinte für mich im Bewusstsein der Einheit enthalten ist. Lese ich jedoch anderenorts immer wieder, dass einerseits die Einheit beschworen wird, während andererseits die Zerklüftung fortgeführt wird, so erscheint es mir wichtig, die Facette der Allgegenwart ins Spiel zu bringen. Deshalb schrieb ich auch hier vor einigen Tagen, dass es keine Trennung zwischen der Seele und dem Ego gibt:
Denn kein Teil von dir und keiner deiner Wege liegt außerhalb des Göttlichen oder des persönlich Seelischen. Alles ist eine Manifestation aus ein- und derselben Quelle. Ob du dich zerteilst oder nicht – immer bist du in dem Einen geborgen. Du wählst nur, wie sehr du es fühlst.
Einzig und allein dieser Unterschied im Fühlen und Erleben kann das Ergebnis unserer Bemühungen sein. Doch weder kommen wir dem Göttlichen jemals näher noch entfernen wir uns jemals von ihm. Alle sind in Sicherheit und niemand muss gerettet werden. Es gibt keine besseren oder schlechteren Wege. Es gibt nur unterschiedliche Erfahrungen, von denen alle zum Menschenspiel der göttlichen Selbsterfahrung gehören.
Gewahrsein ist eine tendenziell aktive Haltung, die nicht gemacht werden kann
Wir entscheiden einfach nur täglich, wie weit wir unser Bewusstsein öffnen und wieviel wir von der Einheit jeweils verdauen können. Wir lernen das Licht in der Dunkelheit zu finden und die Dunkelheit als eine großzügige Spielart des Lichts zu begreifen. Diesen inneren Entwicklungsprozess kann man natürlich, und ich tue das gelegentlich auch, aus einer sprachlichen Hilflosigkeit heraus metaphorisch als Weg bezeichnen. Aber vielleicht magst du mal darauf achten, wie oft heimlich und subtil eine Kluft gezeichnet wird, wenn von den Wegen zu Gott gesprochen wird und von denen, die angeblich von ihm wegführen. Ich betone noch einmal: Auch das Elend ist Ausdruck des Göttlichen. Genauso wie die Angst im Alten Bewusstsein, vom Göttlichen getrennt zu sein, göttlich ist. Im Neuen Bewusstsein hören wir mit all unseren Bemühungen auf und werden uns gewahr, dass wir immer schon angekommen waren. So banal dies auch erscheint und angesichts menschlicher Verstrickungen und Bekriegungen über Jahrtausende hinweg wie ein dürftiger Spruch wirkt: Dir deiner ewigen Ankunft gewahr zu werden, ist kein Trostpreis, sondern der Hauptgewinn. Du musst nicht einmal ein Los kaufen. Doch spüre, wie sich dein Leben verändert, je öfter du diesen Hauptgewinn empfängst.
Zum Schluss sei denen, die jetzt das Aufgeben von Aktionismus mit Passivität verwechseln, gesagt, dass Gewahrsein eine tendenziell aktive Haltung ist, die aber nicht gemacht werden kann. Sie ergibt sich, wenn du dich ergibst. Und weil das so kompliziert klingt, obwohl es im Grunde so einfach ist, haben wir es mit den Missverständnissen über die Wege zu tun, die angeblich zu Gott und von ihm wegführen. Das alles ist nicht zu verdammen, sondern zu preisen, denn dies zu erfahren war eines der göttlichen Ziele. So war es eine Einheit, die sich auf den scheinbaren Weg machte, um Unterschiede in Zeit und Raum zu erleben, die es nicht gibt. Alles befindet sich in vollkommener Ordnung.
Und wenn ich frage, ob du in deiner Betriebsamkeit vielleicht am Hauptgewinn vorbei rennst, dann meine ich mit meiner hilflos-dualen Sprache nicht, dass dein Weg ihn verfehlen könnte, sondern dass du aufhören kannst zu rennen. Du bist bereits da.
Text: Simone Meller
Foto: Matzi55, Pixelio
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Posted on 05 Juli 2010. Tags: Antwort, Begegnung, Beziehung, Du, Geist, Ich, Kommunikation, Martin Buber, Sprache, Wort
Der Mensch wird am Du zum Ich. Gegenüber kommt und entschwindet, Beziehungsereignisse verdichten sich und zerstieben, und im Wechsel klärt sich, von Mal zu Mal wachsend, das Bewußtsein des gleichbleibenden Partners, das Ichbewußtsein. (…) Das Ich [steht] sich selbst, dem abgelösten, einen Augenblick gegenüber, um alsbald von sich Besitz zu ergreifen und fortan in seiner Bewußtheit in die Beziehungen zu treten. (…) Geist in seiner menschlichen Kundgebung ist Antwort des Menschen an sein Du. (…) Geist ist Wort. (…) In Wahrheit nämlich steckt die Sprache nicht im Menschen, sondern der Mensch steht in der Sprache und redet aus ihr, – so alles Wort, so aller Geist. Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du. (…) Der Mensch lebt im Geist, wenn er seinem Du zu antworten vermag. Er vermag es, wenn er in die Beziehung mit seinem ganzen Wesen eintritt. Vermöge seiner Beziehungskraft allein vermag der Mensch im Geist zu leben.
Martin Buber
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Posted on 06 Mai 2010. Tags: absichtslos, Annahme, Anselm Grün, Begegnung, Beziehung, Dualität, Einheit, Essenz, Form, Freiheit, Martin Buber, Neue Energie, Polarität, Schönheit, Sein, Wandel, wild
Du musst dein Bisheriges nicht wegwerfen, damit deine Essenz mit mir sein kann. Ich nehme dich in der Form, in der du gerade bist, und zeige mich in der Form, in der ich gerade bin. Ich bin offen für das, was geschieht, wenn wir uns in unserer jeweiligen Form begegnen. Ich vertraue dem kontinuierlichen Wandel unserer Formen. Ich weiß, du und ich sind eine Essenz, die sich in Dualität und Polarität begegnet. Ich nehme diese einst von “uns selbst” gestellte Aufgabe an.
Dazu passen Zitate von Anselm Grün (über das Aufbrechen des Herzenspanzers, wenn wir sprechen) und von Martin Buber (über verwandelnden Dialog durch wahrhaftige Begegnung).
Im freien Geist der Neuen Energie erblühen Beziehungen in wilder Schönheit.
Simone Meller
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Posted on 01 April 2010. Tags: Abgrund, Aggression, agieren, Alles & Nichts, Angst, Antwort, Archetypen, Aspekte, Auflösung, bewusst, Beziehung, Bezugsperson, blind, Böse, brutal, Dualität, Dunkelheit, Erfahrung, Erkenntnis, Erlösung, erzählen, Evolution, Freude, früh, Fundament, Geborgenheit, Gegenwart, Gerd Ziegler, göttlich, Grenzen, Hass, hässlich, Heilen, Heilungsbündnis, Helfen, Herz, Inferno, Ingredenzien, Inspiration, Ja, Kälte, Kirche, Klarheit, Kollektiv, Kraft, Leid, Licht, Liebe, Martin Buber, Meister, Menschenspiel, Mitgefühl, Muster, Nein, Neues Bewusstsein, Personifizierung, Phantom, Polarität, Projektion, Provokation, Prozess, Prüfung, Psychotherapie, Schatten, Schlag, Schöpfung, Sein, sich stellen, subtil, Symbol, Teilearbeit, Transformation, Übertragung, Überzeugung, unbewusst, Unterscheidung, Ursprung, Verblendung, Vergangenheit, Verletzung, Verzweiflung, Wärme, Widerstand
Der früh verletzte Mensch (s. Von der Flucht in die Stille) kann sein Leid nicht erzählen. So bleibt ihm nur, seine Bezugspersonen sein Leid erfahren zu lassen. Je mitfühlender und liebevoller man auf einen früh verletzten Menschen ZUGEHT desto aggressiver und verletzender wird er. Er agiert aus, was ihm widerfuhr. Dies geschieht unbewusst. Wäre es ihm bewusst, könnte er darüber sprechen und den Weg des Erzählens gehen. Was nicht bewusst ist, kann nur agiert werden.
Partner, Freundinnen und Therapeuten geben hier meist ihr Bestes, doch oft reicht das nicht. Häufig bedarf es zahlreicher zerschlagener Beziehungen und mehrerer Therapieversuche, um Bewusstwerdung und damit Heilung zu erreichen. Ich möchte zwei Widerstände beschreiben, die gemeistert werden müssen, der eine liegt in der helfenden Person, der andere im früh verletzten Menschen.
Wenn die helfende Person nicht kompromisslos auf Liebe ausgerichtet ist und alle Übertragungen, Projektionen, Verblendungen und Aggressionen in ihr Herz nehmen kann, wird sie zur blind zurückschießenden Mitspielerin in der Wiederaufführung der Traumata. In diesem Inferno verliert sie die eigene Klarheit, die entscheidend für einen heilsam korrigierenden Prozess ist. Das passiert, wenn die helfende Person selbst eine helfende Person bräuchte.
Das Leid des früh verletzten Menschen sprengt jede Beziehung, wenn nicht beide voll und ganz zum Heilungsbündnis entschlossen sind. Keinesfalls bedeutet das, auf die eigenen Grenzen zu verzichten, denn das wäre lieblos sich selbst gegenüber. Es bedeutet, vollständig “Ja” zu mir und “Ja” zum anderen zu sagen und “Nein” zum Leid gegen mich.
Am Anfang war Beziehung. Der Mensch wird am Du zum Ich. – Martin Buber
Der früh verletzte Mensch versucht, mich mit der Kraft der Verzweiflung zu nötigen, mein Fundament der liebevollen Klarheit zu verlassen. Er versucht mich auf subtile und/oder brutale Weise zu provozieren. Damit bin ich bei seinem Widerstand, der sich u.a. darin äußert, dass er Gründe sucht, sich über sein Leiden nicht bewusst werden zu müssen. Wenn es ihm gelänge, mich wie viele andere vor mir auszuschalten, dann müsste er sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Widersteht die helfende Person den zahlreichen Versuchungen, so bleibt ihm nur noch, sich zu stellen. Vergangenheitsauflösung ist kein Selbstzweck, sondern dient einzig und allein dazu, Schmerzen von gestern, die den gegenwärtigen Eintritt in die Freude verhindern, zu transformieren.
Die Gegenwart ist der Kraftpunkt, der Vergangenheit und Zukunft verbindet. Nur im gegenwärtigen Augenblick ist es möglich, unbewältigte Vergangenheit abzuschließen und neue Weichen für die Zukunft zu stellen. – Gerd Ziegler
Ein früh verletzter Mensch weigert sich, diesen Schritt zu gehen, wenn er Angst hat, in der eigenen Dunkelheit unterzugehen. Er hat Angst, noch einmal fallen gelassen zu werden. Und so ist sein Widerstand zugleich die Prüfung der helfenden Person auf Geborgenheit: “Hältst du mich wirklich? Hältst du mich aus? Wirst du zu all der Hässlichkeit in mir stehen?” Während ich diese dunkle Seite nur als einen Teil von ihm sehe (eine spielerische Schöpfung des Lichts), fühlt er sich mit dieser finsteren Energie unbewusst identifiziert. Er kann diesen großen Schatten erst sehen und annehmen, wenn die Identifizierung in eine Arbeit mit Teilen übergeht. Dafür braucht er mich. Deshalb greift er mich an. In meinem modellhaften Umgang damit erreicht ihn Inspiration zur Erlösung seiner selbst.
Selbsterlösung ist nichts anderes als die mannigfach wiederholte Erfahrung, dass alles in uns selbst seinen Ursprung nimmt und auch dort wieder sein Ende findet. Wir sind alles und nichts. Erkenntnis genügt nicht. Wir wollten es erfahren, deshalb sind wir hier.
Genauso genügt auch dem verletzten Menschen nicht das verbale “Ja” der helfenden Person: “Ja, ich werde dich halten, egal, was geschieht.” – Bevor er sich für den Abgrund in sich öffnet, will er überzeugt sein. Sein Abgrund ist der eisigste Tiefpunkt an Dualität und Polarität, das maximal erfahrbare Leid im Menschenspiel (s. Kosmische Gesetze). Nun will er erfahren, dass er in bedingungsloser Herzenswärme gehalten wird, egal, was geschieht. Also überzeugt er sich, indem er um sich schlägt.
Jeder Schlag ist eine verzweifelte Frage. Und jede Hineinnahme in das helfende Herz ist eine heilende Antwort. Sie lautet: “Ja, du verletzt mich. Und ich sehe dein Licht.”
Simone Meller
Foto: Pixelio, Achim Lueckemeyer
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