Vor kurzem war ich – den Umständen geschuldet – in einem katholisch geführten Hotel untergebracht. Das Zimmer war schäbig, schmuddelig und düster. An der Wand hing das Leiden Christi in Form eines der Kreuze mit einem darauf genagelten Leib. Ich führte meine aufwallenden Gefühle in Stille und mit ihnen meine Gedanken über institutionalisierte Religionen, Machtkämpfe in Glaubensfragen und ihre Ausläufer. Gibt es überhaupt einen einzigen Krieg auf der Welt, der letztlich nicht auf einen Streit der Religionen zurückzuführen ist? Und wie streitlustig war ich gerade mit Blick auf das Kreuz, in dessen Namen scheinheilige Kriege, Folter und Hinrichtungen verübt worden sind! In dessen Namen noch heute Menschen Schuldgefühle eingetrichtert werden. Ich dachte an den Pabst, seinen Besuch bei der Queen und wie konsequent es in meinen Augen wäre, wenn er zur Aufhebung des Zölibats und damit zur Erlösung der katholischen Sexualität beitragen würde. Mit einem noch viel weiter gehenden, imaginären Reformpaket, also letztlich meinen unerlösten Resten von Wut und Trauer, entflammte ich am Kreuz, einem gefühlten Ort menschlicher Zwietracht. Und ich fand Frieden im (Vereinigungs-)Punkt der beiden Holzbalken, der auch unabhängig vom Kreuz in vielen mystischen Symbolen erscheint und alles erlöst, was danach verlangt.
Der Mann an der Rezeption war ohne Stigmata, quicklebendig und die Freundlichkeit in Person. Er lebte diese Freundlichkeit auf eine so natürliche und wohltuende Weise, dass ich mich bei ihm für sein Geschenk bedankte. Das machte ihn verlegen. Zum Frühstück gab es frisch gebackene Waffeln, ich stöhnte vor Glück. Der Restaurantbereich war modern und in hellen Tönen gehalten. Irgendein Mensch war auf die begnadete Idee gekommen, ein Waffeleisen nebst Teigschüssel im Selbstbedienungsbereich zu deponieren. Das Mittagsbuffet fiel aus meiner Sicht als Vegetarierin einseitig aus (wo man doch überall Fleisch hineinschneiden kann!) und den Kollegen war es nicht heiß genug, also das Essen, nicht das Wetter. Ich erzählte von den Waffeln, hielt mich an den Nachtisch – innerlich die Frage bewegend, ob ich vielleicht doch bestechlich bin? Den inkludierten Kaffee schlug ich aus, obwohl ich damit, so wurde kundgetan, mehr aus dem Preis-Leistungs-Verhältnis hätte herausholen können. Ich dankte innerlich, dass ich immer alles essen und trinken kann, worauf ich Appetit habe und wie unübertreffbar das ist. Den Kaffee gab’s zwei Tage später, behaglich am heimatlichen Elbstrand. Dort machte er mich glücklich. Fast so wie das katholisch geführte Hotel, das mir wieder einmal zeigt: Ich bekomme immer, was ich brauche. Transformationsaufgaben inklusive.

