Tag Archive | "Kind"

Es kommt darauf an, was gerade angemessen ist


Wie oft lese und höre ich Menschen sagen: “Mein Verstand will dies…”, “Mein Herz will das…”, “Mein Ego sagt…”, “Mein inneres Kind…”, “Mein höheres Selbst meint…”, “Der Geizhals in mir…”, “Meine Seele möchte…” etc. Solche Arbeit mit inneren Teilen (“Teilearbeit” nennen wir das in der Psychologie) ist manchmal nützlich, wenn es um die Auflösung innerer Konflikte geht.

Anfänger staunen über die Entdeckung ihrer inneren Pluralität, Fortgeschrittene tüten sorgfältig alles wieder ein und dazwischen ist viel Raum für Entwicklung. Denn so sehr wir uns auch hilfsweise unter-teilen können, so bleiben wir doch die Person, die wir nun mal sind. Ich bejahe vorübergehende Teilearbeit und warne vor dauerhafter Abspaltung, so salbungsvoll freundlich getarnt sie auch daher kommen mag. Dies sei den akut an sich selbst arbeitenden Menschen genau so gesagt wie den von Teilearbeit begeisterten Lebensberatern. So wie nach dem Wort des Paracelsus die Menge das Gift macht, kann eine unangemessen verwendete Methode schädlich wirken.

Das Ziel von Teilearbeit ist die Integration

Teilearbeit sollte immer in Integration münden und nicht im Ausgrenzen des Geizhals, des Verstands und anderer ungeliebter, als Sündenbock fungierender Anteile (die häufig unter “Ego” subsummiert werden). Immer bedarf es eines liebenden Ichs, das alle seine Teile heimholt. Dieses Ich weiß: Ich bin nicht nur dieser und jener Teil. Aber auch dieses und jenes bin ich. Damit hat es den Übergang von einer einschränkenden Identifizierung in eine gesunde und frei schwingende Identität vollzogen. Nur dazu dient ja die Methode der Teilarbeit: Aus der Identifikation mit einem Teil heraustreten, sein freies Ich spüren und damit den ursprünglich behindernden Teil versöhnt integrieren können. Ein solcher Mensch übernimmt Verantwortung für sich selbst und weiß, dass es immer seine eigene Energie ist, die diese und jene Anteile speist.

Erst aus einer solchen gefestigten Persönlichkeit heraus kann das Einheitserleben mit anderen Menschen angestrebt werden, ohne unterwegs kindliche Symbiose, kalten Dogmatismus oder eine spirituelle Krise zu riskieren. Die Einheit muss dann nämlich überhaupt nicht “angestrebt” werden, sondern entsteht auf ganz natürliche Weise von allein. Auch deshalb mag ich so sehr das Zitat des Khalil Gibran von der Seele, die auf allen Pfaden wandelt und wie eine Lotusblume mit zahllosen Blättern wächst.

Es gibt keine Trennung von Ego und Seele

Wir sind herausgefordert zur Flexibilität und Achtsamkeit, zum permanenten Fühlkontakt mit der Frage “Was ist jetzt angemessen?”. So unterstütze ich beispielsweise jene, die einen Unterschied zwischen Ego und Seele zu entdecken beginnen. Und ich konfrontiere solche, die die Einheit von allem preisen, ohne sie in sich zu beschließen. Diesen, die vom bedingungslosen Annehmen reden, während sie im gleichen Atemzug subtil ausschließen, sage ich gern augenzwinkernd: “Zeige mir, wie du Ego und Seele trennst – und ich zeige dir, was du nicht bist.”

Damit rede ich nicht dem grundsätzlichen Abschied von der Teilearbeit das Wort, sondern möchte dafür sensibilisieren, offen für die eigene Entwicklung zu bleiben. Das meint permanentes Loslassen von Konzepten, so sehr sie einem früher auch geholfen haben. Zugleich bedeutet es nicht, grundsätzlich alle Konzepte über Bord zu werfen. Mein hiesiges Plädoyer ist ein energisches “Es kommt darauf an”. Es kommt darauf an, was gerade angemessen ist. Ich möchte dafür werben, die Essenz führen und die Form dienen zu lassen. Mit anderen Worten: Praktiziere deine Teilearbeit, so lange es dir bei deiner Ganzwerdung dient. Höre auf damit, sobald sie dich in deiner Ganzwerdung behindert. Sei achtsam dafür, dass es heute so und morgen anders und übermorgen wieder so, nur anders sein kann.

Einverleibung erfolgt jenseits von Diät und Völlerei

Wir entwickeln uns nicht linear, sondern spiralförmig aufwärts. Wir durchlaufen Wachstumskreise, innerhalb derer wir uns schrittweise auf höhere Bewusstseinsebenen schwingen. Da gibt es Tage, an denen ich mit mir selbst Teilearbeit praktiziere, und Tage, an denen ich nicht einmal weiß, wie man Teilearbeit buchstabiert. Ich beuge mich demütig meinem Prozess.

Ich begleite Menschen also nicht beim Abspecken ihres Ichs, indem sie sich trickreich zerlegen und dabei heimlich von immer mehr Teilen trennen dürfen. Solche perfektionistisch motivierten Diätversuche sind nichts als eine Gegenbewegung zur in Status und Prestige verhafteten Völlerei.  Zwischen diesen Extremen gibt es einen Weg der Mitte. Jenseits von Diät und Völlerei unterstütze ich Menschen beim Einverleiben von allem, was ihnen begegnet.  Damit diese Einverleibung nicht zu tatsächlichem Übergewicht führt, empfehle ich die Hineinnahme in das Herz als einen allverbundenen, inneren Ort der Liebe (s. Als das Pferd die Katze zu essen begann). Je öfter wir diesen Prozess durchlaufen, desto mehr werden wir zu dem Herz, von dem Khalil Gibran so beschwörend einfach spricht:

… stellt euch ein Herz vor, das all eure Herzen enthält, eine Liebe, die all eure Liebe umfasst, einen Geist, in dem sich der Geist eines jeden von euch wiederfindet, eine Stimme, die all eure Stimmen in sich vereint, und ein Schweigen, das tiefer ist als das eure und zudem zeitlos und ewig.

Wie könntest du auch nur einem einzigen Teil von dir diese bergende Erfahrung vorenthalten? Doch selbst wenn du es versuchtest, wäre er geborgen. Denn kein Teil von dir und keiner deiner Wege liegt außerhalb des Göttlichen oder des persönlich Seelischen. Alles ist eine Manifestation aus ein- und derselben Quelle. Ob du dich zerteilst oder nicht – immer bist du in dem Einen geborgen. Du wählst nur, wie sehr du es fühlst. Darauf wollte ich hinweisen.

Simone Meller

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Erleuchtungsfalle: Identifikation mit dem Nichts


Nicht meine strahlendste transpersonale Erfahrung hebt mich empor, sondern meine Bereitschaft trotz des Geschauten so sehr Mensch zu sein, das alles, was mir widerfährt, Platz in meinem Herzen findet.

Vor einigen Wochen schrieb ich darüber, dass auch die Erfahrung des Nichts nicht zu vergegenständlichen, sondern loszulassen ist, um offen zu bleiben für alle Varianten des Seins (s. Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung). Jede aufgrund einer transpersonalen Erfahrung formulierte Erkenntnis ist nichts weiter als eine hilflose Bezeichnung für etwas Unfassbares, dessen Zipfel das personale Bewusstsein gestreift hat.

Verliebt in das Nichts

Wenn man aber etwas so Schönes geschaut hat wie das Nichts, in dem sich alles einfaltet, um im nächsten Moment voller Anmut wieder aufzuerstehen, so kann das Loslassen dieser Erfahrung genauso schwer fallen wie das Loslassen einer vergangenen Liebesbeziehung. Jeder, der mit dem Nichts identifiziert ist, wird diesen Vergleich entrüstet von sich weisen, und ich kann das gut verstehen. Nonduale Erfahrungen sind so ergreifend, dass in ihrem Angesicht alles bisher Geschaute und Erlebte verblasst. So etwas Phantastisches darf nicht vergehen, sondern muss gehalten werden. Wer sich an seinen ersten Liebeskummer erinnert, wird die Verwandtschaft beider Zustände erkennen. Wie kann DAS vorbei sein! Mit zunehmender Reife wachsen eben auch die Herausforderungen. Konnten wir früher den geliebten Partner nicht loslassen, so ergeht uns das heute  ähnlich mit Erfahrungen im transzendenten Raum.

Bei Dr. Harald Piron las ich die Tage, dass im Buddhismus das Phänomen der Anhaftung am Nichts bekannt ist:

Manche Buddhisten verlieben sich in das Konzept der Leerheit, d.h. sie schaffen es nicht, die Medizin bloß als Medizin zu betrachten. Meditation über Leerheit ist ein Gegenmittel gegen Anhaften. Wenn jemand jedoch das Leben vermeidet, also Gefühle, Verbindlichkeiten, Risiken und alles, was zum menschlichen Leben normalerweise dazu gehört, wäre die Meditation der Leere vielleicht eher eine Flucht und daher kontraindiziert. Im Vajrayana-Buddhismus ist die Gefahr der Konzeptionalisierung von Leere und die Identifikation damit durchaus bekannt. Daher wird auch von der Leere der Leere gesprochen. Am Ende geht es darum, auch die Leere als Konzept wegzuwerfen. Nicht umsonst heißt es im Herzsutra der Prajnaparamita-Sammlung: “Form ist Leere und Leere ist Form.”

Gelingt diese Desidentifikation nicht, kommt es zu einer mehr oder weniger stark ausgesprägten spirituellen Krise. Wir erleben dann Menschen, die permanent vom Nichts reden, auch wenn es gerade nicht darum geht. Anstatt sich auf das einzulassen, was gerade ist, fegen sie kurzerhand alles vom Tisch und wirken dabei ungewollt herablassend, kalt, verächtlich und zynisch. Mit diesen Menschen ist es schwierig bis unmöglich ein bezogenes Gespräch von Herz zu Herz zu führen, weil man sich ständig anhören muss, dass das, wovon man gerade betroffen ist (sei es Ärger, Krankheit oder Begeisterung) überhaupt nicht gibt. Doch der mit dem Nichts identifizierte hält nur scheinbar ein Allheilmittel in der Hand. Tatsächlich erfährt er mit seinem missionarisch vor sich hergetragenen Nichts zunehmend Streit, Kommunikations- und Beziehungsstörungen. Es kommt also der Moment, in dem es darum geht, die vermeintlich überlegene Lehrerrolle abzulegen und sich wieder auf sein wahres Sein einzulassen.

Das wahre Sein ist jetzt

Für viele, die das Nichts gesehen haben, ist es das wahre Sein. Diese Bezeichnung kann ich nachvollziehen, weil die Erfahrung so ergreifend ist. Und doch ist es nur eine Erfahrung von vielen, die wir täglich machen dürfen und dazu zählen eben auch die alltäglichen. Für mich ist all das wahres Sein, was jetzt ist. Ich bin hungrig, müde, wütend, freudig, aufgeregt etc.. Das alles sind duale und höchst personale Zustände, die wir gelegentlich oder immer öfter erlöst im Nichts verschwinden sehen. Doch solange das Nichts gerade nicht da ist, ist das die Wahrheit des Moments. Wer diese Wahrheit nicht wahrhaben will und krampfhaft durch Reden vom Nichts zu überlagern versucht, gerät in etwas Künstliches und letztlich auch Finsteres. Er verlässt seine Ich-bin-Kraft.

Dazu ein Beispiel: Wenn ich im Augenblick traurig bin, ist das meine gegenwärtige Wahrheit. Lasse ich mich liebevoll darauf ein, also ohne ins Drama zu fallen und ohne mich abzulenken, geschieht in völliger Leichtigkeit eine Wandlung, die meinem höchsten Wohl dient. Wenn ich bin, was ich bin, also zu dem stehe, was ich bin, bin ich in meiner vollen Kraft. Kann ich jedoch nicht dazu stehen, weil es nicht zu meinem Selbstkonzept passt (z.B. weil es mir für meinen Erkenntnisstand unwürdig erscheint, also letztlich peinlich ist), dann leugne ich es. Im Grunde ist dies ein neurotisches und weit verbreitetes Prinzip. Meistens handelt es sich um Zustände, in denen wir als Kinder zu wenig bedingungslose Annahme erfahren haben und uns mit diesem Mangel an Liebe identifizieren. Kann ich mich also in meiner Traurigkeit nicht selbst annehmen, finde ich Wege, das unangenehme Gefühl zu übergehen. Dies um so leichter, wenn ich postuliere, dass es mich und das Gefühl nicht gibt. Ich glaube mich aus dem Schneider, doch tatsächlich setzte ich gefährliche Verdrängungsmechanismen in Gang, über die ich in der Vergangenheit unter dem Stichwort Spiritual Bypassing (z.B. Von der Schwierigkeit, auf der Erde zu SEIN) geschrieben habe.

Wohl gemerkt: Nicht die tatsächliche Erfahrung des Nichts ist gefährlich, sondern die Identifikation mit dem Nichts in Momenten, in denen es einfach “nur” darum geht, ich selbst zu sein. Die anstehende Selbsterfahrung, beispielsweise die Traurigkeit, wird unterdrückt zugunsten des bevorzugten Selbstideals, nämlicht nicht mehr personal, sondern nondual zu sein. Damit wird die eigene Kraft geschmälert und infolge kann es nicht nur zu zwischenmenschlichen Problemen, sondern auch zu psychischen Störungen und körperlichen Erkrankungen kommen. Aus mechanistischer Perspektive ist diese Konsequenz nicht nachvollziehbar, jedoch in einem ganzheitlichen Weltbild, in dem Gesundheit und Krankheit als komplementäre Seins-Zustände von Ganzheit (analog dem Welle-Teilchen-Dualismus von Licht) aufgefasst werden.

Die Tragik der Krise

Ich komme nun zu der Tragik dieser Art von spiritueller Krise. In gewisser Weise verweist der mit dem Nichts Identifzierte  auf einen wichtigen Punkt. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrung stellt es sich auch für mich so dar, dass unser gesamtes Weltliches einschließlich des geistigen Reichs ein phantastisches Spiel von Illusionen ist, in dem sich die Quelle erfährt. Nur bedeutet das für mich nicht, mit dem Rasenmäher durch sämtliche Lebensbereiche zu fuhrwerken, sondern jede Erfahrung, die mein Leben bereit hält, demütig und dankbar auszukosten.

Es geht darum, um das Spiel zu wissen und es zugleich ernst zu nehmen. Es geht darum, das dem Tod anheim gegebene zu leben.
aus: Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung

Wer das Nichts schaute und mit dieser Erfahrung zurück in den Alltag kehrt, hat die Chance, anders zu sehen und zu handeln als zuvor. Er kann hinter den Verwicklungen und Herausforderungen des Alltags die Einheit durchschimmern sehen. Er kann in Konflikten plötzlich anders fühlen und agieren, ohne sich dabei selbst zu verbiegen, weil sich in ihm etwas grundlegendes gewandelt hat. Er findet Gelassenheit und erinnert sich immer öfter daran, dass er nicht anhaften muss. Doch bei alledem gilt: Er lebt, was zu leben ist. Er erfährt das Leben gerade angesichts des Nichts als Geschenk und nicht als Demütigung oder spirituelles Nachsitzen.

Um diesen authentischen Schritt bringt sich der, der sich ins Nichts verliebte, weil er nun das banale Leben nicht mehr lieben kann. Es erscheint ihm unter seinem Niveau. Emsig bemüht er sich, andere von seiner Erkenntnis zu überzeugen. So drängt er seine Gedanken auf, wo einfach nur menschliches Miteinander und gemeinsames Verstehen von Augenblick zu Augenblick gefragt sind. In zwanghafter Weise nötigt er sich und andere zum Meditieren, um die Erfahrung des Nichts zu wiederholen, anstatt einfach zuzulassen, was gerade wirklich ist. Begleite ich Menschen dabei, weil systemimmanentes Vorgehen möglicher Bestandteil meiner Arbeit ist, so erfahre ich mit ihnen tatsächlich einen Zustand, in dem scheinbar nichts mehr ist. Doch weil sich dieser Zustand im Gegensatz zum ewigen Nichts kalt, leblos und gehalten anfühlt, während ich Informationen empfange, was gerade beim anderen unterdrückt wird, nenne ich ihn Pseudo-Nichts. Es ist nicht nichts, sondern jede Menge los, was nicht gefühlt werden will. Damit stelle ich bisherige nondualen Erfahrungen nicht in Abrede, sondern merke lediglich an, dass bei bestimmten Befindlichkeiten das eine noch nicht vom anderen differenziert werden kann. Denn fatalerweise wird dieses Pseudo-Nichts blindlings als Bestätigung dafür aufgefasst, dass sich jederzeit alles Menschliche in Nichts wandeln lasse. Während dies geglaubt und munter praktiziert wird, wächst der eigene Schatten und mit ihm die Fallhöhe. Denn der Tag, an dem die Verblendung nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, wird kommen.

Doch bis dahin wird jeder, der daran kratzt, in die Rolle des spirituellen Schülers verwiesen, der nur noch nicht verstanden hat, dass er nicht existiert. Der Moment der Ent-Täuschung wird so lange wie möglich hinausgezögert. Diese Taktik verdient unser Mitgefühl. Denn der, der permanent die Illusion des Lebens niederreißen will, hat dafür gute psychodynamische Gründe und steuert im besten Falle auf eine handfeste Desillusionierung zu. Und das tut weh. Im ungünstigen Falle wähnt er sich dauerhaft als erleuchtet. Piron schreibt dazu:

Die Betroffenen begeben sich höchst selten in psychotherapeutische Behandlung. Häufiger sind es ihre Opfer, die mit solchen Menschen in irgendeiner Art von Beziehung standen oder von ihnen in eine Schülerrolle gedrückt werden.

Transzendenz kann erschüttern

Das hier geschilderte ist nur ein Beispiel von vielen dafür, wie transpersonale Erfahrungen zu spirituellen Krisen führen können. Transzendente Erlebnisse können eben nicht nur erhellen, sondern auch erschüttern. Nicht immer folgt daraus eine Verwirrung der beschriebenen Art, sondern nur dann, wenn aufgrund mangelnder Schattenarbeit eine psychische Instabilität besteht. Ken Wilber hat gesagt:

Aus einem Neurotiker, der meditiert, wird bestenfalls ein erleuchteter Neurotiker.

Deshalb sind Menschen mit spirituellen Krisen gut bei transpersonal arbeitenden Psychotherapeuten aufgehoben. Dort werden sie nicht kränker gemacht als sie sind, sondern ermutigt, endlich voll und ganz das zu sein, was sie sind. Viele Lebensberaterinnen und spirituelle Lehrer tun dies ebenfalls, doch nicht immer haben sie ihre eigene Schattenarbeit geleistet und oft sind sie nicht so erfahren im Durchschauen und Auflösen neurotischer Ablenkungsmanöver. Wiederum neigen noch viele Psychotherapeutinnen mangels spiritueller Selbsterfahrung dazu, transzendente Phänomene per se zu pathologisieren (z.B. als Halluzination), was für die Betroffenen nicht nur kränkend, sondern auch abschreckend ist. Aufklärungsarbeit ist also gleichermaßen bei Betroffenen und Helfern vonnöten.

Transzendenz ist eine natürliche und prinzipiell ungefährliche Erfahrung. Misslingt jedoch ihre Integration in das Alltagsbewusstsein kann es zu Verwirrungen und Problemen kommen, die nicht nur menschlich, sondern allesamt lösbar sind! Denn daran erinnert uns die Erfahrung des Nichts: Es gibt nichts, an dem wir zu haften hätten.

Simone Meller
Foto: Rainer Sturm, Pixelio

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Sommergefühle


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So schön kann Nürnberg bei Regen sein


Durch eine bemerkenswerte Verkettung von Umständen habe ich Christi Himmelfahrt bei strömenden Regen auf dem Nürnberger Flughafen verbracht. Dieser ist vergleichsweise klein, und nachdem ich den Souvenirshop (die Nürnberger verkaufen ihre Lebkuchen auch im Mai) sowie den Buchladen (mir fiel ein Buch mit Anekdoten über abenteuerliche Flugerlebenisse in die Augen) ausführlich durchstöbert habe, suche ich einen angenehmen Platz mit Steckdose. Ich finde ihn im Flughafen-Restaurant mit Hilfe eines engagierten Kellners, den ich darüber informiere, dass ich hier bis zum Abend auf den einzigen zweiten Flug nach Hamburg warten wollen würde. Den ersten hatte ich nicht wirklich, sondern in aller Ruhe verpasst, weil ich in großstädtischer Manier von “vielen” weiteren Flügen nach Hamburg ausgegangen war.

Ich breite meine Unterlagen aus, blicke auf das verregnete Rollfeld und lasse mich in die entspannte Feiertagsatmosphäre des Restaurants fallen. Wie anders doch die Energie ist, wenn weniger Geschäftsreisende unterwegs sind. Die Merkwürdigkeit der Umstände und meine Zufriedenheit über meinen gestern gehaltenen Vortrag bringen mich auf den Gedanken, dass dies ein mit Champagner zu würdigender Moment sein könnte. Ich genieße das prickelnde Gefühl auf meiner Zunge, das sich rasch im ganzen Körper ausbreitet. Der Mittag naht, das Restaurant füllt sich mit quirligen Familien und älteren Ehepaaren. Am Nachbartisch strahlt eine Dame kurz vor Abflug zur Semper-Oper, etwas in der Ferne erspähe ich einenen verschollen wirkenden Geschäftsmann. Dazwischen ausgesprochen freundliche und aufmerksame Kellner, voll unter Dampf. Feiertag eben.

Mein Langstreckenflug Nürnberg-Hamburg beginnt mir Spaß zu machen. Schnell wird das Notebook uninteressant, mein Handy hatte ich bereits auf dem Hinflug durch Schusseligkeit untauglich gemacht. Phasenweise lese ich, teils sind die Gespräche um mich herum spannender. Da weint ein kleiner Junge, weil er so gerne mit den Flugzeugen auf dem Rollfeld spielen möchte. Die Unmöglichkeit ist jedem Erwachsenen sofort klar. Doch wie erklärt man das der Seele eines Kindes, die erst vor wenigen Jahren aus der unendlichen Weite die Begrenzungen eines Körpers wählte? Der Vater gibt sein Bestes, während die Mutter das jüngere Kind füttert. Ich bestelle Spargel und Wasser. Vor mir sitzt ein sehr altes Ehepaar schweigend nebeneinander, immer wieder den Blick auf das Rollfeld richtend.

Ich rekapituliere, wann ich zum Check-in muss, um meinen Flug nicht zu verpassen – wie einst beinahe passiert beim Fluglotsenstreik in Thessaloniki. Nach stundenlangem Warten war ich so entspannt, dass ich die Ernsthaftigkeit des tatsächlich irgendwann einsetzenden Boardings verkannte und mich auf der Toilette wunderte, über Lautsprecher meinen Namen zu hören. Doch noch ist reichlich Zeit. Am Nachbartisch gibt es Schwarzwälder Kirschtorte, hhm, lecker, aber leider bin ich satt. So wandern meine Gedanken umher, während draußen Flugzeuge landen und starten, in alle Herren Länder, nur nicht nach Hamburg.

Dort, in Hamburg, hatte man mich gestern am frühen Morgen bei der Sicherheitskontrolle herausgefischt. Während der Sicherheitsmitarbeiter mit spitzen Fingern meine Aktentasche hielt, rief ich schuldbewusst aus: “Oh je, ich habe vergessen, meine Kosmetik vorzuzeigen”. Doch war es nicht dieses Versäumnis, weshalb der Mann nun in meiner Tasche zu wühlen begann, während ich gleichzeitig meinen Mantel anzuziehen und mein separat kontrolliertes Notebook wieder in meine Hände zu bekommen versuchte. Nein, corpus delicti war ein dicker Stapel Visitenkarten, die ich zum Schutz vor Abstoßung in einer Plastiktüte verpackt hatte. Verwundert hielt der Beamte seinen Fund hoch. Wie gut, dass es nur Visitenkarten waren, dachte ich angesichts der neugierigen Blicke um mich herum. Als ich ihn, wie es sich für eine Psychologin gehört, nach seiner ursprünglichen “Befürchtung” fragte, sprach er von der Vermutung eines Cremetiegels, aber dass die Bestimmungen sowieso bald wieder gelockert würden. Wir verabschieden uns freundlich, beide durch den “Scherz” etwas wacher als zuvor.

Hier in Mittelfranken ist jetzt eindeutig die Zeit für Kaffee und Kuchen gekommen, der Blick auf die Tortenpracht an den Nachbartischen lässt keinen Zweifel. Auch die Eiskarte sieht gut aus. Doch mein Appetit spielt weiterhin nicht mit, so bleibe ich bei Wasser und Buch. Am Abend verabschiedet mich der Kellner mit Handschlag “bis zum nächsten Mal”. Mit einem Gefühl von Vertrautheit verlasse ich das Restaurant. Der Check-in-Schalter ist mittlerweile besetzt, doch vor ihm eine Schlange Menschen mit reichlich Gepäck. Ich versuche mich am Automaten, doch der kann mir unter meiner Buchungsnummer keine Buchung bestätigen. Mich wundert nichts mehr, fühle mich stoisch für alle Eventualitäten gewappnet und warte ergeben in der Schlange. Hauptsache, die Maschine fliegt heute noch nach Hamburg. Die Dame am Schalter findet meine Buchung, und gemeinsam lachen wir darüber, dass ich “im Gang sitzen” will. Ich komme rechtzeitig zum Boarding und schlage den scheinheiligen Handelsversuch eines irischen Hünens aus, seinen tollen Fensterplatz mit meinem schnöden Gangplatz zu tauschen. Auch ich finde, dass die Sitzreihen nicht für uns normal gewachsene Menschen dimensioniert sind.

Die Stewardessen sind extrem gut gelaunt, rocken zu “Sweet Home Alabama” aus den Lautsprechern und flirten, was das Zeug hält. Müsste ich nicht angeschnallt sein, würde ich mit ihnen tanzen: Sweet HOME Hamburg. So bleibt mir der freudige Anblick und die Aussicht auf einen angenehmen Flug. Hier bekomme ich den Keks, der gestern im Hotel zwischen exklusiven Nachtischen nicht einmal auf der Untertasse des Kaffees aufzutreiben war. Der Pilot ist ebenfalls guter Dinge, doch als sich während des Flugs das Cockpit zum zweiten Mal meldet, spricht nicht er, sondern ein Mustafa Sowieso, der sich als fliegender Co-Pilot zu erkennen gibt. Seine Ansage ist nicht so flüssig und vollmundig wie die des Piloten, so dass ich eine Art Übungsflug unter Supervision vermute, keine Ahnung wie das in der Fliegerei korrekt genannt wird. Ja, jetzt erinnere ich, wie der Pilot beim Start ankündigte, “sein Kollege” würde uns nach Hamburg fliegen.

Wir befinden uns im Anflug auf Hamburg. Die Ohren klackern, Alster, Baumwipfel und Dächer kommen näher, da starten wir plötzlich wieder durch, gewinnen erneut an Höhe. Verdutzt blicken wir Passagiere uns an, während der Hamburger Flughafen unter uns zurück bleibt. Ob Mustafa wirklich Co-Pilot ist, und ob er weiß, was er tut? Aus dem Cockpit erfolgt kein Kommentar, die Stewardessen schweigen, der irische Hüne schwitzt, und ich denke an das Buch mit den kuriosen Flugzeuggeschichten und den kleinen  Jungen, der vortags den Absturz in Libyen überlebt hat. Ein Gong ertönt, die Schilder zu den Notausgängen werden beleuchtet, Angst flackert auf. Ich fühle ins Cockpit, nehme keine ernsthafte Gefahr wahr, doch meine Phantasien erschweren mir eine klare Wahrnehmung der konkreten Hintergründe. So nehme ich den schwitzenden Mann neben mir in mein Herz und gehe in die Stille. Der zweite Landeversuch gelingt, etwas holprig und schlingernd, doch die Maschine kommt sicher zum Stehen. Kein Kommentar, keine Verabschiedung aus dem Cockpit. Dafür ein Herz aus Schokolade von der Stewardess.

Glücklich betrete ich Hamburger Boden. Die S-Bahn nach Blankenese quer durch die ganze Stadt füllt sich rasch mit betrunkenen (Nicht-)Vätern (kein Vergleich zum beschaulichen Vatertag am Nürnberger Flughafen) und einschlägigen Abenteuergeschichten (kein Vergleich zu meinen Gläschen Champagner). Ein junger Mann, der offensichtlich mehr als Alkohol intus hat, beginnt sich auszuziehen. Im entscheidenden Moment wird er von seinem Kumpel zum Aussteigen gedrängt. Seinen Platz nimmt ein älterer Mann ein, der paranoid psychotische Züge an den Tag legt, und mit seinen finsteren Blicken eine Mutter mit ihren drei Kindern so beunruhigt, dass sie sich zu mir setzen. Ich bedaure, dass ich nur zwei Schokoherzen (Hin- und Rückflug) in der Tasche habe, die ich nicht drei Kindern schenken kann. Doch sie sind allerliebst, und in ihrem lebhaften Treiben verfliegt auch die letzte Reisezeit – beinahe wie im Flug. Im ehemaligen Fischerdorf Blankenese empfängt mich eine gut gelaunte Ruhe, als ob nichts gewesen wäre. War überhaupt was? Ach ja, ich war kurz in Nürnberg.

Simone Meller

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