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Erleuchtungsfalle: Identifikation mit dem Nichts


Nicht meine strahlendste transpersonale Erfahrung hebt mich empor, sondern meine Bereitschaft trotz des Geschauten so sehr Mensch zu sein, das alles, was mir widerfährt, Platz in meinem Herzen findet.

Vor einigen Wochen schrieb ich darüber, dass auch die Erfahrung des Nichts nicht zu vergegenständlichen, sondern loszulassen ist, um offen zu bleiben für alle Varianten des Seins (s. Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung). Jede aufgrund einer transpersonalen Erfahrung formulierte Erkenntnis ist nichts weiter als eine hilflose Bezeichnung für etwas Unfassbares, dessen Zipfel das personale Bewusstsein gestreift hat.

Verliebt in das Nichts

Wenn man aber etwas so Schönes geschaut hat wie das Nichts, in dem sich alles einfaltet, um im nächsten Moment voller Anmut wieder aufzuerstehen, so kann das Loslassen dieser Erfahrung genauso schwer fallen wie das Loslassen einer vergangenen Liebesbeziehung. Jeder, der mit dem Nichts identifiziert ist, wird diesen Vergleich entrüstet von sich weisen, und ich kann das gut verstehen. Nonduale Erfahrungen sind so ergreifend, dass in ihrem Angesicht alles bisher Geschaute und Erlebte verblasst. So etwas Phantastisches darf nicht vergehen, sondern muss gehalten werden. Wer sich an seinen ersten Liebeskummer erinnert, wird die Verwandtschaft beider Zustände erkennen. Wie kann DAS vorbei sein! Mit zunehmender Reife wachsen eben auch die Herausforderungen. Konnten wir früher den geliebten Partner nicht loslassen, so ergeht uns das heute  ähnlich mit Erfahrungen im transzendenten Raum.

Bei Dr. Harald Piron las ich die Tage, dass im Buddhismus das Phänomen der Anhaftung am Nichts bekannt ist:

Manche Buddhisten verlieben sich in das Konzept der Leerheit, d.h. sie schaffen es nicht, die Medizin bloß als Medizin zu betrachten. Meditation über Leerheit ist ein Gegenmittel gegen Anhaften. Wenn jemand jedoch das Leben vermeidet, also Gefühle, Verbindlichkeiten, Risiken und alles, was zum menschlichen Leben normalerweise dazu gehört, wäre die Meditation der Leere vielleicht eher eine Flucht und daher kontraindiziert. Im Vajrayana-Buddhismus ist die Gefahr der Konzeptionalisierung von Leere und die Identifikation damit durchaus bekannt. Daher wird auch von der Leere der Leere gesprochen. Am Ende geht es darum, auch die Leere als Konzept wegzuwerfen. Nicht umsonst heißt es im Herzsutra der Prajnaparamita-Sammlung: “Form ist Leere und Leere ist Form.”

Gelingt diese Desidentifikation nicht, kommt es zu einer mehr oder weniger stark ausgesprägten spirituellen Krise. Wir erleben dann Menschen, die permanent vom Nichts reden, auch wenn es gerade nicht darum geht. Anstatt sich auf das einzulassen, was gerade ist, fegen sie kurzerhand alles vom Tisch und wirken dabei ungewollt herablassend, kalt, verächtlich und zynisch. Mit diesen Menschen ist es schwierig bis unmöglich ein bezogenes Gespräch von Herz zu Herz zu führen, weil man sich ständig anhören muss, dass das, wovon man gerade betroffen ist (sei es Ärger, Krankheit oder Begeisterung) überhaupt nicht gibt. Doch der mit dem Nichts identifizierte hält nur scheinbar ein Allheilmittel in der Hand. Tatsächlich erfährt er mit seinem missionarisch vor sich hergetragenen Nichts zunehmend Streit, Kommunikations- und Beziehungsstörungen. Es kommt also der Moment, in dem es darum geht, die vermeintlich überlegene Lehrerrolle abzulegen und sich wieder auf sein wahres Sein einzulassen.

Das wahre Sein ist jetzt

Für viele, die das Nichts gesehen haben, ist es das wahre Sein. Diese Bezeichnung kann ich nachvollziehen, weil die Erfahrung so ergreifend ist. Und doch ist es nur eine Erfahrung von vielen, die wir täglich machen dürfen und dazu zählen eben auch die alltäglichen. Für mich ist all das wahres Sein, was jetzt ist. Ich bin hungrig, müde, wütend, freudig, aufgeregt etc.. Das alles sind duale und höchst personale Zustände, die wir gelegentlich oder immer öfter erlöst im Nichts verschwinden sehen. Doch solange das Nichts gerade nicht da ist, ist das die Wahrheit des Moments. Wer diese Wahrheit nicht wahrhaben will und krampfhaft durch Reden vom Nichts zu überlagern versucht, gerät in etwas Künstliches und letztlich auch Finsteres. Er verlässt seine Ich-bin-Kraft.

Dazu ein Beispiel: Wenn ich im Augenblick traurig bin, ist das meine gegenwärtige Wahrheit. Lasse ich mich liebevoll darauf ein, also ohne ins Drama zu fallen und ohne mich abzulenken, geschieht in völliger Leichtigkeit eine Wandlung, die meinem höchsten Wohl dient. Wenn ich bin, was ich bin, also zu dem stehe, was ich bin, bin ich in meiner vollen Kraft. Kann ich jedoch nicht dazu stehen, weil es nicht zu meinem Selbstkonzept passt (z.B. weil es mir für meinen Erkenntnisstand unwürdig erscheint, also letztlich peinlich ist), dann leugne ich es. Im Grunde ist dies ein neurotisches und weit verbreitetes Prinzip. Meistens handelt es sich um Zustände, in denen wir als Kinder zu wenig bedingungslose Annahme erfahren haben und uns mit diesem Mangel an Liebe identifizieren. Kann ich mich also in meiner Traurigkeit nicht selbst annehmen, finde ich Wege, das unangenehme Gefühl zu übergehen. Dies um so leichter, wenn ich postuliere, dass es mich und das Gefühl nicht gibt. Ich glaube mich aus dem Schneider, doch tatsächlich setzte ich gefährliche Verdrängungsmechanismen in Gang, über die ich in der Vergangenheit unter dem Stichwort Spiritual Bypassing (z.B. Von der Schwierigkeit, auf der Erde zu SEIN) geschrieben habe.

Wohl gemerkt: Nicht die tatsächliche Erfahrung des Nichts ist gefährlich, sondern die Identifikation mit dem Nichts in Momenten, in denen es einfach “nur” darum geht, ich selbst zu sein. Die anstehende Selbsterfahrung, beispielsweise die Traurigkeit, wird unterdrückt zugunsten des bevorzugten Selbstideals, nämlicht nicht mehr personal, sondern nondual zu sein. Damit wird die eigene Kraft geschmälert und infolge kann es nicht nur zu zwischenmenschlichen Problemen, sondern auch zu psychischen Störungen und körperlichen Erkrankungen kommen. Aus mechanistischer Perspektive ist diese Konsequenz nicht nachvollziehbar, jedoch in einem ganzheitlichen Weltbild, in dem Gesundheit und Krankheit als komplementäre Seins-Zustände von Ganzheit (analog dem Welle-Teilchen-Dualismus von Licht) aufgefasst werden.

Die Tragik der Krise

Ich komme nun zu der Tragik dieser Art von spiritueller Krise. In gewisser Weise verweist der mit dem Nichts Identifzierte  auf einen wichtigen Punkt. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrung stellt es sich auch für mich so dar, dass unser gesamtes Weltliches einschließlich des geistigen Reichs ein phantastisches Spiel von Illusionen ist, in dem sich die Quelle erfährt. Nur bedeutet das für mich nicht, mit dem Rasenmäher durch sämtliche Lebensbereiche zu fuhrwerken, sondern jede Erfahrung, die mein Leben bereit hält, demütig und dankbar auszukosten.

Es geht darum, um das Spiel zu wissen und es zugleich ernst zu nehmen. Es geht darum, das dem Tod anheim gegebene zu leben.
aus: Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung

Wer das Nichts schaute und mit dieser Erfahrung zurück in den Alltag kehrt, hat die Chance, anders zu sehen und zu handeln als zuvor. Er kann hinter den Verwicklungen und Herausforderungen des Alltags die Einheit durchschimmern sehen. Er kann in Konflikten plötzlich anders fühlen und agieren, ohne sich dabei selbst zu verbiegen, weil sich in ihm etwas grundlegendes gewandelt hat. Er findet Gelassenheit und erinnert sich immer öfter daran, dass er nicht anhaften muss. Doch bei alledem gilt: Er lebt, was zu leben ist. Er erfährt das Leben gerade angesichts des Nichts als Geschenk und nicht als Demütigung oder spirituelles Nachsitzen.

Um diesen authentischen Schritt bringt sich der, der sich ins Nichts verliebte, weil er nun das banale Leben nicht mehr lieben kann. Es erscheint ihm unter seinem Niveau. Emsig bemüht er sich, andere von seiner Erkenntnis zu überzeugen. So drängt er seine Gedanken auf, wo einfach nur menschliches Miteinander und gemeinsames Verstehen von Augenblick zu Augenblick gefragt sind. In zwanghafter Weise nötigt er sich und andere zum Meditieren, um die Erfahrung des Nichts zu wiederholen, anstatt einfach zuzulassen, was gerade wirklich ist. Begleite ich Menschen dabei, weil systemimmanentes Vorgehen möglicher Bestandteil meiner Arbeit ist, so erfahre ich mit ihnen tatsächlich einen Zustand, in dem scheinbar nichts mehr ist. Doch weil sich dieser Zustand im Gegensatz zum ewigen Nichts kalt, leblos und gehalten anfühlt, während ich Informationen empfange, was gerade beim anderen unterdrückt wird, nenne ich ihn Pseudo-Nichts. Es ist nicht nichts, sondern jede Menge los, was nicht gefühlt werden will. Damit stelle ich bisherige nondualen Erfahrungen nicht in Abrede, sondern merke lediglich an, dass bei bestimmten Befindlichkeiten das eine noch nicht vom anderen differenziert werden kann. Denn fatalerweise wird dieses Pseudo-Nichts blindlings als Bestätigung dafür aufgefasst, dass sich jederzeit alles Menschliche in Nichts wandeln lasse. Während dies geglaubt und munter praktiziert wird, wächst der eigene Schatten und mit ihm die Fallhöhe. Denn der Tag, an dem die Verblendung nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, wird kommen.

Doch bis dahin wird jeder, der daran kratzt, in die Rolle des spirituellen Schülers verwiesen, der nur noch nicht verstanden hat, dass er nicht existiert. Der Moment der Ent-Täuschung wird so lange wie möglich hinausgezögert. Diese Taktik verdient unser Mitgefühl. Denn der, der permanent die Illusion des Lebens niederreißen will, hat dafür gute psychodynamische Gründe und steuert im besten Falle auf eine handfeste Desillusionierung zu. Und das tut weh. Im ungünstigen Falle wähnt er sich dauerhaft als erleuchtet. Piron schreibt dazu:

Die Betroffenen begeben sich höchst selten in psychotherapeutische Behandlung. Häufiger sind es ihre Opfer, die mit solchen Menschen in irgendeiner Art von Beziehung standen oder von ihnen in eine Schülerrolle gedrückt werden.

Transzendenz kann erschüttern

Das hier geschilderte ist nur ein Beispiel von vielen dafür, wie transpersonale Erfahrungen zu spirituellen Krisen führen können. Transzendente Erlebnisse können eben nicht nur erhellen, sondern auch erschüttern. Nicht immer folgt daraus eine Verwirrung der beschriebenen Art, sondern nur dann, wenn aufgrund mangelnder Schattenarbeit eine psychische Instabilität besteht. Ken Wilber hat gesagt:

Aus einem Neurotiker, der meditiert, wird bestenfalls ein erleuchteter Neurotiker.

Deshalb sind Menschen mit spirituellen Krisen gut bei transpersonal arbeitenden Psychotherapeuten aufgehoben. Dort werden sie nicht kränker gemacht als sie sind, sondern ermutigt, endlich voll und ganz das zu sein, was sie sind. Viele Lebensberaterinnen und spirituelle Lehrer tun dies ebenfalls, doch nicht immer haben sie ihre eigene Schattenarbeit geleistet und oft sind sie nicht so erfahren im Durchschauen und Auflösen neurotischer Ablenkungsmanöver. Wiederum neigen noch viele Psychotherapeutinnen mangels spiritueller Selbsterfahrung dazu, transzendente Phänomene per se zu pathologisieren (z.B. als Halluzination), was für die Betroffenen nicht nur kränkend, sondern auch abschreckend ist. Aufklärungsarbeit ist also gleichermaßen bei Betroffenen und Helfern vonnöten.

Transzendenz ist eine natürliche und prinzipiell ungefährliche Erfahrung. Misslingt jedoch ihre Integration in das Alltagsbewusstsein kann es zu Verwirrungen und Problemen kommen, die nicht nur menschlich, sondern allesamt lösbar sind! Denn daran erinnert uns die Erfahrung des Nichts: Es gibt nichts, an dem wir zu haften hätten.

Simone Meller
Foto: Rainer Sturm, Pixelio

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Pilzsuche im psycho-spirituellen (Esoterik-)Wald


“Der typische Esoteriker ist nett, mitfühlend, optimistisch, aufgeschlossen, aber leider auch sehr leichtgläubig”, so schrieb mal Wolf Schneider und weiter: “Herzlichkeit und Hingabe werden in diese Szene hoch gehandelt, Intellekt und Unterscheidungsvermögen hingegen diskreditiert. So haben die Verkäufer des Halbwahren ein leichtes Spiel.” Damit ist die Crux der Esoterik so treffend auf den Punkt gebracht, dass ich es selbst nicht besser ausdrücken könnte (auch wenn ich Schneider lieber nicht zitiert hätte, weil mir viele andere seiner Gedanken als zu zynisch und wenig beseeelt erscheinen). Ich spreche von einer “Crux”, weil ich in der Esoterik viele für meine Entwicklung wichtige Impulse gefunden habe, aber auch so viel Schindluderei und strahlende Fassaden mit ungehemmt pathologischem Hintergrund gesehen habe, dass ich jedes Vorurteil, das der Esoterik entgegengebracht wird, verstehen kann. Wie in jedem Lebensbereich (sei es das Bäckerhandwerk oder die medizinische Zunft) gibt es eben solche und solche. Wir tun deshalb gut daran, Menschen und ihre Angebote mit Kopf, Herz und Bauch wahrzunehmen.

Ich schätze es sehr, wenn (potenzielle) Kunden mich mit ihrer Skepsis konfrontieren, denn schließlich konfrontiere ich sie zuvor durch meine öffentliche Selbstdarstellung mit einer ungewohnten Weise zu sein und zu handeln. Neulich äußerte ein Firmenkunde in einem Projekt-Vorgespräch ganz klar: “Ich wollte Sie kennenlernen, um herauszufinden: Wie esoterisch sind Sie?” Aus dieser Offenheit heraus entstand ein sehr spannendes Gespräch, das für beide Seiten Lernmomente beinhaltete. Die Differenzierungen und Verbindungen, die in meiner Person harmonisch zusammenlaufen, sind für viele Menschen in der Alten Energie zunächst schwer verdaulich. Und zwar für die Esoteriker genauso wie für die Anti-Esoteriker. Eine Freundin meinte mal: “Du passt in keine Schublade – Ikea hin, Prokrustes her”. Das ist ja das Wunderbare in der Neuen Energie, wieviel sich verbinden bzw. sich bei tieferer Betrachtung  auf eine gemeinsam zugrundeliegende Einheit zurückführen lässt!

Wer mit Medizin, Psychotherapie oder Esoterik schlechte Erfahrungen gemacht hat, neigt aus Angst vor einer Wiederholung dazu, den gesamten Bereich mit einer Armbewegung vom Tisch zu wischen. Das kann man machen, nur landet dabei auch einiges im Mülleimer, was man vielleicht noch brauchen könnte. Hilfreich finde ich deshalb, Erfahrungen zu Kriterien zu verwerten, also eine Art Faustregel zu entwickeln. In diesem Artikel möchte ich ein paar solcher Kriterien vorstellen, die sich auf den boomenden psycho-spirituellen (Esoterik-)Markt anwenden lassen.

Es existiert eine beeindruckende Vielfalt verschiedenster Gruppen und Bewegungen. Seriöse Ansätze koexistieren neben zweifelhaften Angeboten, und aus Abgrenzungen von älteren Gruppen gehen neue guruhafte Bewegungen aus. Wie kann man solche Gruppen einschätzen? Wo wird die eigenen Entwicklung gefördert, und wo wird sie vielleicht unterdrückt? Die Pädagogin und Therapeutin Angelika Doerne hat vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung die Literatur zur transpersonalen Psychologie (u.a. Ken Wilber, Ludwig Frambach, Dick Anthony) gesichtet und sechs Kriterien abgleitet, anhand derer psycho-spirituelle Gruppen kritisch und differenziert betrachtet werden können. Sie untersucht klare, aber auch subtile Phänomene der kollektiven Identifikation und Selbstunterwerfung. Im folgenden referiere ich die von Doerne vorgeschlagenen sechs Kriterien in stark vereinfachter Weise (den Gesamtkontext kann man im Originalartikel nachlesen).

* * *

1.) Regressive Tendenzen (Zurückfallen in kindliche Verhaltensmuster):

Entwertung des Verstands: Hier hilft die Unterscheidung nach Wilber in prä- und transrational: Bei einem transrationalen Verständnis wird der Verstand nicht mehr überbewertet, sondern transzendiert. Er wird in Form von kritisch-rationalem Denken harmonisch integriert. Im Gegensatz dazu schließen prärational agierende Gruppen den Verstand weder ein noch transzendieren sie ihn. Sie betrachten den Verstand irrtümlich als spirituelles Entwicklungshemmnis, als Ursache menschlichen Leidens und werten ihn entsprechend ab. In solchen Gruppen ist kritisches Denken verpönt und wird als Zeichen von spiritueller Unreife gesehen.

Symbiose (kindliche Verschmelzung) wird irrtümlich für spirituelles Einheitserleben gehalten.

Götter, Geister, Dämonen, Außerirdische und andere Kräfte werden als alllmächtig gesehen, die durch richtige Gebete und Rituale den eigenen Wünschen gegenüber gnädig gestimmt werden können.

Diese regressiven Tendenzen werden nur ausgelebt, nicht verstanden und nicht auf einem neuen Bewusstseinsniveau integriert.

2) Sabotage von Entwicklungsprozessen

Verdrängtes und Unangenehmes wird tabuisiert oder bagatellisiert, weil es den Lehrer, die Gruppe, das ideologische System bedroht oder mit solchen Gefühlen nicht umgegangen werden kann.

Gipfel- und Grenzerlebnisse werden durch extrem lange, intensive, die persönliche Schmerzgrenze überschreitende Meditationspraxis überschritten und können deshalb nicht organisch integriert werden.

Pathologische Entwicklungen, die sich auf jeder (!) Stufe im menschlichen Entwicklungsprozess einstellen können, werden aus fachlicher Unkenntnis seitens des Lehrers verkannt. Dadurch können psychopathologische Zustände, die einer bestimmten Therapie bedürften, fälschlich für mystische Erfahrungen gehalten werden und schlimmstenfalls durch kontraindizierte Techniken eskalieren. Doerne schreibt dazu:

Ein Gefühl der inneren Leere und Sinnlosigkeit, wie es bei Borderline-Patienten auftritt, kann mit der buddhistischen Leerheit verwechselt werden. Die innere Leere wird positiv umgedeutet und mystifiziert, statt das Defizit der Entwicklung zu erkennen und therapeutisch zu behandeln. (S. 25)

Transpersonale Entwicklung bedarf eines soliden Fundaments, nämlich einer fortgeschrittenen personalen Entwicklung. Ist diese nicht gegeben, bestehen Risiken. Doerne:

Signer macht auf die Gefahr des ’spiritual bypassing’ aufmerksam (S. 59 ff.): Lebenskrisen mit Hilfe von Meditation o.ä. zu umgehen und Probleme und Entwicklungsprozesse vorschnell zu ‘transzendieren’. Gerade bei Menschen in der späten Adoleszenz sowie in der Krise der Lebensmitte ist dieses Verhalten zu beobachten. Dabei ist es wichtig, die phasenspezifischen Krisen durchzustehen und personale Transformationsprozesse zu fördern. (S. 25/26, Unterstreichung von mir)

3) Stärkung von Narzissmus

Eigene Wünsche werden irrtümlich für universelle Notwendigkeiten und Rechte gehalten (Egoismus-Ausweitung).

Die Macht über das eigene Schicksal oder das anderer Menschen wird überschätzt (Selbstüberschätzung).

Psychische Gipfel- und Grenzerlebnisse werden trophäenhaft zur Schau getragen und münden in einer Arroganz gegenüber anderen (Spitzenleistungen).

4) Überbetonung von Gemeinschaft

Dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit werden kritische Äußerungen und individuelle Bedürfnisse geopfert. In manchen Gruppen erfolgen mehr oder weniger (soziale) Sanktionen, wenn der Ideologie der Gruppe nicht ergeben begegnet wird.

Die Gruppenanhänger polarisieren zwischen sich und unwissenden Nicht-Anhängern der Gruppe (also dem Rest der Welt). Teilweise werden sonstige soziale und berufliche Kontakte abgebrochen, Engagement für die Gruppe und ggf. Unterwerfung unter die Gruppenleiter sind von großer Wichtigkeit.

5) Ungleichgewicht transzendenter und weltlicher Orientierung

In einseitig orientierten Gruppen kommt es entweder zu einer Überbetonung von Transzendenz (einseitige Aufstiegsbewegung: asketische, weltabgewandte Haltung, Abspaltung von Gefühlen und Bedürfnissen, Verwechslung von Dissoziation mit Nicht-Anhaftung etc.) oder zu einer Überbetonung des Weltlichen (einseitige Abstiegsbewegung: Idealisierung starker emotionaler Erfahrungen, emotionale Katharsis wird für transzendierende spirituelle Praxis gehalten etc.).

6) Verflachte Interpretationen spiritueller Inhalte und Erfahrungen

Ein Aspekt aus dem Lehrsystem wird herausgegriffen, zum Dogma stilisiert und als einfältige Antwort auf sämtliche Fragen des Lebens angewandt (z.B. “Der Verstand ist schuld.”, “Alles ist eins” etc.).

Unausgereifte personale Entwicklung führt zu verzerrten Erfahrungsinterpretationen und deren Weitergabe.

* * *

Ich finde solche Kritierien wichtig, weil sie eine (fachlich) differenzierte Beurteilung der (Gruppen-)Angebote auf dem psycho-spirituellen (Esoterik-)Markt ermöglichen. Menschen mit fortgeschrittener Selbsterfahrung können die Angebote leichter einschätzen und die Kriterien ggf. auch als Hilfe beim Ausstieg aus (subtil) missbräuchlich agierenden Gruppen nutzen. Doerne wendet am Ende ihres Artikels diese sechs Kriterien beispielhaft auf die Bhagwan-Bewegung an.

Mir kam beim Schreiben das Bild vom Pilze sammeln in den Sinn. Wenn ich durch den psycho-spirituellen Wald schlendere, dann sammle ich die bekömmlichen Pilze ein, die giftigen lasse ich unberührt. Beide stehen dicht beieinander – und genauso ist es im esoterischen Kommerz. Die Schwierigkeit ist nur, dass diese Differenzierung von Pilzen bzw. Angeboten ein gewisses Maß an integrierter Erfahrung und Wissen voraussetzt. Viele der Hilfesuchenden verfügen (noch) nicht über diese personale Reife, deshalb suchen sie ja! Aber jeder verfügt über eine echte Chance, die nie vergeht: Wir alle können täglich aus unseren Erfahrungen lernen. Die von Doerne zusammengetragenen Kriterien können dafür eine Hilfe sein.

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» Telefonberatung: Für Menschen in laufenden Psychotherapien/Beratungen, die aufgrund eines Problems oder Konflikts mit ihrem/ihrer Therapeut/in,  Lebensberater/in, Heiler/in etc. verunsichert sind und eine zweite Meinung wünschen

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Text: Simone Meller
Fotos: Pixelio, Re.Ko., Renate Tröße
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Zugehörige Artikel:

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Zwischen Mut und Demut fließt mein Leben


272918_R_K_by_Carsten-Przygoda_pixelio.deDemut und Demütigung – das können viele Menschen nicht auseinander halten. Schon länger wollte ich darüber schreiben, zuletzt gedacht gestern, als ich über die Hingabe an das Feuer geschrieben habe. Eben las ich auf Matthias Kreis Blog, dass er das Thema aus seiner Perspektive am Wickel hat. Er schreibt, dass Hingabe persönliche Entwicklung ermöglicht und leichter fällt, wenn man sich klar macht, dass es um Hingabe an eine Wachstumshierarchie und nicht um Unterordnung in einer Machthierarchie geht.

Ich finde, mit dieser von Ken Wilber eingeführten Hierarchie-Unterscheidung lassen sich Demut und Demütigung wunderbar differenzieren. “Nach unten treten, nach oben buckeln”, das beschreibt die Radfahrermentalität, eine Kultur der Demütigung, die noch in vielen Unternehmen und Familien vorherrscht. Zahlreiche Religionen und esoterische Kreise, aber auch Schulen und Universitäten sind durch Unterwerfungsrituale geprägt.

Demut hingegen hat mit beseeltem Dienen zu tun. Ich diene meinem höheren Selbst, d.h. immer wieder löse ich, worum sich meine menschliche Hand ängstlich krallt. Auch in meiner Arbeit mit anderen Menschen nehme ich eine demütige Haltung vor den Bewegungen der anderen Seele ein. Ich kenne nicht den richtigen Weg des jeweiligen Menschen, des Teams, des Unternehmens. Aber ich bin gut darin, den Bewegungen der Seele den Weg freizuräumen. Demut bedeutet auch, mich nicht als Heilerin oder spirituelle Lehrerin zu bezeichnen, weil Heilung und spirituelles Lernen immer von innen heraus, in der achtsamen Stille geschieht. Ich kann der Heilung und Entfaltung anderer dienen und mich auf eine demütige Haltung besinnen, wenn diese Bewegungen anders ausssehen als gedacht.

Unsere psychotherapeutischen Praxen sind voll mit Menschen, die durch demütigende Erfahrungen geprägt wurden. Matthias schreibt, dass Hingabe verpönt sei, da sie oft mit Machtaufgabe gleichgestellt werde. Ich beobachte ebenfalls, dass Menschen, die allergisch darauf reagieren, wenn ich von Demut spreche, sich im Grunde nur von der Demütigung abgrenzen wollen. Das kann ich gut verstehen. Gleichzeitig sind das oft aber auch die Menschen, die sich in beruflichen und privaten Beziehungen weiterhin bis zur Selbstaufgabe opfern (z.B. weit über Ihre Grenzen hinaus Überstunden leisten oder in der Partnerschaft Konflikten aus dem Weg gehen). Immer sind hier Verlustängste am Werk nach dem Motto “Wenn ich bin, wie ich bin, verliere ich den Job, meinen Partner etc. und dann bin ich allein.”). Damit ist der Wirkmechanismus einer Machthierarchie beschrieben. Wer als Kind oft genug für Außerungen seines wahren Selbst bestraft (gedemütigt) wurde, verhält sich auch als Erwachsener entsprechend unterwürfig.

Bei tieferer Betrachtung ist das Problem also kein Mangel an Hingabe, sondern ein Zuviel im Sinne einer Selbstaufgabe. Nur wer bei sich bleiben und “Nein” sagen kann, vermag sich hinzugeben. Denn nur dann läuft er nicht Gefahr, sich in diesem Prozess zu verlieren. “Das Nein in der Liebe” von Peter Schellenbaum beschreibt wundervoll, wie Hingabe und wahre Nähe erst durch die Fähigkeit zur Abgrenzung möglich wird. Sein Buch zählt für mich zu den Top Five der wichtigsten Bücher meines Lebens.

Im Bild der Rose lässt sich das veranschaulichen. Die Rose gibt sich hin, verströmt sich mit ihrer Schönheit, ihrem Duft, ihrer Anmut… Mit ihren Dornen schützt sie sich, bleibt bei sich, zieht Grenzen. Wer zu verzeihen versucht, bevor er seine Wut gespürt und konstruktiv gelebt hat, wird nicht weit kommen. Wer seinen Nächsten mehr liebt als sich selbst, wird hängen bleiben. Wer sich hingibt, ohne bei sich selbst zu sein, wird sich verlieren.

In jeder Therapie und allen Lebensberatungszenen, die ich kennengelernt habe, gibt es irgendwann im Prozess eine Tendenz zum Normativen: Das Ziel (Verzeihen, Hingabe, bedingungslose Liebe etc.) wurde kognitiv erkannt, als richtig bewertet und fortan zur Unterdrückung der ungeliebten, aber sich immer wieder aufdrängenden Impulse (Angst, Wut, Hass, Neid, Egoismus etc.) benutzt. Dadurch wird Entwicklung zwar nicht ver-, aber behindert. Heilung ist wie Wasser (*seufz* trotz sanitärer Baustelle :-) ) und findet ihren Weg, z.B. durch herausfordernde Lebenskonstellationen, die in Resonanz zum verdrängten Schatten stehen (Spiegelprinzip).

Anders als Matthias verstehe ich Hingabe nicht als Hingabe an den nächstHÖHEREN Entwicklungsschritt, sondern als Hingabe an das, was ist. Wenn ich Angst habe, WEISS ich zwar, dass dies ein illusionärer Zustand von Trennung, von Nicht-Liebe ist, aber ich kann diesen Zustand nicht überspringen. Aber ich kann mich ihm hingeben, indem ich ihn lebe. Das hat mit Loslassen zu tun. Die Vorstellung loszulassen, dass ich keine Angst haben darf, weil ich ja weiß, dass ich keine Angst zu haben brauche.

Angst schwingt niedriger als Liebe, aber meine Angst von heute schwingt höher als meine Angst von gestern. Insofern stimme ich mit Matthias überein, dass es um den nächstHÖHEREN Entwicklungsschritt geht :-) .

Ich kann mich aber ebenfalls einem Menschen, der Natur, einem Tanz, einem Buch, dem Zubereiten einer Mahlzeit etc. hingeben. Das hat auch etwas mit Selbstvergessenheit und Flow zu tun.

Demut oder die Energie des “Surrender”-Lieds hat noch eine andere Qualität. Es bedeutet, dass mein menschliches Selbst seine Grenzen anerkennt, seinen zugewiesenen (vom höheren Selbst gewählten) Platz einnimmt und sich bei aller Größe und Wertigkeit bewusst wird, dass es “nur” Sternenstaub, ein göttlicher Funken aus dem großen Ganzen ist.

So gebe ich mich wechselnd hin. Mal ist es eine Hingabe an meine Größe (wenn es gelingt: Leuchten ohne Selbstüberhöhung), mal ist es eine Hingabe an meine Kleinheit und Beschränktheit im unglaublich phantastischen Kosmos (wenn es gelingt: Demut ohne Erniedrigung). Beides ist immer eine Gratwanderung, die stets neu auszubalancieren ist.

Die Hingabe an das eigene Licht erfordert Mut (Transformieren der Angst vor dem Göttlichen in uns), die Hingabe an den eigenen Schatten erfordert Demut (Transformieren der Angst vor dem Menschlichen in uns). In beiden Fällen gebe ich Kontrolle auf. Ich gebe mich dem Fluss meines Lebens hin. Zwischen Mut und Demut fließt mein Leben. Als göttliches Wesen erfahre ich mich in menschlicher Polarität – aufgespannt zwischen Mut und Demut.

Simone Meller
Foto: pixelio, Carsten Przygoda

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