Tag Archive | "Kälte"

Der Prediger


Er redet die ganze Zeit von dem einen Licht
doch er sieht und fühlt die Menschen nicht
Denn sein eigenes Herz ist fest verschlossen
hat zu wenig der heißen Tränen vergossen

Wie anders wärmt das Leuchten der Augen
die lernten aus Schatten Honig zu saugen
Heißes Herzensfeuer, in dem Leiden verbrennt
wird entfacht vom dem, der Erlösung kennt

Kaltes Charisma, es bröckelt hier und dort
Nur wer sich liebt, entdeckt das Zauberwort

Simone Meller

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Ein Sack Alter Energie


Zwischen zwei auswärtigen Geschäftsterminen fand ich einen Sack Alter Energie. Ich öffnete ihn und traute meinen Augen nicht: So viel Verdrossenheit, Kälte, Anstrengung und Widerstand gegen das Sein. Wie konnten wir damit leben… Ich bin noch dabei, ihn zu essen (s. Als das Pferd die Katze zu essen begann).

Simone Meller

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Zwei Minuten für früh verletzte Menschen


Die beständige Liebe der eigenen Seele ist die erste Liebe beim Eintritt ins Leben. Das Erleben dieser tragenden Liebe vermischt sich mit der fremden Liebe, nämlich der der unzuverlässigen Liebe der Eltern. Es ist verwirrend: Beides fühlt sich nach Liebe an, doch so oft ist da Schmerz und Ungewissheit, ob die Liebe wieder kommt. Das Baby fürchtet den Schmerz, der zugleich als “gut” erlebt wird, weil er immerhin eine Antwort auf die eigene Existenz, die Sehnsucht nach Liebe ist.

Durch die Vermischung beider Lieben, die das Leben auf der Erde mit sich bringt, kann das Baby die eine Liebe nicht mehr von der anderen unterscheiden. Es adaptiert seinen “Begriff” von Liebe an sein Erleben “Liebe/Schmerz” und beginnt sein Herz zu schließen. Es will sterben. Es ist am tiefsten Punkt der Dualität angekommen, der Hölle auf Erden.

Der spätere Erwachsene versteht nicht, was mit ihm los ist: Chaos und Verwirrung prägen seinen Alltag. Die Kommunikation fällt schwer, ist anfällig für Missverständnisse. Typisch sind auch anhaltende Beziehungsschwierigkeiten bis hin zu -abbrüchen, diffuse Schmerzen bis hin zu Lust am Schmerz, innere Kälte im Wechsel mit Gefühlsausbrüchen,  dann wieder Leere, Abgestumpftheit und Todeswünsche. Am nächsten Tag ist plötzlich alles prima, bis der nächste Einbruch folgt.

Wie kann ihn sein Umfeld verstehen, wenn er nicht einmal sich selbst versteht? Während er allen Verpflichtungen und Verantwortungen eines erwachsenen Daseins unterliegt, schmort sein Säugling noch in der Hölle.

Alle genanntenn Symptome und viele mehr sind ein einziger Schrei des kleinen hilflosen Wesens:

W a n n   h o l s t   d u   m i c h  e n d l i c h   h i e r   r a u s ?

Simone Meller
Foto: unopaella/Pixelio

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“Ich sehe dein Licht”


Der früh verletzte Mensch (s. Von der Flucht in die Stille) kann sein Leid nicht erzählen. So bleibt ihm nur, seine Bezugspersonen sein Leid erfahren zu lassen. Je mitfühlender und liebevoller man auf einen früh verletzten Menschen ZUGEHT desto aggressiver und verletzender wird er. Er agiert aus, was ihm widerfuhr. Dies geschieht unbewusst. Wäre es ihm bewusst, könnte er darüber sprechen und den Weg des Erzählens gehen. Was nicht bewusst ist, kann nur agiert werden.

Partner, Freundinnen und Therapeuten geben hier meist ihr Bestes, doch oft reicht das nicht. Häufig bedarf es zahlreicher zerschlagener Beziehungen und mehrerer Therapieversuche, um Bewusstwerdung und damit Heilung zu erreichen. Ich möchte zwei Widerstände beschreiben, die gemeistert werden müssen, der eine liegt in der helfenden Person, der andere im früh verletzten Menschen.

Wenn die helfende Person nicht kompromisslos auf Liebe ausgerichtet ist und alle Übertragungen, Projektionen, Verblendungen und Aggressionen in ihr Herz nehmen kann, wird sie zur blind zurückschießenden Mitspielerin in der Wiederaufführung der Traumata. In diesem Inferno verliert sie die eigene Klarheit, die entscheidend für einen heilsam korrigierenden Prozess ist. Das passiert, wenn die helfende Person selbst eine helfende Person bräuchte.

Das Leid des früh verletzten Menschen sprengt jede Beziehung, wenn nicht beide voll und ganz zum Heilungsbündnis entschlossen sind. Keinesfalls bedeutet das, auf die eigenen Grenzen zu verzichten, denn das wäre lieblos sich selbst gegenüber. Es bedeutet, vollständig “Ja” zu mir und “Ja” zum anderen zu sagen und “Nein” zum Leid gegen mich.

Am Anfang war Beziehung. Der Mensch wird am Du zum Ich. – Martin Buber

Der früh verletzte Mensch versucht, mich mit der Kraft der Verzweiflung zu nötigen, mein Fundament der liebevollen Klarheit zu verlassen. Er versucht mich auf subtile und/oder brutale Weise zu provozieren. Damit bin ich bei seinem Widerstand, der sich u.a. darin äußert, dass er Gründe sucht, sich über sein Leiden nicht bewusst werden zu müssen. Wenn es ihm gelänge, mich wie viele andere vor mir auszuschalten, dann müsste er sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Widersteht die helfende Person den zahlreichen Versuchungen, so bleibt ihm nur noch, sich zu stellen. Vergangenheitsauflösung ist kein Selbstzweck, sondern dient einzig und allein dazu, Schmerzen von gestern, die den gegenwärtigen Eintritt in die Freude verhindern, zu transformieren.

Die Gegenwart ist der Kraftpunkt, der Vergangenheit und Zukunft verbindet. Nur im gegenwärtigen Augenblick ist es möglich, unbewältigte Vergangenheit abzuschließen und neue Weichen für die Zukunft zu stellen. – Gerd Ziegler

Ein früh verletzter Mensch weigert sich, diesen Schritt zu gehen, wenn er Angst hat, in der eigenen Dunkelheit unterzugehen. Er hat Angst, noch einmal fallen gelassen zu werden. Und so ist sein Widerstand zugleich die Prüfung der helfenden Person auf Geborgenheit: “Hältst du mich wirklich? Hältst du mich aus? Wirst du zu all der Hässlichkeit in mir stehen?” Während ich diese dunkle Seite nur als einen Teil von ihm sehe (eine spielerische Schöpfung des Lichts), fühlt er sich mit dieser finsteren Energie unbewusst identifiziert. Er kann diesen großen Schatten erst sehen und annehmen, wenn die Identifizierung in eine Arbeit mit Teilen übergeht. Dafür braucht er mich. Deshalb greift er mich an. In meinem modellhaften Umgang damit erreicht ihn Inspiration zur Erlösung seiner selbst.

Selbsterlösung ist nichts anderes als die mannigfach wiederholte Erfahrung, dass alles in uns selbst seinen Ursprung nimmt und auch dort wieder sein Ende findet. Wir sind alles und nichts. Erkenntnis genügt nicht. Wir wollten es erfahren, deshalb sind wir hier.

Genauso genügt auch dem verletzten Menschen nicht das verbale “Ja” der helfenden Person: “Ja, ich werde dich halten, egal, was geschieht.” – Bevor er sich für den Abgrund in sich öffnet, will er überzeugt sein. Sein Abgrund ist der eisigste Tiefpunkt an Dualität und Polarität, das maximal erfahrbare Leid im Menschenspiel (s. Kosmische Gesetze). Nun will er erfahren, dass er in bedingungsloser Herzenswärme gehalten wird, egal, was geschieht. Also überzeugt er sich, indem er um sich schlägt.

Jeder Schlag ist eine verzweifelte Frage. Und jede Hineinnahme in das helfende Herz ist eine heilende Antwort. Sie lautet: “Ja, du verletzt mich. Und ich sehe dein Licht.”

Simone Meller
Foto: Pixelio, Achim Lueckemeyer

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