Tag Archive | "Gesundheitswissenschaft"

Expertentagung: “Kompetente Patienten?”


Kompetente_PatientenKnapp 20 Expert/innen verschiedener Fachrichtungen waren am 13/14. November 2009 in der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder zusammengekommen, um aus verschiedenen Blickwinkeln das Thema “Patientenkompetenz” zu beleuchten und neue Forschungsaufgaben zu identifizeren. Dieses ungewöhnliche Projekt war eine Idee von Dr. Bettina Berger vom Institut für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Viadrina-Universität und wurde finanziell ermöglicht von der Karl und Veronica Carstens-Stifung, einer Fördergemeinschaft für wissenschaftliche Forschung zur Naturheilkunde und Homöopathie.

Mein Beitrag war ein Impulsreferat zu “Salutogenese durch Selbstverwirklichung”. Ich hatte mich über die Einladung zur Tagung gefreut, weil ich angesichts der Zersplitterung der Wissenschaftsbetriebe eine solche interdisziplinäre Zusammenführung für wichtig und zukunftsweisend erachte. Zudem ist es mir ein Herzensanliegen, die Ressourcen und Selbstheilungskräfte von Patient/innen im Gesundheitswesen (politisch) zu stärken. Bettina Berger hatte eine spannende und konstrastreiche Komposition aus verschiedenen Vorträgen erstellt und sehr, sehr unterschiedlich arbeitende Expert/innen nach Frankfurt eingeladen. Diese Mischung erwies sich als brisant – was auf Potenzial verweist, aber leider sind meiner Wahrnehmung nach zwischen den zum Teil weit auseinander scheinenden Positionen keine echten Dialoge entstanden. Es war schwer und teilweise unmöglich, miteinander in einer Weise zu sprechen, die das Auftauchen neuer Erkenntnisse ermöglicht.

Mich stimmte das traurig, und ich fühlte mich mit meiner fachlichen Sichtweise auf das Thema weitgehend allein. Zudem wurde mein Vortrag als einziger nicht diskutiert. Ein Teilnehmer hatte sogar die Tagung vorzeitig verlassen, um meinen Vortrag, der als letztes auf dem Programm stand, nicht hören zu müssen. Ich akzeptiere diesen Ausdruck von Freiheit, der mir zugleich verdeutlicht, wie herausfordernd (überfordernd?)  unserer Zusammenkunft war. Mich hat die Tagung sehr viel Kraft gekostet.

Zum Ende der Tagung äußerte ein Teilnehmer, dass er sich in diesen zwei Tagen Dinge angehört habe, bei denen seine Kollegen aufgestanden und gegangen wären. Er meinte, dass es wohl bereits eine Leistung von uns gewesen sei, dass wir uns gegenseitig “ausgehalten” und angehört hätten. – Ja, jetzt wissen wir voneinander. Die erlebten Reibungen und Debatten haben unweigerlich Spuren beieinander hinterlassen, die sicherlich in uns weiter arbeiten werden. Ich habe das jedenfalls heute deutlich gespürt. Das Aufeinandertreffen konfrontierte uns mit unserem jeweiligen Schatten. Gefreut hat mich das Nachgespräch mit Bettina Berger, in dem eine sehr konstruktive Reflexion des gruppendynamisch hochinteressanten Tagungsverlaufs möglich war.

Der Höhepunkt der Tagung war für mich persönlich der künstlerische Beitrag von Simon Jakob Drees mit einer beeindruckenden musikalischen Improvisation, die mich zutiefst berührt hat. Anschließend erzählte er, wie er durch seine Asthmaerkrankung zum Atemexperten wurde und seine Form der Heilarbeit entwickelte. Spannend  fand ich,  dass er mit seiner Geschichte alle in der Runde (d.h. diejenigen Tagungs-Teilnehmer/innen, die zu diesem Programmpunkt erschienen waren und tags auf intellektueller Ebene unvereinbare Sichtweisen vertreten hatten) faszinierte.

Dieser Abend war in meinen Augen ein Geschenk. Er zeigte, wie auf einer seelischen Ebene Annäherung möglich ist und dass die Trennung “nur” in den intellektuellen Denkgebäuden der Anwesenden lag. Die Schemata schienen am nächsten Tag unverändert, aber ein Impuls war gesetzt worden – mit unbestimmten Ausgang. Eine Freundin, der ich telefonisch davon erzählte, meinte treffend, dass ein solches Erzählen einfach eine ergreifende Schönheit hat. Mich erinnerte der Beitrag von Simon zudem daran, dass ich meinen eigenen Paradigmenwechsel (vom cartesianischen zum quantentheoretisch-holistischen Weltbild) einst nur durch persönliche Selbsterfahrung vollzogen hatte. Kein rationales Argument hatte mich zuvor erreicht – allenfalls produktiv irritiert. Meine später erfolgte Promotionsstudie darüber war  “nur” der Versuch, das, was viele Menschen in der Praxis erleben, wissenschaftlich anschlussfähig und von Scharlatanerie unterscheidbar zu machen. Denn die Entscheidungen im Gesundheitssystem darüber, was als Heilmittel taugt und von den Kassen bezahlt wird, orientieren sich an den Ergebnissen der Evidenzbasierten Medizin.

Als ich mein Tagungsmaterial sichtete, fand ich in einem Flyer von Simon ein wundervolles Zitat (Auszug s.u.), in dem sich meine Gedanken und Gefühle zur Tagung bündeln lassen, danke!

Simone Meller
Bild: Anna Regula Hartmann
* * *

Einheit und Zerteilung

Der Sinn durchdringt und verbindet. Jede Trennung, jede in sich abgeschlossene Vollendung ist dem Untergang verfallen. Was führt zu diesen Trennungen? Diese Trennungen entstehen durch das Streben nach Vollständigkeit. Wodurch entsteht dieses Streben nach Vollständigkeit? Es entsteht dadurch, dass man das Leben vollständig besitzen will. Darum, wer sich nur nach außen wendet, ohne zu sich selbst zurückzukehren, der geht als Gespenst um, und hat er, was er da draußen sucht, erreicht, so zeigt es sich, dass das, was er erreicht hat, der Tod ist. (…)

Dschuang Dsi

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