Tag Archive | "Gebet"

Verehrung und Anbetung entsprechen mir nicht


Ich habe mich diese Woche wiederholt an Menschen gerieben, bei denen ich so etwas wahrnehme, was ich als Verehrung und Anbetung bezeichnen möchte. Also eine Bereitschaft, etwas außerhalb ihrer Person existierendes über sich zu stellen. Ich spüre, dass mir das nicht entspricht. Bislang habe ich das im Fachjargon als Idealisieren oder umgangssprachlich als Anhimmeln bezeichnet. Nun bediene ich mich mit Verehrung und Anbetung eher spirituell konnotierter Begriffe.

Meinem Erleben nach dürfen sich alle Aspekte des Seins auf Augenhöhe begegnen. Alles zwischen Himmel und Erde Existierende verdient Ehre, niemand mehr, niemand weniger. Das Verteilen von besonderer Ehrerbietung bis hin zur Ehrfurcht und all die Formen von Anbetung speisen sich meiner Wahrnehmung nach aus einem Glaubenssystem von Unter- und Überlegenheit. In einem solchen Glaubenssystem wird durch künstliche Rangstufen eine Distanz zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen geschaffen. Das Ausmaß an Verehrung und Anbetung von spirituellen Lehrern, Geistwesen, Engeln und Gott wird zum Gradmesser (noch nicht) erreichter Nähe.

Mir geht es nicht um Gleichmacherei alles Seienden, sondern um Gleichwertigkeit des Unterschiedlichen.  Ich bin nicht gegen das Beten und auch nicht gegen die Erfahrung heiliger Momente. Und schon oft hat es mir gut getan, mit gesenkter Stirn auf dem Boden zu knieen. Aber mir entspricht es nicht, eine Stufe in den Fluss des Seins zu meißeln und meine Kraft solchem Gebilde zu unterwerfen. Auch lehne ich die, die das tun, nicht ab. Ich merke dank unserer Unterscheidung einfach nur, dass ich einen anderen Weg gehe: Ich dulde niemanden über mir und niemanden unter mir. Natürlich ist jeder frei, sein Bild von mir dort “oben” oder “unten” anzusiedeln, aber Begegnung mit mir entfaltet sich auf Augenhöhe.

Das wollte ich formulieren. Und nachdem ich das nun versucht habe, frage ich mich, wie das hier Geschriebene mit meinen bisherigen Texten über Demut und Ergebung zusammengeht. Das tut es. Aber ich kann es derzeit nicht in Worte fassen. Vielleicht vorläufig so: Die Demut meinem mir (un-)bekannten Wachstumsprozess gegenüber bleibt erhalten, während ich allen Aspekten des Seins auf Augenhöhe begegne. Auch bin ich weiterhin bereit, ergeben dem höchsten Wohl derer zu dienen, die sich mir anvertrauen, aber die Augenhöhe bleibt. Egal, was gerade ansteht. Ich stelle mich dem Sein und zwar mit meiner Kraft – wie sie mir nur in Demut zuteil wird.

Text und Foto: Simone Meller

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Plattdeutsches Tischgebet


De een hett Hunger
und keen Brot.

De anner hett Brot un mag
nich eeten.

Wi hebbt den Hunger un
Brots genaug.

Herr, laot us dat Danken
nich vergeten.

*

Posted in ZitateKommentare deaktiviert

Was Schimpfen bedeutet


Erwachsene schimpfen, wenn sie sich hilflos fühlen. Das Schimpfen ist Ausdruck davon, erwachsen sein zu müssen, ohne es in diesem Moment sein zu können. Es ist Ausdruck von akuter Überforderung. Wer schimpft, erlebt ein inneres Schrumpfen (Altersregression) und bräuchte dringend selbst einen mütterlichen oder väterlichen Arm, um liebevoll gehalten zu werden. Oft ist ein solcher Arm in weiter Ferne…

Doch die kosmische Liebe wartet bereits vor deiner Tür, um hereingelassen zu werden und deinen Schmerz erlösen zu dürfen. Du kannst dich in deine Seele kuscheln, dein Herz öffnen, bewusst atmen, in die Stille gehen, an der Schulter eines Engels weinen, meditieren oder beten oder oder oder…. All das sind Brücken in die eine Liebe, mit der du dich selbst im tiefsten Schmerz so annehmen kannst, wie du bist. Genauso kannst du dir auch verzeihen, wenn du deine Impulsivität bedauerst. In dieser selbstannehmenden Liebe kannst du die Gründe für dein Ausrasten erfahren und heilen. All das ist nur möglich, wenn du wahrnimmst, dass du gerade außer dir bist und dich entscheidest, die Situation zu verändern.

Du veränderst die Situation, indem du im Außen dafür sorgst, dass du möglichst schnell ein paar Minuten ganz für dich allein bist. Bist du verantwortlich für kleine Kinder, bitte jemanden auf sie aufzupassen. Ist das gerade nicht möglich, weil niemand da ist, hole die Minuten mit dir allein so schnell wie möglich nach.

Du veränderst die Situation, indem du im Inneren dafür sorgst, mit allem, was gerade war und ist, in Liebe zu sein. Wenn du wieder im Frieden mit dir selbst bist, kannst du Situationen und Menschen, die dich zum Schimpfen brachten, neu begegnen. Vielleicht magst du ihnen verzeihen oder sogar danken, dass sie dich dazu brachten, deinen Schatten wahr- und anzunehmen. Doch zwinge dich niemals zu solchen Schritten, sondern lebe sie nur, wenn sie als natürliche Impulse im liebevollen Sein mit dir selbst entstehen.

Vielleicht magst du dich einfühlen und/oder erinnern, wie ein Kind fühlt, das ausgeschimpft wird. Wenn du einmal selbst ein solches Kind warst, dann nimm das schutzlose Wesen von damals in deine Arme, in dein Herz, sinke mit ihm in das Sein, deine Seele oder oder oder. Hauptsache es findet heim in die eine Liebe.

Simone Meller

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Pilzsuche im psycho-spirituellen (Esoterik-)Wald


“Der typische Esoteriker ist nett, mitfühlend, optimistisch, aufgeschlossen, aber leider auch sehr leichtgläubig”, so schrieb mal Wolf Schneider und weiter: “Herzlichkeit und Hingabe werden in diese Szene hoch gehandelt, Intellekt und Unterscheidungsvermögen hingegen diskreditiert. So haben die Verkäufer des Halbwahren ein leichtes Spiel.” Damit ist die Crux der Esoterik so treffend auf den Punkt gebracht, dass ich es selbst nicht besser ausdrücken könnte (auch wenn ich Schneider lieber nicht zitiert hätte, weil mir viele andere seiner Gedanken als zu zynisch und wenig beseeelt erscheinen). Ich spreche von einer “Crux”, weil ich in der Esoterik viele für meine Entwicklung wichtige Impulse gefunden habe, aber auch so viel Schindluderei und strahlende Fassaden mit ungehemmt pathologischem Hintergrund gesehen habe, dass ich jedes Vorurteil, das der Esoterik entgegengebracht wird, verstehen kann. Wie in jedem Lebensbereich (sei es das Bäckerhandwerk oder die medizinische Zunft) gibt es eben solche und solche. Wir tun deshalb gut daran, Menschen und ihre Angebote mit Kopf, Herz und Bauch wahrzunehmen.

Ich schätze es sehr, wenn (potenzielle) Kunden mich mit ihrer Skepsis konfrontieren, denn schließlich konfrontiere ich sie zuvor durch meine öffentliche Selbstdarstellung mit einer ungewohnten Weise zu sein und zu handeln. Neulich äußerte ein Firmenkunde in einem Projekt-Vorgespräch ganz klar: “Ich wollte Sie kennenlernen, um herauszufinden: Wie esoterisch sind Sie?” Aus dieser Offenheit heraus entstand ein sehr spannendes Gespräch, das für beide Seiten Lernmomente beinhaltete. Die Differenzierungen und Verbindungen, die in meiner Person harmonisch zusammenlaufen, sind für manche Menschen zunächst schwer verdaulich. Und zwar für die Esoteriker genauso wie für die Anti-Esoteriker. Eine Freundin meinte mal: “Du passt in keine Schublade – Ikea hin, Prokrustes her”.

Wer mit Medizin, Psychotherapie oder Esoterik schlechte Erfahrungen gemacht hat, neigt aus Angst vor einer Wiederholung dazu, den gesamten Bereich mit einer Armbewegung vom Tisch zu wischen. Das kann man machen, nur landet dabei auch einiges im Mülleimer, was man vielleicht noch brauchen könnte. Hilfreich finde ich deshalb, Erfahrungen zu Kriterien zu verwerten, also eine Art Faustregel zu entwickeln. In diesem Artikel möchte ich ein paar solcher Kriterien vorstellen, die sich auf den boomenden psycho-spirituellen (Esoterik-)Markt anwenden lassen.

Es existiert eine beeindruckende Vielfalt verschiedenster Gruppen und Bewegungen. Seriöse Ansätze koexistieren neben zweifelhaften Angeboten, und aus Abgrenzungen von älteren Gruppen gehen neue guruhafte Bewegungen aus. Wie kann man solche Gruppen einschätzen? Wo wird die eigenen Entwicklung gefördert, und wo wird sie vielleicht unterdrückt? Die Pädagogin und Therapeutin Angelika Doerne hat vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung die Literatur zur transpersonalen Psychologie (u.a. Ken Wilber, Ludwig Frambach, Dick Anthony) gesichtet und sechs Kriterien abgeleitet, anhand derer psycho-spirituelle Gruppen kritisch und differenziert betrachtet werden können. Sie untersucht klare, aber auch subtile Phänomene der kollektiven Identifikation und Selbstunterwerfung. Im folgenden referiere ich die von Doerne vorgeschlagenen sechs Kriterien in stark vereinfachter Weise (den Gesamtkontext kann man im Originalartikel nachlesen).

* * *

1.) Regressive Tendenzen (Zurückfallen in kindliche Verhaltensmuster):

Entwertung des Verstands: Hier hilft die Unterscheidung nach Wilber in prä- und transrational: Bei einem transrationalen Verständnis wird der Verstand nicht mehr überbewertet, sondern transzendiert. Er wird in Form von kritisch-rationalem Denken harmonisch integriert. Im Gegensatz dazu schließen prärational agierende Gruppen den Verstand weder ein noch transzendieren sie ihn. Sie betrachten den Verstand irrtümlich als spirituelles Entwicklungshemmnis, als Ursache menschlichen Leidens und werten ihn entsprechend ab. In solchen Gruppen ist kritisches Denken verpönt und wird als Zeichen von spiritueller Unreife gesehen.

Symbiose (kindliche Verschmelzung) wird irrtümlich für spirituelles Einheitserleben gehalten.

Götter, Geister, Dämonen, Außerirdische und andere Kräfte werden als alllmächtig gesehen, die durch richtige Gebete und Rituale den eigenen Wünschen gegenüber gnädig gestimmt werden können.

Diese regressiven Tendenzen werden nur ausgelebt, nicht verstanden und nicht auf einem neuen Bewusstseinsniveau integriert.

2) Sabotage von Entwicklungsprozessen

Verdrängtes und Unangenehmes wird tabuisiert oder bagatellisiert, weil es den Lehrer, die Gruppe, das ideologische System bedroht oder mit solchen Gefühlen nicht umgegangen werden kann.

Gipfel- und Grenzerlebnisse werden durch extrem lange, intensive, die persönliche Schmerzgrenze überschreitende Meditationspraxis überschritten und können deshalb nicht organisch integriert werden.

Pathologische Entwicklungen, die sich auf jeder (!) Stufe im menschlichen Entwicklungsprozess einstellen können, werden aus fachlicher Unkenntnis seitens des Lehrers verkannt. Dadurch können psychopathologische Zustände, die einer bestimmten Therapie bedürften, fälschlich für mystische Erfahrungen gehalten werden und schlimmstenfalls durch kontraindizierte Techniken eskalieren. Doerne schreibt dazu:

Ein Gefühl der inneren Leere und Sinnlosigkeit, wie es bei Borderline-Patienten auftritt, kann mit der buddhistischen Leerheit verwechselt werden. Die innere Leere wird positiv umgedeutet und mystifiziert, statt das Defizit der Entwicklung zu erkennen und therapeutisch zu behandeln. (S. 25)

Transpersonale Entwicklung bedarf eines soliden Fundaments, nämlich einer fortgeschrittenen personalen Entwicklung. Ist diese nicht gegeben, bestehen Risiken. Doerne:

Signer macht auf die Gefahr des ’spiritual bypassing’ aufmerksam (S. 59 ff.): Lebenskrisen mit Hilfe von Meditation o.ä. zu umgehen und Probleme und Entwicklungsprozesse vorschnell zu ‘transzendieren’. Gerade bei Menschen in der späten Adoleszenz sowie in der Krise der Lebensmitte ist dieses Verhalten zu beobachten. Dabei ist es wichtig, die phasenspezifischen Krisen durchzustehen und personale Transformationsprozesse zu fördern. (S. 25/26, Unterstreichung von mir)

3) Stärkung von Narzissmus

Eigene Wünsche werden irrtümlich für universelle Notwendigkeiten und Rechte gehalten (Egoismus-Ausweitung).

Die Macht über das eigene Schicksal oder das anderer Menschen wird überschätzt (Selbstüberschätzung).

Psychische Gipfel- und Grenzerlebnisse werden trophäenhaft zur Schau getragen und münden in einer Arroganz gegenüber anderen (Spitzenleistungen).

4) Überbetonung von Gemeinschaft

Dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit werden kritische Äußerungen und individuelle Bedürfnisse geopfert. In manchen Gruppen erfolgen mehr oder weniger (soziale) Sanktionen, wenn der Ideologie der Gruppe nicht ergeben begegnet wird.

Die Gruppenanhänger polarisieren zwischen sich und unwissenden Nicht-Anhängern der Gruppe (also dem Rest der Welt). Teilweise werden sonstige soziale und berufliche Kontakte abgebrochen, Engagement für die Gruppe und ggf. Unterwerfung unter die Gruppenleiter sind von großer Wichtigkeit.

5) Ungleichgewicht transzendenter und weltlicher Orientierung

In einseitig orientierten Gruppen kommt es entweder zu einer Überbetonung von Transzendenz (einseitige Aufstiegsbewegung: asketische, weltabgewandte Haltung, Abspaltung von Gefühlen und Bedürfnissen, Verwechslung von Dissoziation mit Nicht-Anhaftung etc.) oder zu einer Überbetonung des Weltlichen (einseitige Abstiegsbewegung: Idealisierung starker emotionaler Erfahrungen, emotionale Katharsis wird für transzendierende spirituelle Praxis gehalten etc.).

6) Verflachte Interpretationen spiritueller Inhalte und Erfahrungen

Ein Aspekt aus dem Lehrsystem wird herausgegriffen, zum Dogma stilisiert und als einfältige Antwort auf sämtliche Fragen des Lebens angewandt (z.B. “Der Verstand ist schuld.”, “Alles ist eins” etc.).

Unausgereifte personale Entwicklung führt zu verzerrten Erfahrungsinterpretationen und deren Weitergabe.

* * *

Ich finde solche Kritierien wichtig (vgl. Info über Psychokulte), weil sie eine (fachlich) differenzierte Beurteilung der (Gruppen-)Angebote auf dem psycho-spirituellen (Esoterik-)Markt ermöglichen. Menschen mit fortgeschrittener Selbsterfahrung können die Angebote leichter einschätzen und die Kriterien ggf. auch als Hilfe beim Ausstieg aus (subtil) missbräuchlich agierenden Gruppen nutzen. Doerne wendet am Ende ihres Artikels diese sechs Kriterien beispielhaft auf die Bhagwan-Bewegung an.

Mir kam beim Schreiben das Bild vom Pilze sammeln in den Sinn. Wenn ich durch den psycho-spirituellen Wald schlendere, dann sammle ich die bekömmlichen Pilze ein, die giftigen lasse ich unberührt. Beide stehen dicht beieinander – und genauso ist es im esoterischen Kommerz. Die Schwierigkeit ist nur, dass diese Differenzierung von Pilzen bzw. Angeboten ein gewisses Maß an integrierter Erfahrung und Wissen voraussetzt. Viele der Hilfesuchenden verfügen (noch) nicht über diese personale Reife, deshalb suchen sie ja! Aber jeder verfügt über eine echte Chance, die nie vergeht: Wir alle können täglich aus unseren Erfahrungen lernen. Die von Doerne zusammengetragenen Kriterien können dafür eine Hilfe sein.

Text: Simone Meller | Fotos: Pixelio, Re.Ko., Renate Tröße

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Welle