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Erleuchtungsfalle: Identifikation mit dem Nichts


Nicht meine strahlendste transpersonale Erfahrung hebt mich empor, sondern meine Bereitschaft trotz des Geschauten so sehr Mensch zu sein, das alles, was mir widerfährt, Platz in meinem Herzen findet.

Vor einigen Wochen schrieb ich darüber, dass auch die Erfahrung des Nichts nicht zu vergegenständlichen, sondern loszulassen ist, um offen zu bleiben für alle Varianten des Seins (s. Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung). Jede aufgrund einer transpersonalen Erfahrung formulierte Erkenntnis ist nichts weiter als eine vorübergehende Bezeichnung für etwas Unfassbares, dessen Zipfel das personale Bewusstsein gestreift hat.

Verliebt in das Nichts

Wenn man aber etwas so Schönes geschaut hat wie das Nichts, in dem sich alles einfaltet, um im nächsten Moment voller Anmut wieder aufzuerstehen, so kann das Loslassen dieser Erfahrung genauso schwer fallen wie das Loslassen einer vergangenen Liebesbeziehung. Jeder, der mit dem Nichts identifiziert ist, wird diesen Vergleich entrüstet von sich weisen, und ich kann das nachfühlen. Nonduale Erfahrungen sind so ergreifend, dass in ihrem Angesicht alles bisher Geschaute und Erlebte verblasst. So etwas Phantastisches darf nicht vergehen, sondern muss gehalten werden. Wer sich an seinen ersten Liebeskummer erinnert, wird die Ähnlichkeit beider Zustände erkennen. Wie kann DAS vorbei sein! Mit zunehmender Reife wachsen eben auch die Herausforderungen. Konnten wir früher den geliebten Partner nicht loslassen, so ergeht uns das heute  ähnlich mit Erfahrungen im transzendenten Raum.

Bei Dr. Harald Piron las ich die Tage, dass im Buddhismus das Phänomen der Anhaftung am Nichts bekannt ist:

Manche Buddhisten verlieben sich in das Konzept der Leerheit, d.h. sie schaffen es nicht, die Medizin bloß als Medizin zu betrachten. Meditation über Leerheit ist ein Gegenmittel gegen Anhaften. Wenn jemand jedoch das Leben vermeidet, also Gefühle, Verbindlichkeiten, Risiken und alles, was zum menschlichen Leben normalerweise dazu gehört, wäre die Meditation der Leere vielleicht eher eine Flucht und daher kontraindiziert. Im Vajrayana-Buddhismus ist die Gefahr der Konzeptionalisierung von Leere und die Identifikation damit durchaus bekannt. Daher wird auch von der Leere der Leere gesprochen. Am Ende geht es darum, auch die Leere als Konzept wegzuwerfen. Nicht umsonst heißt es im Herzsutra der Prajnaparamita-Sammlung: “Form ist Leere und Leere ist Form.”

Gelingt diese Desidentifikation nicht, kommt es zu einer mehr oder weniger stark ausgesprägten spirituellen Krise. Wir erleben dann Menschen, die permanent vom Nichts reden, auch wenn es gerade nicht darum geht. Anstatt sich auf das einzulassen, was gerade ist, fegen sie kurzerhand alles vom Tisch und wirken dabei ungewollt herablassend, kalt, verächtlich und zynisch. Mit diesen Menschen ist es herausfordernd ein bezogenes Gespräch von Herz zu Herz zu führen, weil sie der Meinung sind, dass das, wovon man gerade betroffen ist (sei es Ärger, Krankheit oder Begeisterung) überhaupt nicht gibt. Doch der mit dem Nichts identifizierte hält nur scheinbar ein Allheilmittel in der Hand. Tatsächlich erfährt er mit seinem missionarisch vor sich hergetragenen Nichts zunehmend Streit, Kommunikations- und Beziehungsstörungen. Es kommt also der Moment, in dem es darum geht, die vermeintlich überlegene Lehrerrolle abzulegen und sich wieder auf sein Gegenüber einzulassen.

Das wahre Sein ist jetzt

Für viele, die das Nichts gesehen haben, ist es das wahre Sein. Diese Bezeichnung kann ich nachvollziehen, weil die Erfahrung so ergreifend ist. Und doch ist es nur eine Erfahrung von vielen, die wir täglich machen dürfen und dazu zählen eben auch die alltäglichen. Für mich ist all das wahres Sein, was jetzt ist. Ich bin hungrig, müde, wütend, freudig, aufgeregt etc.. Das alles sind duale und höchst personale Zustände, die wir gelegentlich oder immer öfter erlöst im Nichts verschwinden sehen. Doch solange das Nichts gerade nicht da ist, ist das die Wahrheit des Moments. Wer diese Wahrheit nicht wahrhaben will und krampfhaft durch Reden vom Nichts zu überlagern versucht, gerät in etwas Künstliches und letztlich auch Finsteres. Er leugnet Teile seiner selbst.

Dazu ein Beispiel: Wenn ich traurig bin, ist das meine gegenwärtige Wahrheit. Lasse ich mich liebevoll darauf ein, also ohne ins Drama zu fallen und ohne mich abzulenken, geschieht in völliger Leichtigkeit eine Wandlung, die meinem höchsten Wohl dient. Wenn ich bin, was ich bin, also zu dem stehe, was ich bin, bin ich in meiner vollen Kraft. Kann ich jedoch nicht dazu stehen, weil es nicht zu meinem Selbstkonzept passt (z.B. weil es mir für meinen Erkenntnisstand unwürdig erscheint, also letztlich peinlich ist), dann leugne ich es. Dies ein neurotisches und weit verbreitetes Prinzip. Meistens handelt es sich um Zustände, in denen wir als Kinder zu wenig bedingungslose Annahme erfahren haben und uns mit diesem Mangel an Liebe identifizieren. Kann ich mich also in meiner Traurigkeit nicht selbst annehmen, finde ich Wege, das unangenehme Gefühl zu übergehen. Dies um so leichter, wenn ich postuliere, dass es mich und das Gefühl nicht gibt. Ich glaube mich aus dem Schneider, doch tatsächlich setzte ich Verdrängungsmechanismen in Gang, über die ich bereits unter dem Stichwort Spiritual Bypassing (z.B. Von der Schwierigkeit, auf der Erde zu SEIN) geschrieben habe.

Wohl gemerkt: Nicht die tatsächliche Erfahrung des Nichts ist problematisch, sondern die Identifikation mit dem Nichts in Momenten, in denen es darum geht,  man selbst zu sein. Die anstehende Selbsterfahrung, beispielsweise die Traurigkeit, wird unterdrückt zugunsten des bevorzugten Selbstideals (nämlicht nicht mehr personal, sondern nondual sein zu wollen). Damit wird anstelle der eigenen lebendigen Kraft ein künstlicher Zustand gewählt, der aber nicht nur mit zwischenmenschlichen Problemen, sondern auch mit psychischen Störungen und körperlichen Erkrankungen einhergehen kann. Aus mechanistischer Perspektive ist diese Konsequenz nicht nachvollziehbar, jedoch in einem ganzheitlichen Weltbild, in dem Gesundheit und Krankheit als komplementäre Seins-Zustände von Ganzheit (analog dem Welle-Teilchen-Dualismus von Licht) aufgefasst werden.

Die Tragik der Krise

Ich komme nun zu der Tragik dieser Art von spiritueller Krise. In gewisser Weise verweist der mit dem Nichts Identifzierte  auf einen wichtigen Punkt. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrung stellt es sich auch für mich so dar, dass unser gesamtes Weltliches einschließlich des geistigen Reichs ein unglaubliches Spiel von Illusionen ist, in dem sich die Quelle erfährt. Nur bedeutet das für mich nicht, mit dem Rasenmäher durch sämtliche Lebensbereiche zu fuhrwerken, sondern jede Erfahrung, die mein Leben bereit hält, mutig, demütig und dankbar auszukosten.

Es geht darum, um das Spiel zu wissen und es zugleich ernst zu nehmen. Es geht darum, das dem Tod anheim gegebene zu leben.
aus: Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung

Wer das Nichts schaute und mit dieser Erfahrung zurück in den Alltag kehrt, hat die Chance, anders zu sehen und zu handeln als zuvor. Er kann in den Herausforderungen des Alltags die Einheit durchschimmern sehen. Er kann in Konflikten plötzlich anders fühlen und agieren, ohne sich dabei selbst zu verbiegen, weil sich in ihm etwas grundlegendes gewandelt hat. Er findet Gelassenheit und erinnert sich immer öfter daran, dass er nicht anhaften muss. Doch bei alledem gilt: Er lebt, was zu leben ist. Er erfährt das Leben gerade angesichts des Nichts als Geschenk und nicht als Demütigung oder spirituelles Nachsitzen.

Um diesen authentischen Schritt bringt sich der, der sich ins Nichts verliebte, weil er nun das banale Leben nicht mehr lieben kann. Es erscheint ihm unter seinem Niveau. Emsig bemüht er sich, andere von seiner Erkenntnis zu überzeugen. So drängt er seine Gedanken auf, wo einfach nur menschliches Miteinander und gemeinsames Verstehen von Augenblick zu Augenblick gefragt sind. In zwanghafter Weise nötigt er sich und andere zum Meditieren, um die Erfahrung des Nichts zu wiederholen, anstatt einfach zuzulassen, was gerade wirklich ist. Begleite ich Menschen dabei, weil systemimmanentes Vorgehen zu meiner Arbeit gehört, so erfahre ich mit ihnen einen Zustand, in dem scheinbar nichts mehr ist. Doch weil sich dieser Zustand im Gegensatz zum ewigen Nichts kalt, leblos und gehalten anfühlt, während ich Informationen empfange, was mein Gegenüber gerade unterdrück, nenne ich ihn Pseudo-Nichts. Es ist nicht nichts, sondern jede Menge los, was er nicht fühlen will. Damit stelle ich seine bisherigen nondualen Erfahrungen nicht in Abrede, sondern merke lediglich an, dass er in Momenten unbewusster Emotionalität das eine noch nicht vom anderen differenzieren kann. Vielmehr fasst er dieses Pseudo-Nichts blindlings als Bestätigung dafür auf, dass sich jederzeit alles Menschliche in Nichts wandeln lasse. Während er dies glaubt und munter praktiziert, wächst der eigene Schatten und mit ihm die Fallhöhe. Denn der Tag, an dem die Verblendung nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, wird kommen.

Doch bis dahin wird jeder, der daran kratzt, in die Rolle des spirituellen Schülers verwiesen, der nur noch nicht verstanden hat, dass er nicht existiert. Der Moment der Ent-Täuschung wird so lange wie möglich hinausgezögert. Ich empfinde Mitgefühl für diese Taktik. Denn der, der permanent die Illusion des Lebens niederreißen will, hat dafür gute psychodynamische Gründe und steuert im besten Falle auf eine handfeste Desillusionierung zu. Und das tut weh. Im ungünstigen Falle wähnt er sich dauerhaft als erleuchtet. Piron schreibt dazu:

Die Betroffenen begeben sich höchst selten in psychotherapeutische Behandlung. Häufiger sind es ihre Opfer, die mit solchen Menschen in irgendeiner Art von Beziehung standen oder von ihnen in eine Schülerrolle gedrückt werden.

Transzendenz kann erschüttern

Das hier geschilderte ist nur ein Beispiel von vielen dafür, wie transpersonale Erfahrungen zu spirituellen Krisen führen können. Transzendente Erlebnisse können eben nicht nur erhellen, sondern auch erschüttern. Nicht immer folgt daraus eine Verwirrung der beschriebenen Art, sondern nur dann, wenn aufgrund mangelnder Schattenarbeit eine psychische Instabilität besteht. Ken Wilber hat gesagt:

Aus einem Neurotiker, der meditiert, wird bestenfalls ein erleuchteter Neurotiker.

Menschen in spirituellen Krisen sind bei transpersonal arbeitenden Psychotherapeuten gut aufgehoben. Psychotherapeutinnen mit spiritueller Selbsterfahrung pathologisieren transzendente Phänomene nicht als Halluzination, sondern ermutigen, diese Erfahrung in den Alltag zu integrieren. Viele Lebensberaterinnen und spirituelle Lehrer, die ihre eigene Schattenarbeit geleistet haben und neurotische Ablenkungsmanöver durchschauen, sind ebenfalls kompetent. Transzendenz ist eine natürliche und prinzipiell ungefährliche Erfahrung. Misslingt jedoch ihre Integration in das Alltagsbewusstsein kann es zu Verwirrungen und Problemen kommen, die nicht nur menschlich, sondern allesamt lösbar sind! Denn daran erinnert uns die Erfahrung des Nichts: Es gibt nichts, an dem wir zu haften hätten.

Text: Simone Meller | Foto: Rainer Sturm, Pixelio

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Tägliche Fluchten


Es flüchten die Ohren
die Augen die Herzen
auf der ewigen Suche

Kein Ruf kein Wort
keine Geste vermag
sie zu halten

Es finden die Ohren
die Augen die Herzen
im sinnlichen Jetzt

Simone Meller
Foto: Jerzy/Pixelio

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Wider die Flucht von der Erde


Wenn du heimlich von der Erde zu fliehen versuchst, also mehr als ein Mensch sein möchtest, entsteht dort ein Zwischenraum, wo du nicht ganz bewusst deinen Platz einnimmst. Dieser Zwischenraum wird besetzt von niedrig schwingende Energien, die dir lichtvolle Welten vorgaukeln. Deshalb ist in deiner spirituellen Entwicklung Erdung so wichtig. Wenn du dich erdest, füllst du deinen Platz aus.

Je mehr du zum Licht strebst, desto wichtiger ist es, ganz hier auf der Erde zu sein. Denn nur indem du dich auf das von dir gewählte Menschenspiel einlässt, erfährst du dein Licht. Du bist genau wegen all deiner Lebenserfahrungen hier, wegen der schönsten und der schlimmsten. Dafür haben wir uns als Teile aus der Ewigkeit gelöst und hier verabredet. Es hat einen Sinn, dass du hier bist. Lass dich darauf ein. Lass dich darauf ein, hier zu sein.

Ich erinnere dich, weil du mich einst darum gebeten hast, solltest du es vergessen. Du hast aus freien Stücken diese Reise angetreten, fest entschlossen, die Energien zu transformieren, in die du hineingeboren wurdest. Du wolltest es schaffen. In diesem Leben. Erinnerst du dich?

Ich ehre und liebe dich, wie auch immer du dich entscheidest. Kein Schritt ist vergebens. Alles dient deinem Sein.

Siehe auch: Die Vergoldung des Schattens

Simone Meller

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Von der Flucht in die Stille


Ich erzähle hier von der Flucht in die Stille und ihrem unermesslichen Leid.

Zunächst beschreibe ich Phänomene der Stille und deren positive Wirkung. Während viele Menschen vor der Stille ausweichen (z.B. stundenlang ihr Meditationskissen umkreisen oder immer neue Ablenkungen finden), gibt es eben auch Menschen, die den  Seins-Zustand der Stille über alle Maßen bevorzugen und sich möglichst oft  dorthin flüchten.

Ursache dafür sind Traumata, deren Transformation noch nicht gewagt wird. Die Transformation kann erst dann riskiert werden, wenn ausreichend Liebe vorhanden ist. Es bedarf der inneren, sammelnden Erfahrung, pure Liebe zu sein, und einer äußeren Begleitung, die kompromisslos auf Liebe ausgerichtet ist. So entwickelt sich aus der Flucht in die Stille eine heilsame Stille, in der das Sprechen gelernt wird.

Ich unterscheide zwischen äußerer und innerer Stille. Bei der Inneren Stille nehme ich behelfsweise eine weitere Differenzierung vor:

a) Stille im Seelenmeer

b) Stille im geistigen Reich

c) stillste aller Stillen (Nichts)

Auch wenn ich erfahren habe, dass manchmal alles eins ist, sind  diese Unterscheidungen hilfreich im Auf und Ab des Menschenspiels.

zu a) Für das “Grobe” im Alltag genügt oft ein Eintauchen in das Seelenmeer. Sofort strömt mehr Liebe in die Situation, und sie wandelt sich binnen Sekunden. Diese Stille erfährt man besonders nach einem schmerzlichen Transformationsprozess als nährend. Diese Stille erdet zudem, da sie die Einheit zwischen uns und unserer Seele (ganz hier auf der Erde sein) verstärkt.

zu b) Wenn ich durcheinander bin und nach Klarheit strebe, sinke ich tiefer, nämlich in das geistige Reich hinein und lehne mich an das Tor zur ewigen Stille. Im Bewusstsein des Nichts an meinem Rücken lasse ich mich ein auf Bilder, Worte, Klänge, Gefühle etc. im geistigen Reich. Es ist hier sehr still, aber nicht völlig still. Die Stille ähnelt der in einem Theater, während auf der Bühne die Inszenierung erfolgt. Hier finde ich Klärung und Führung. Manchmal ist etwas angebracht, was ich vorläufig als “Intensivierung” bezeichnen möchte, dann löse ich mich im SEIN auf. Spätestens jetzt bin ich wieder kristallklar.

zu c) Mit bestimmten Prozessen durchschreite ich im Finale das Tor zur ewigen Stille und gelange im Nichts an. In vielen meiner Texte beschreibe ich es als Einfaltung der Welt, so wie sich eine aufziehbare Klappkarte zusammen faltet. Dort erfahre ich mich als Nichts, als Alles, als Weite, als Ewigkeit, als pure Essenz von Liebe. Dort zu sein, ist extrem wohltuend und regenerierend. Dort passiert etwas, was ich mit Reset umschreibe.

Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Geschichte die Erfahrung der Stillsten aller Stillen (c) vor allen anderen Lebenserfahrungen bevorzugen. Nur dort fühlen sie sich ganz und geborgen. Dort wollen sie so oft wie möglich sein, auch wenn die Erfordernisse des Alltags andere sind. Leben zeichnet sich dadurch aus, dass wir nicht ständig in Stille sind, sondern Dualität und Polarität erfahren. Sie neigen also dazu, ihre nächsten anstehenden Schritte im Menschenspiel zu überspringen (eine Variante des “spiritual bypassing”, s. Punkt 2 dieses Artikels). Häufig sind das Menschen, die zu Beginn ihres Lebens (meist im vorsprachlichen Bereich) eine solche Gewalt und psychische Vernichtung erlebt haben, dass sie davon nichts mehr wissen und nur zurück ins kosmische Nichts wollen. Mein Mitgefühl für diese Menschen ist groß.

Zugleich hat es einen Sinn, dass diese früh und so massiv verletzten Menschen diese Erfahrung machten. Ihre Seelen wählten die brachiale Gewalt, um sie transformieren zu lernen. Allerdings fühlt sich irdisch manches schlimmer an, als sich die Seele dies bei der Planung ihres Lebens vorstellte. So tendiert das menschliche Ego in diesen Fällen zur Flucht in das Nichts, das dann paradoxerweise oft nicht mehr das ewige Nichts (c), sondern ein abgespaltenes Pseudo-Nichts ist, wo eine neue Welt kreiert wird. (Es ist leichter, diesen Unterschied zu fühlen, als ihn in Worten zu beschreiben.)

Diese Menschen vermeiden die Konfrontation mit ihrem Schatten, weil sie von der Angst gesteuert werden, ein zweites Mal am lebendigen Leib zu sterben. Sie versuchen, am Leid vorbei einen Bypass zurück in den Spirit zu legen. Dabei verkennen sie, dass auch das hiesige Leid und alle anderen Varianten des Menschenspiels Spirit sind. Spiritual bypassing beschreibt nur ein Phänomen, denn in Wahrheit kann es nicht funktionieren, weil die kosmische Ordnung auch hier wirkt: Über das Resonanzprinzip zieht der innere Schatten äußeren Schatten an. Probleme und Herausforderungen im Außen nehmen zu und fordern heraus, sich dem innerlich abgespaltenen Schattenthema zu stellen (s. Kosmische Gesetze).

In dieser nun einsetzenden Konfrontation kommen dem hier beschriebenen “Bypasser-Typ” seine stabilisierenden Erfahrungen im Nichts zugute. Nach unermesslicher Erschütterung am Anfangs seines Lebens hat er dort in der Stillsten aller Stillen Ruhe, Kraft und Vertrauen getankt. All das braucht er in maximaler Ausprägung, um sich seinen Traumata stellen zu können, ohne ein weiteres Mal zu sterben. In archetypischen Bildern ausgedrückt lernt er, allen Teufelsaspekten des Seins ins Gesicht zu schauen. Indem er den hässlichen Fratzen begegnet, beginnt er, sein persönliches Menschenspiel zu durchschauen. Er erinnert sich an seinen Seelenplan und findet neuen Mut für die nächsten Spiele. Er beginnt, sich zu erden. Er beginnt, den Himmel auf die Erde zu holen.

Das hier Beschriebene geschieht nicht nur einmal, sondern viele, viele Male. Jeder dieser Schritte gelingt nur in liebevoller Begleitung. Anderenfalls kommt es zur Retraumatisierung, und der Prozess wird abgebrochen. Sanftheit, Geduld und Angemessenheit sind hier gefragt. Die Prozesse dürfen jederzeit unterbrochen werden. Im Gegensatz zum eskalierenden Abbruch stabilisiert eine bewusst herbeigeführte Unterbrechung die Person. Die scheinbare Pause bereitet den Boden für die nächsten Schritte.

So phantastisch all die Stillen sind und zur Heilung beitragen: Für früh verletzte Menschen ist das SPRECHEN Medizin. “Der Mensch wird am Du zum Ich”, brachte es Martin Buber brillant auf den Punkt. Genau das haben diese hochgradig traumatisierten Menschen nachzuholen: Sich einzulassen auf ein spirituelles Wesen aus Fleisch und Blut, nämlich auf einen Menschen. Also auf die Spezies, die am Anfangs ihres Lebens vernichtend einwirkte. Um zu heilen, müssen sie das tun, was sie am Lebensanfang zu lassen lernten: Vertrauen. Die zwischenzeitlich gemachte Erfahrung des wunderschönen ewigen Nichts hilft ihnen, sich dem allerschlimmsten und einst scheinbar ewig währenden Nichts (nämlich totale Verlassenheit) zu stellen.

Ihre spirituelle Erfahrung ermöglicht ihnen, ihre menschliche Erfahrung ins Herz zu nehmen und zu erkennen, dass alles, einschließlich des entsetzlichen Lebensanfangs mit seinen fatalen Folgen für das weitere Leben, ein gigantisches und trotzdem ernst  zu nehmendes Spiel ist. Zugleich erspart ihnen diese immer öfter wiederkehrende Erkenntnis NICHT, sich den nächsten schmerzlichen Aspekten zu stellen. Transformation ist und bleibt ein Prozess, egal wie weit die eigene Erkenntnis bereits reicht. Im Menschenspiel gibt es keine Abkürzungen. “Es kommt alles wieder, was nicht bis zum Ende gelitten und gelöst wird”, formulierte Hermann Hesse so treffend.

Gibt es auch keine Abkürzungen, so existiert doch ein Weg, der auch das Entsetzlichste annehmbar macht: Es ist der Weg der Liebe. Er führt jeden Seins-Aspekt heim. Von dort kommen wir. Dorthin gehen wir zurück. Von DORT sind wir nie getrennt, auch wenn wir HIER sind. Liebe führt nicht am Leid vorbei, sondern mitten hindurch. Mit dem Herzen kann ich Leid nicht wegmachen – in der Liebe darf es SEIN und von innen heraus Wandlung erfahren.

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Text: Simone Meller | Foto: Pixelio, Jürgen Nieen

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