Die einzige Prüfung, zu der ich in meinem Leben zu spät kam, war im Jahr 2000 im Rahmen meiner Diplomprüfung im Fach der Pädagogischen Psychologie bei Prof. Friedemann Schulz von Thun. Während ich im Universitätsgebäude – genötigt durch eine mir bis dato unbekannte Baustelle – einen alternativen Weg zu seinem Büro suchte, sprach er mir zu Hause auf Band “Halloooo, Frau Meller, Sie haben einen Prüfungstermin – wir warten auf Sie!!” (Hinweis für Spätgeborene: Das waren Zeiten ohne Handy!) Er hatte wirklich gewartet! Atemlos und reichlich zu spät erreichte ich sein Büro, überaus glücklich, dass er und die Beisitzerin noch bereit waren, mich zu prüfen und legte los. Bereits das Studium im Bereich Kommunikationspsychologie/”Beratung und Training” war vielseitig, lebendig und inspirierend gewesen, und auch in dieser Prüfung lernte ich auf angenehme Weise noch etwas dazu.
Meine Sicht auf Schulz von Thun und sein Wirken war aufgeschlossen und kritisch zugleich (ich kann halt nicht anders). Ich gehörte nie zu seiner “Anhängerschaft”, wie ich für mich abkürzend all die zusammenfasse, die sich arbeitend oder rezipierend um Friedemann Schulz von Thun versammelten und von dort wieder hinaus in die Welt strömten. In der unsicheren Anfangszeit meiner Freiberuflichkeit fragte ich mich manchmal, ob dies ein Fehler gewesen sei, aber letztlich hat es sich erwiesen, dass ich meinen eigenen Weg in Verbindung und Abgrenzung zur Hamburger Kommunikationspsychologie zu gehen hatte.
Diese Erinnerungen kamen mir heute, als ich dank Markus Sikor auf Schulz von Thuns Abschiedsvorlesung “Was ich noch zu sagen hätte…” anlässlich seiner Pensionierung aufmerksam wurde. Für Insider der Hamburger (Kommunikations-)Psychologie ist diese Vorlesung ein Genuss mit teilweise kabarettistischen Charakter. Für Noch-nicht-Kenner eine bündige und kurzweilige Zusammenfassung der Grundzüge der Hamburger Kommunikationspsychologie. Für Didaktiker und Rednerinnen eine Veranschaulichung wie es auch kurzweilig geht. Für Erstsemster, Unentschlossene und sonstig Zweifelnde ein mutmachendes Beispiel: Der eloquente Redner mit Frank-Elstner-Qualitäten erzählt freimütig, wie schüchtern, steif und unsicher er einst in zwischenmenschlicher Kommunikation war und wie sich daraus sein Lebensthema, die Kommunikationspsychologie in ihren verschiedenen Facetten herausschälte.
Dies geschah, weil sich Schulz von Thun konsequent an dem orientierte, was ihn in der Tiefe seines Herzens wirklich interessierte. Auf diese Weise entstand sein Weg, ein letztlich erfolgreicher und einflussreicher Weg. Man sagt, dass er die Psychologie wirtschaftsfähig gemacht hat: Er nahm den Führungskräften die Angst vor der Couch und gab ihnen Metaphern an die Hand, mit denen sie sich selbst besser verstehen konnten. Er hat mit seiner Kommunikationspsychologie etwas geschaffen, was heute Allgemeinwissen ist und in Schulen gelehrt wird.
Als ich heute den Vortrag auf mich wirken ließ, berührte mich die Gestalt der Neuen Energie, die sich bei genauerer Betrachtung durch sein Lebenswerk zieht. Mit Neuer Energie meine ich die Kraft, die Innen und Außen zusammenbringt, das Ende der Doppelleben einläutet und Herzenswege ermöglicht (das war meine bislang kürzeste Definition, eine ausführlichere Beschreibung gibt es z.B. hier). Je nach kulturellem Hintergrund kann man es auch Stimmigkeit, Selbstverwirklichung, Kongruenz, Aufhebung von Dualität etc. etc. etc. nennen. Es geht nicht um die Worte, sondern um die Qualität. Die Qualität ist: Ich höre in mich hinein und bringe das dort Vernommene als meinen Ausdruck in die Welt direkt vor meiner Nase. Je tiefer dabei die Anbindung nach innen, desto unabhängiger ist man dabei von einer Anerkennung im Außen.
Berührt hat mich vor allem auch das Ende seiner Abschiedsvorlesung, als er auf den durch Fakultätenbildung, Bologna-Prozess und Generationswechsel gebeutelten Notstand seines Fachbereichs hinweist. Hatte er zuvor anekdotenhaft beschrieben, wie wohl es ihm tat als Anfangssemester in der Universität wahrgenommen und in seinen Interessen unterstützt zu werden (in einer Zeit, in der es noch keine Zulassungsbeschränkung gab), so gedachte er nun der Bedürfnisse der halbjährlich einströmenden 250 Erstsemster: Auch sie suchen Orientierung und wünschen sich individuell abgeholt zu werden – inmitten der Massenuniversität einer Großstadt.
Rückblickend zeichnet Schulz von Thun eine Lebensfigur, die ihm im Vorhinein so nicht bewusst war. So geht es wohl jedem Menschen. Den 250 Erstsemestern genauso wie allen anderen, ob studiert oder nicht – das spielt keine Rolle. Mir gefällt in dieser abschiedlichen Stimmung klar konturiert etwas Heiliges sehen zu dürfen, nämlich die Entfaltung von Lebensthemen, wie sie in jedem von uns auf ureigene Weise geschieht.
Mir gefällt, dass Schulz von Thun seine letzte Vorlesung zelebriert. Sie ist ein Ritual und ein Beispiel dafür, wie Rituale Übergänge erleichtern können. Das Feiern von Lebensfesten macht nicht nur Spaß, sondern hilft uns Altes loszulassen und begleitet von lieben Menschen in das Neue hineinzugehen.
Was sich hier in Groß am Beispiel eines “kleinen C2-Nischen-Professors” (wie sich Schulz von Thun selbst nennt) anschaulich aufzeigen lässt, geschieht in Klein (und damit nicht minder groß) im alltäglichen Leben. Schaue ich von heute abend auf heute morgen zurück, sehe ich eine Figur. Schaue ich auf gestern zurück, auch da zeigt sich eine Linie. Genauso auf vorgestern, auf die Zeit vor einer Woche, vor einem Monat, einem Jahr, fünf Jahren etc.. Auch das kann man feiern. Vor gut einem Jahr habe ich darüber geschrieben, dass man die Feste viel öfter feiern könnte, wie sie fallen – wenn wir sie nur öfter fallen lassen würden…
Könnten wir jeden Tag feiern? Was gehört für Sie zum Feiern dazu? Wann haben Sie das letzte Mal gefeiert? Wie zelebrieren Sie Ihre Freude am Leben und seinen Übergängen? Was klingt im “Feierabend” für Sie an?
Simone Meller (feierlich und vergnügt über die Doppeldeutigkeit von Lecture2go)