Tag Archive | "Esoterik"

Das Werk am Schwarzen, am Roten und am Weißen


In der esoterischen Überlieferung ist von drei Feuern die Rede: dem Ur- oder Schlangenfeuer, welches in seiner außerordentlichen Kraft an der Basis der Wirbelsäule zusammengerollt liegt, diese hinaufklettert und, beim Herzen angelangt, über die Arme mit den beiden anderen Feuern in Verbindung tritt – mit der Energie der Sonne, Ida, und mit der brennenden Materie, Pingala. Die brennende Materie ist das Zeichen Gottes auf Erden. Alles wird aus ihr geboren.

Durch das ansteigende Feuer wird das Werk am Schwarzen, das Werk am Roten und das Werk am Weißen bestimmt. Das Werk am Schwarzen bezieht sich auf die ersten beiden Chakras, d.h. auf die Lebenskraft, die Sexualität und die Gefühlswelt und auf alles, was die Dualität eskalieren lässt und Konflikte vermehrt. (…)

Wenn man alle Farben mischt, entsteht daraus das Schwarz. Das weiße Licht hingegen enthält alle Farben, d.h. es ist zugleich Einheit und Transparenz. So beginnt jeder spirituelle Weg mit dem Werk am Schwarzen, mit der Reinigung der Persönlichkeit, welche die egoistischen Kräfte transformiert, damit das Werk am Roten beginnen kann. In jener Zeit verwandelt sich menschliche Liebe in spirituelle Liebe.

Die menschliche Liebe ist von Emotionen in all ihren Höhen und Tiefen bestimmt. Gerade sind wir noch mit der geliebten Person zusammen, und sie versichert uns ihre Zuneigung, da kehrt ein Blick, ein falsches Wort oder eine Geste die Situation um und stellt das Gefühl der Einheit in Frage. (…)

Im Gegensatz dazu wird die spirituelle Liebe auf der Ebene des Herzens erfahren. Sie zeichnet sich nicht nur durch ihre zeitliche Unbegrenztheit aus, sondern auch dadurch, dass sie jeder Probe mit Gleichmut standhält.

Die Umwandlung durch die steigenden Feuer findet ihre Vollendung in der Reinheit des Werkes am Weißen.

Dieses Werk betrifft die drei letzten Chakras: das Halschakra, das Stirnchakra, das auch als drittes Auge bekannt ist, und das Scheitel- oder Kronenchakra.

Nun hat der Mensch Einheit und Transparenz erlangt. Er kann als reiner Kanal dienen, welcher das göttliche Licht in die Welt strahlt (nicht zuletzt ist “mondän” fast ein Anagramm von “Dämon”), während er die Gefühle, die in ihm wohnen, bewältigt und beherrscht.

aus: Caffin, Michèle (2005). Was Zähne zeigen. Hamburg: Aurum. (S. 91-93, Fettdruck durch mich)

Posted in ZitateKommentare deaktiviert

Mystische Abenteuer und ihre Integration


Meine Biografie ist die Geschichte einer Heimatlosen, die mit Müh’ und Not lernte, in der Heimatlosigkeit zu Hause zu sein, und letztlich die Liebe in der Formlosigkeit entdeckte. Den einen zu intellektuell, den anderen zu gefühlsbetont. Wiederum anderen zu esoterisch oder zu aufgeklärt. Der Methode nicht treu genug und zu sehr den eigenen Werten verpflichtet. Jedenfalls immer zu eigensinnig, wenn auch stets erfolgreich auf ungewohnten Pfaden.

Dies alles niemals wählend, sondern einfach nicht anders könnend, als ich selbst zu sein. Erst später lernte ich darin die Figur der Selbstverwirklichung zu erkennen. Ich folgte meinem wandelnden Ich-bin durch die Vielfalt der Bezogenheit und fand Geborgenheit im mystischen Raum, im wechselnden Tanz von Selbsterfahrung und (sprachlichem) Ausdruck.

Zwischen allen Stühlen folge ich unablässig der Wahrheit meines Herzens, ertrage die immer kürzer werdende Halbwertzeit meiner Texte, wissend dass ohne den einen nicht der andere entstehen würde. Jeder Text entspringt der Klarheit, die Zug für Zug in meiner täglichen (Schatten-)Arbeit mit mir und anderen entsteht, und fließt an nächster Stelle wieder dort ein. Während ich mit Menschen und Situationen fließe, werde ich eine andere. Ich gebe mich meinen Aufträgen hin und empfange über die Bezahlung hinaus eine Begegnung, die mich wandelt. So webe ich zwischen meinen Terminen einen Mantel aus Sprache, den ich mit dem Unbekannten teile.

Er ist ein echtes Patchwork, jeder der mein Leben berührte, hat Anteil an ihm, empfängt meinen Dank. Dieser Mantel aus Sprache ist nichts als eine Hülle für das Erfahrene und das zu Erfahrene. Er ist eine Form in beständiger Wandlung, und seine länger werdender Schleppe zeugt vom eingeströmten Bruchteil der überwältigenden Essenz. Obwohl die Zahl der veröffentlichten Texte manchmal rasant steigt, vermehrt sich numerisch auch das nicht Gesagte. Ich sehe ab vom Veröffentlichen weißer Blätter, doch strömt durch mein offenes Herz mehr als mir Worte gegeben sind. Immer öfter ergebe ich mich dem Anschaubaren in meiner Erfahrung, dessen Kraft mich und meine Kunden in stiller Weise zu neuen Ufern trägt. Immer schwingt es sanft zurück, so wie auch das Unbekannte, dem ich mich bloggend anvertraue.

So ist dieser Blog ein Ort, an dem ich Einblicke gewähre in mein mystisches Abenteuerland und Ausblicke auf mein integrierendes Verstehen. In der Aneinanderreihung meiner Texte zeige ich mich als eine Lernende und Reisende, aber auch als eine, die auf ihre Werte achtet und bei aller Offenheit um eine balancierte Darstellung bemüht ist. Mir geht es um das Erzählen vom Möglichen, um die Einordnung des Schrecklichen und die Transformation zum Herrlichen.

Ich will mit meinen transzendenten Erfahrungen nicht wie mit Trophäen winken, denn es geht nicht um den vermeintlichen Glanz, sondern um die still gelebte Integration im Alltäglichen. Zugleich bedarf es in einer Welt, in der die spirituelle Szene boomt, auch einer öffentlichen Positionierung und des Angebots von Orientierung. Doch obwohl ich deshalb seit 2009 in meiner Stille immer lauter werde, bleibt vieles noch in einem Raum der Andeutung, den ich nach individuellen Bedarf und ethischer Abwägung im persönlichen Kontakt gerne erhelle. Ich freue mich über die Resonanzen meiner Leserinnen und das Vertrauen meiner Kunden. Es sind Geschenke, die mich berühren und inspirieren.

Simone Meller
Foto: Silke Theidel

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Pilzsuche im psycho-spirituellen (Esoterik-)Wald


“Der typische Esoteriker ist nett, mitfühlend, optimistisch, aufgeschlossen, aber leider auch sehr leichtgläubig”, so schrieb mal Wolf Schneider und weiter: “Herzlichkeit und Hingabe werden in diese Szene hoch gehandelt, Intellekt und Unterscheidungsvermögen hingegen diskreditiert. So haben die Verkäufer des Halbwahren ein leichtes Spiel.” Damit ist die Crux der Esoterik so treffend auf den Punkt gebracht, dass ich es selbst nicht besser ausdrücken könnte (auch wenn ich Schneider lieber nicht zitiert hätte, weil mir viele andere seiner Gedanken als zu zynisch und wenig beseeelt erscheinen). Ich spreche von einer “Crux”, weil ich in der Esoterik viele für meine Entwicklung wichtige Impulse gefunden habe, aber auch so viel Schindluderei und strahlende Fassaden mit ungehemmt pathologischem Hintergrund gesehen habe, dass ich jedes Vorurteil, das der Esoterik entgegengebracht wird, verstehen kann. Wie in jedem Lebensbereich (sei es das Bäckerhandwerk oder die medizinische Zunft) gibt es eben solche und solche. Wir tun deshalb gut daran, Menschen und ihre Angebote mit Kopf, Herz und Bauch wahrzunehmen.

Ich schätze es sehr, wenn (potenzielle) Kunden mich mit ihrer Skepsis konfrontieren, denn schließlich konfrontiere ich sie zuvor durch meine öffentliche Selbstdarstellung mit einer ungewohnten Weise zu sein und zu handeln. Neulich äußerte ein Firmenkunde in einem Projekt-Vorgespräch ganz klar: “Ich wollte Sie kennenlernen, um herauszufinden: Wie esoterisch sind Sie?” Aus dieser Offenheit heraus entstand ein sehr spannendes Gespräch, das für beide Seiten Lernmomente beinhaltete. Die Differenzierungen und Verbindungen, die in meiner Person harmonisch zusammenlaufen, sind für manche Menschen zunächst schwer verdaulich. Und zwar für die Esoteriker genauso wie für die Anti-Esoteriker. Eine Freundin meinte mal: “Du passt in keine Schublade – Ikea hin, Prokrustes her”.

Wer mit Medizin, Psychotherapie oder Esoterik schlechte Erfahrungen gemacht hat, neigt aus Angst vor einer Wiederholung dazu, den gesamten Bereich mit einer Armbewegung vom Tisch zu wischen. Das kann man machen, nur landet dabei auch einiges im Mülleimer, was man vielleicht noch brauchen könnte. Hilfreich finde ich deshalb, Erfahrungen zu Kriterien zu verwerten, also eine Art Faustregel zu entwickeln. In diesem Artikel möchte ich ein paar solcher Kriterien vorstellen, die sich auf den boomenden psycho-spirituellen (Esoterik-)Markt anwenden lassen.

Es existiert eine beeindruckende Vielfalt verschiedenster Gruppen und Bewegungen. Seriöse Ansätze koexistieren neben zweifelhaften Angeboten, und aus Abgrenzungen von älteren Gruppen gehen neue guruhafte Bewegungen aus. Wie kann man solche Gruppen einschätzen? Wo wird die eigenen Entwicklung gefördert, und wo wird sie vielleicht unterdrückt? Die Pädagogin und Therapeutin Angelika Doerne hat vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung die Literatur zur transpersonalen Psychologie (u.a. Ken Wilber, Ludwig Frambach, Dick Anthony) gesichtet und sechs Kriterien abgeleitet, anhand derer psycho-spirituelle Gruppen kritisch und differenziert betrachtet werden können. Sie untersucht klare, aber auch subtile Phänomene der kollektiven Identifikation und Selbstunterwerfung. Im folgenden referiere ich die von Doerne vorgeschlagenen sechs Kriterien in stark vereinfachter Weise (den Gesamtkontext kann man im Originalartikel nachlesen).

* * *

1.) Regressive Tendenzen (Zurückfallen in kindliche Verhaltensmuster):

Entwertung des Verstands: Hier hilft die Unterscheidung nach Wilber in prä- und transrational: Bei einem transrationalen Verständnis wird der Verstand nicht mehr überbewertet, sondern transzendiert. Er wird in Form von kritisch-rationalem Denken harmonisch integriert. Im Gegensatz dazu schließen prärational agierende Gruppen den Verstand weder ein noch transzendieren sie ihn. Sie betrachten den Verstand irrtümlich als spirituelles Entwicklungshemmnis, als Ursache menschlichen Leidens und werten ihn entsprechend ab. In solchen Gruppen ist kritisches Denken verpönt und wird als Zeichen von spiritueller Unreife gesehen.

Symbiose (kindliche Verschmelzung) wird irrtümlich für spirituelles Einheitserleben gehalten.

Götter, Geister, Dämonen, Außerirdische und andere Kräfte werden als alllmächtig gesehen, die durch richtige Gebete und Rituale den eigenen Wünschen gegenüber gnädig gestimmt werden können.

Diese regressiven Tendenzen werden nur ausgelebt, nicht verstanden und nicht auf einem neuen Bewusstseinsniveau integriert.

2) Sabotage von Entwicklungsprozessen

Verdrängtes und Unangenehmes wird tabuisiert oder bagatellisiert, weil es den Lehrer, die Gruppe, das ideologische System bedroht oder mit solchen Gefühlen nicht umgegangen werden kann.

Gipfel- und Grenzerlebnisse werden durch extrem lange, intensive, die persönliche Schmerzgrenze überschreitende Meditationspraxis überschritten und können deshalb nicht organisch integriert werden.

Pathologische Entwicklungen, die sich auf jeder (!) Stufe im menschlichen Entwicklungsprozess einstellen können, werden aus fachlicher Unkenntnis seitens des Lehrers verkannt. Dadurch können psychopathologische Zustände, die einer bestimmten Therapie bedürften, fälschlich für mystische Erfahrungen gehalten werden und schlimmstenfalls durch kontraindizierte Techniken eskalieren. Doerne schreibt dazu:

Ein Gefühl der inneren Leere und Sinnlosigkeit, wie es bei Borderline-Patienten auftritt, kann mit der buddhistischen Leerheit verwechselt werden. Die innere Leere wird positiv umgedeutet und mystifiziert, statt das Defizit der Entwicklung zu erkennen und therapeutisch zu behandeln. (S. 25)

Transpersonale Entwicklung bedarf eines soliden Fundaments, nämlich einer fortgeschrittenen personalen Entwicklung. Ist diese nicht gegeben, bestehen Risiken. Doerne:

Signer macht auf die Gefahr des ’spiritual bypassing’ aufmerksam (S. 59 ff.): Lebenskrisen mit Hilfe von Meditation o.ä. zu umgehen und Probleme und Entwicklungsprozesse vorschnell zu ‘transzendieren’. Gerade bei Menschen in der späten Adoleszenz sowie in der Krise der Lebensmitte ist dieses Verhalten zu beobachten. Dabei ist es wichtig, die phasenspezifischen Krisen durchzustehen und personale Transformationsprozesse zu fördern. (S. 25/26, Unterstreichung von mir)

3) Stärkung von Narzissmus

Eigene Wünsche werden irrtümlich für universelle Notwendigkeiten und Rechte gehalten (Egoismus-Ausweitung).

Die Macht über das eigene Schicksal oder das anderer Menschen wird überschätzt (Selbstüberschätzung).

Psychische Gipfel- und Grenzerlebnisse werden trophäenhaft zur Schau getragen und münden in einer Arroganz gegenüber anderen (Spitzenleistungen).

4) Überbetonung von Gemeinschaft

Dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit werden kritische Äußerungen und individuelle Bedürfnisse geopfert. In manchen Gruppen erfolgen mehr oder weniger (soziale) Sanktionen, wenn der Ideologie der Gruppe nicht ergeben begegnet wird.

Die Gruppenanhänger polarisieren zwischen sich und unwissenden Nicht-Anhängern der Gruppe (also dem Rest der Welt). Teilweise werden sonstige soziale und berufliche Kontakte abgebrochen, Engagement für die Gruppe und ggf. Unterwerfung unter die Gruppenleiter sind von großer Wichtigkeit.

5) Ungleichgewicht transzendenter und weltlicher Orientierung

In einseitig orientierten Gruppen kommt es entweder zu einer Überbetonung von Transzendenz (einseitige Aufstiegsbewegung: asketische, weltabgewandte Haltung, Abspaltung von Gefühlen und Bedürfnissen, Verwechslung von Dissoziation mit Nicht-Anhaftung etc.) oder zu einer Überbetonung des Weltlichen (einseitige Abstiegsbewegung: Idealisierung starker emotionaler Erfahrungen, emotionale Katharsis wird für transzendierende spirituelle Praxis gehalten etc.).

6) Verflachte Interpretationen spiritueller Inhalte und Erfahrungen

Ein Aspekt aus dem Lehrsystem wird herausgegriffen, zum Dogma stilisiert und als einfältige Antwort auf sämtliche Fragen des Lebens angewandt (z.B. “Der Verstand ist schuld.”, “Alles ist eins” etc.).

Unausgereifte personale Entwicklung führt zu verzerrten Erfahrungsinterpretationen und deren Weitergabe.

* * *

Ich finde solche Kritierien wichtig (vgl. Info über Psychokulte), weil sie eine (fachlich) differenzierte Beurteilung der (Gruppen-)Angebote auf dem psycho-spirituellen (Esoterik-)Markt ermöglichen. Menschen mit fortgeschrittener Selbsterfahrung können die Angebote leichter einschätzen und die Kriterien ggf. auch als Hilfe beim Ausstieg aus (subtil) missbräuchlich agierenden Gruppen nutzen. Doerne wendet am Ende ihres Artikels diese sechs Kriterien beispielhaft auf die Bhagwan-Bewegung an.

Mir kam beim Schreiben das Bild vom Pilze sammeln in den Sinn. Wenn ich durch den psycho-spirituellen Wald schlendere, dann sammle ich die bekömmlichen Pilze ein, die giftigen lasse ich unberührt. Beide stehen dicht beieinander – und genauso ist es im esoterischen Kommerz. Die Schwierigkeit ist nur, dass diese Differenzierung von Pilzen bzw. Angeboten ein gewisses Maß an integrierter Erfahrung und Wissen voraussetzt. Viele der Hilfesuchenden verfügen (noch) nicht über diese personale Reife, deshalb suchen sie ja! Aber jeder verfügt über eine echte Chance, die nie vergeht: Wir alle können täglich aus unseren Erfahrungen lernen. Die von Doerne zusammengetragenen Kriterien können dafür eine Hilfe sein.

Text: Simone Meller | Fotos: Pixelio, Re.Ko., Renate Tröße

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Kann man von Psychotherapie abhängig werden?


165020_R_K_by_wunder1_pixelio.deKann man von Psychotherapie abhängig werden? Ja, kann man – im ungünstigen Fall, nämlich dann, wenn die Psychotherapeutin ihre eigenen Hausaufgaben nicht gemacht hat. In diesem Falle wird die Abhängigkeit des Patienten jedoch nicht geschaffen, sondern er bringt sie mit und die Therapeutin bedient sich ihrer. Jemand, der diese Frage stellt, ist bereits abhängig, von was auch immer. Gefühlt 90% der Menschen sind abhängig: von der Bestätigung durch ihre Mitmenschen. Gefühlt 90% der Menschen haben kein hinreichend stabiles Selbstwertgefühl, sondern werden durch kritische Äußerungen dermaßen erschüttert, dass sie alles dafür tun, um “gemocht” zu werden und keine “falschen” Entscheidungen zu treffen. Gefühlt 90% der Menschen waren in ihrer Kindheit nicht sicher geborgen, so dass sie noch als Erwachsene wie abhängige Kinder agieren – auf der Suche nach einer Sicherheit durch Ersatzeltern. Menschen übertragen diese Sehnsüchte auf Freunde, Partner, Ärzte, Berater und eben auch Psychotherapeuten.

Die Qualifikation einer Psychotherapeutin besteht darin, mit dieser Sehnsucht zum Wohle des Patienten und wachstumsfördernd umzugehen. Dazu gehört auch, bei aller seelischen Nähe, die während einer Zusammenarbeit entsteht, eine professionelle Distanz zu halten. Dazu gehört, seine Patienten nicht mit Freunden zu verwechseln. Es ist eben eine therapeutische, eine dezidiert heilende Beziehung (die im Praxisraum stattfindet) und keine private Beziehung (die sich im privaten Wohnbereich ereignet). Es bedarf sehr viel Klarheit und Bewusstheit seitens der Therapeutin, diese Grenzen zum Schutze und Wohle des Patienten zu bewahren. Patienten sind sehr kreativ in ihren legitimen Versuchen, diese Grenzen zu unterwandern. Ich betone: Der Versuch patientenseitig ist völlig legitim, aber der Therapeut darf sich nicht verführen lassen, sondern hat die Aufgabe, die Kurve in Richtung Heilung einzuschlagen. Immer wieder neu.

Kann man von Psychotherapie abhängig werden? Das fragte mich gestern eine Patientin. Die dahinter steckende Angst ist in psychotherapeutischen Praxen kein Einzelfall. Auch das Faktum – Abhängigkeit seitens des Patienten und narzisstischer Missbrauch seitens der Therapeutin  – ist keine Seltenheit. Es geht also nicht darum, das Risiko zu leugnen, sondern vielmehr zuzugeben und aufzuklären. Die Kunst der Psychotherapie besteht nämlich darin, um diese mitgebrachte Abhängigkeit zu wissen und angemessen mit ihr umzugehen. Nur wer seine eigene Abhängigkeit entdeckt und geheilt hat, vermag andere zur Auflösung deren Abhängigkeit anzuleiten. Schwer ist, das in eine für den Patienten jeweils individuell passende Antwort zu kleiden. Denn vielleicht geht es gerade darum, sich das Bedürfnis einzugestehen, Hilfe zu brauchen, was ja überhaupt nicht verkehrt, sondern im Gegenteil wünschenswert ist. Sobald ich jedoch merke, dass jemand in das Muster rutscht, sich abhängig von meiner Unterstützung zu machen anstatt selbst zu reifen, leite ich zur Transformation dieses Musters an.

In der esoterischen Lebensberatungsszene ist dieses Bewusstsein weitaus weniger vorhanden als in der verkammerten psychotherapeutischen Zunft, doch selbst dort landen immer wieder Fälle vor der Ethikkommission  – und viele eben leider auch nicht…

Wie schützen Sie sich vor Abhängigkeit und Missbrauch? Eine gute Möglichkeit ist, diese Frage Ihrer Therapeutin oder Ihrem Lebensberater zu stellen und aufmerksam die Antwort auf sich wirken zu lassen. Wer einseitig beschwichtigend reagiert, disqualifiziert sich – so meine persönliche Erfahrungen mit Psychotherapie und meine Beobachtungen auf dem Markt der selbst ernannten Lebensberater. Ich bin nicht grundsätzlich gegen selbst ernannte Lebensberater. Ich habe mir selbst hier und da schon Inspiration geholt, wie eine leckere Speise vom Buffet. Nur habe ich beim Zugreifen daneben auch unreife Früchte (= undifferenzierte Erklärungen) und verdorbene Speisen (= narzisstische Bedürftigkeit) gesehen und war froh, dass ich vor diesem Kontakt meine Abhängigkeit an kompetenter und weiser Stelle hatte heilen dürfen.

An dieser Stelle noch eine Anmerkung: Gerade in esoterischen Kreisen begegnet mir manchmal eine anti-psychotherapeutische Haltung. Ich kann das verstehen, da ich selbst nach einem gescheiterten Psychotherapieversuch über Jahre despektierlich über diese Zunft redete und erst wachsenden Leidensdruck brauchte, um einen zweiten Versuch zu wagen, der letztlich glücklich endete. Hätte ich diesen zweiten Versuch (der zwei nahtlos aneinander schließende Prozesse bei zwei sich für mich ergänzenden Personen beinhaltete) nicht gewagt, nicht auszudenken, wie mein Leben versickert wäre… Psychotherapie hat mir geholfen, zu meiner wahren Größe zu erwachen und zu erfahren, dass nur ich selbst mich heilen kann. Die therapeutische Hilfe habe ich gebraucht, um den Weg dahin frei zu räumen. Zudem hatte ich mich unglaublich verlaufen… Aber meine Heilung, die konnte ich an niemanden delegieren.

Damit bin ich bei einem zweiten Kriterium, mit dem man die Güte einer helfenden professionellen Beziehung (und das muss wahrlich nicht Psychotherapie sein) beurteilen kann: Darf ich hier wachsen? Darf ich hier groß sein? Oder muss ich in gewisser Weise klein bleiben, damit der andere mir “helfen” (= seine Konzepte auf mich anwenden) kann? Muss ich am Altar der Großartigkeit des Helfers beten, oder kann ich gefahrlos andere Gedanken und Gefühle äußern? Darf ich hier sein, was ich bin, oder muss ich so sein, wie der andere mich braucht? Wenn Sie Zweifel haben, lassen Sie sich nicht vernebeln, sondern vertrauen Sie Ihrem Gefühl und/oder holen Sie sich eine zweite Meinung ein. Ein Ihnen aufrichtig zugewandter Berater wird deshalb nicht gekränkt sein! Das ist übrigens schon ein drittes Kriterium.

Ich beobachte in der esoterischen Szene, dass Menschen, die aus welchen Gründen auch immer eine Psychotherapie vermieden haben, in ihrem scheinbar so anderem Tun exakt die Strukturen schaffen, vor denen sie Angst haben. Sie agieren genau das aus, von dem sie sich abzugrenzen glauben. Sie missbrauchen und/oder lassen sich missbrauchen, auch wenn das Ganze nicht in einem psychotherapeutischen Setting stattfindet. Diese mehr oder weniger subtile Missbrauchs-Struktur ist eine Variante im Menschenspiel, gleichgültig vor welcher Kulisse sie aufgeführt wird. Sie wird in individuellen Varianten so lange wiederholt, bis  man dieses Bewusstseinsmuster in der Seele nachhaltig transformiert hat. Erst dann werden diese Spiele für die Seele uninteressant, die nach neuen Lernerfahrungen strebt.

Man kann von Menschen (Partner, Berater, Internet etc.), Substanzen (Alkohol, Schokolade, überkorrekte Ernährung etc.) und Verhaltensweisen (Sex, Einkaufen, Diät etc.) abhängig werden. Nämlich immer dann, wenn Menschen ihrer Verantwortung für ihre wahren Bedürfnisse (Heilung) zu entkommen versuchen und in eine Ersatzbefriedigung (“fauler Kompromiss”) fliehen. Wir dürfen wählen – jeden Tag aufs Neue. So ist das Spiel.

Text: Simone Meller | Foto: Pixelio, wunder1

*

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Welle