Posted on 21 Februar 2011.
Die Sonne spricht zu uns mit Licht,
Mit Duft und Farbe spricht die Blume,
Mit Wolken, Schnee und Regen spricht
Die Luft. Es lebt im Heiligtume
Der Welt ein unstillbarer Drang,
Der Dinge Stummheit zu durchbrechen,
In Wort, Gebärde, Farbe, Klang
Des Seins Geheimnis auszusprechen.
Hier strömt der Künste lichter Quell,
Es ringt nach Wort, nach Offenbarung,
Nach Geist die Welt und kündet hell
Aus Menschenlippen ewige Erfahrung.
Nach Sprache sehnt sich alles Leben,
In Wort und Zahl, in Farbe, Linie, Ton
Beschwört sich unser dumpfes Streben
Und baut des Sinnes immer höhern Thron.
In einer Blume Rot und Blau,
In eines Dichters Worte wendet
Nach innen sich der Schöpfung Bau,
Der stets beginnt und niemals endet.
Und wo sich Wort und Ton gesellt,
Wo Lied erklingt, Kunst sich entfaltet,
Wird jedesmal der Sinn der Welt,
Des ganzen Daseins neu gestaltet,
Und jedes Lied und jedes Buch
Und jedes Bild ist ein Enthüllen,
Ein neuer, tausendster Versuch,
Des Leben Einheit zu erfüllen.
In diese Einheit einzugehn
Lockt euch die Dichtung, die Musik,
Der Schöpfung Vielfalt zu verstehn
Genügt ein einziger Spiegelblick.
Was uns Verworrenes begegnet,
Wird klar und einfach im Gedicht:
Die Blume lacht, die Wolke regnet,
Die Welt hat Sinn, das Stumme spricht.
Hermann Hesse
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Posted on 16 Februar 2011.
Dem Einheitsbewusstsein entspringt die Gleichwertigkeit, nicht aber die Vereinheitlichung alles Seienden. Im Einheitsbewusstsein akzeptiere ich Dualität: du darfst so sehr anders sein als ich. Ich weiß nicht, woher du kommst und wohin du gehst. Ja, wir wurzeln in einem Grund. Aber ich kenne nicht den Ort, an dem deine harte Knospe die Erde durchbohrte. Und ich kenne nicht den Ort, an dem du sanft vergehen wirst. Und ich kenne nicht deine unzähligen Schritte dazwischen. Ich akzeptiere dieses Erleben von Trennung und lasse mich darauf ein. Im Annehmen von Dualität bin ich plötzlich eins. Deins ist meins. Weil ich bei mir blieb und dich ließ. Einheitsbewusstsein ist nicht eins sein. Einheitsbewusstsein entspringt nondualen Erfahrungen, aber es ist nicht identisch mit ihnen.
Simone
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Posted on 07 Februar 2011.
Die Fülle des Lebens vollzieht sich im Rhythmus von Entstehen und Vergehen. Ich lebe auf einem Landstrich, der vergehen wird. Meine Fülle von heute ist mein Überflüsiges von morgen. Mein Überflüssiges von heute macht Platz für meine Fülle von morgen. Das Leben gibt und nimmt. Mein wandelndes Sein ist synchron zu Ebbe und Flut. Der Fluss, das Tal, der Berg schwingt. Die Menschen schwingen. Da ist eine einzige Bewegung und keine Trennung von Materie und Geist. Zwar vollziehe ich meine Bewegung und du deine, doch was davon ist die Gischt der nächsten Welle und was davon der aufgewühlte Sand? Wo endet die Elbe und wo fängt sie an? Wo beginnt die Küste und wo hört sie auf? Was ist Niedrigwasser und was ist Hochwasser? Die Fülle des Lebens vollzieht sich im Rhythmus von Entstehen und Vergehen. Ich lebe auf einem Landstrich, der vergehen wird. Ich bejahe meine Fülle im Hier und Jetzt. Amen.
Simone
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