Tag Archive | "Böse"

Wie sich das Ego selbst erlöst


Natürlich hat sich das Ich (“Ego”) zu transzendieren. Doch wer es abzustreifen versucht, bevor er Gott in sich und sich in Gott fand, wird enttäuscht suchen, während Gott in ihm und er in Gott ist.

Der bewusste Heimweg geht nur über das Ich. Das Ich regiert über sein Bewusstsein, das sich verschließen, stetig oder sprunghaft erweitern kann (s. Ohne Ego keine Einheit).

So vielfältig dir die geistige Welt auch erscheint, alle energetischen Phänomene sind Aspekte eines Seins, die sich begegnen, weil man mit einer Hand nicht klatschen kann. Auf dem Weg zur Einheit geht es weder darum, sich die bunte Dualität zu verbieten, noch sie zu halten. Bist du achtsam, kannst du ihr natürliches Steigen und Sinken wahrnehmen (s. Achtsamkeit für Stadien spirituellen Wachstums).

Doch was auch immer du im multidimensionalen Raum erlebst, immer bist du es, der deine Energien bewegt, und zwar durch das gesamte Spektrum der Polarität.

Ja, das hat seine unbequemen Seiten. Denn es bedeutet Verantwortung für Licht und Schatten zu übernehmen. Es bedeutet, in dir das Göttliche und das Teuflische zu finden. Der Teufel ist kein Feind Gottes. Beide sind zwei Seiten einer Medaille.

Wenn du bereit bist, in die dunkle Nacht deiner Seele einzutauchen, entdeckst du im tiefsten Punkt der Finsternis das Licht. Es ist die Begegnung mit dem Bösen in dir und das Durchschauen dieses Schöpfungsaspektes.  Es ist die Erkenntnis, dass du dein Erlöser – dein Christus – bist. Es ist deine Heimkehr zur Quelle. Es ist ein Prozess, der jeden Tag ist. Es ist ein Prozess, der solange ist, bis du nicht mehr bist.

Simone Meller

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Geborgen in der Schwärze


Ich gebe mich den Ein- und Entfaltungen von Dualität hin, während ich zwischen diesen Erfahrungen vom Verschwinden der Welt weiterhin meine Büroarbeit erledige, Spaß habe und Konflikte austrage.

Der Unterschied zwischen der in Einheit eingefalteten Welt und der in Dualität entfalteten Welt wird zum Kunststück meiner Existenz im multidimensionalen Raum. Ich will meine irdische Entwicklung nicht überspringen, doch auch nicht mehr unter meinen Möglichkeiten leben. So bleibt ein schmaler Grat, auf dem zu balancieren nur unangestrengt Freude macht.

An den Seiten und hinter mir ist es schwarz. Schritt für Schritt balanciere ich auf einem Leuchtstreifen, der heim ins Licht führt. Jedes Streben nach Perfektion zerstört das Gleichgewicht und lässt mich erinnernd in das teuflisch belebte Schwarze taumeln. Jedesmal nehme ich das Schwarze in mein Herz und fühle Erlösung. Damit ist mein nächster Schritt nach vorn getan, an dessen Seite und dort, wo ich eben noch stand, wieder Schwärze auftaucht.

Es ist nicht das Bild eines Sisyphos, denn kein Schritt und keine beherzte Annahme des Schwarzen sind umsonst. Lichtbefreiung geschieht von Moment zu Moment. Es ist eher das Bild einer spirituellen Peristaltik, in der ich mich Stück für Stück nach vorne schiebe. Es gibt kein Zurück, ja, theoretisch schon, aber im Erleben dieser Peristaltik geht es nur nach vorn. Es erinnert von der Idee her an die Tunnelbilder von Menschen mit Nah-Tod-Erfahrungen, nur viel langsamer. Es ähnelt einem Geburtskanal, durch den ich mich selbst gebäre. War das Schwarze zeitweilig noch bedrohlich, so erlebe ich es jetzt als unbestechlichen Freund, der mir den Weg nach vorne weist. Rechts und links, oben und unten, hinter mir ist es schwarz, nur nach vorne geht es zum Licht – und mein Schwarzes reist mit.

Wenn ich mich erinnere, ist das Schwarze ein liebendes Geländer. Wenn ich vergesse, wird das Schwarze zum teuflisch vergoldeten Abgrund. Goethe ließ seinen Mephisto so zutreffend sagen: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ – Ich lernte das Schwarze lieben, und es kehrte heim. Ich lernte das Schwarze noch mehr lieben, und noch mehr kehrte heim. Ich lernte auch die unerträgliche Schwärze lieben, und das Unerträgliche kehrt heim. So geht das seit Jahren, und so geht es weiter. Zwischendurch verschwindet alles in der Einheit, bis ich und meine Welt wieder ausgeschieden werden und uns geborgen in spiritueller Peristaltik weiter voran schieben.

Je öfter ich in bedingungsloser Liebe schwinge, desto deutlicher sticht mir der Unterschied ins Auge, wenn ich es nicht tue. Auf diese fühlende Weise wird jeder Tag zu einer Heimkehr in vielen, vielen kleinen Schritten, die all meinen Mut und all meine Demut erfordern. Denn nichts ist, wie es scheint. Doch so oft sich der Schleier von Zeit und Raum auch hebt, bleibt mir im Alltäglichen nur, sämtliche Erscheinungen zu leben, solange sie mir entgegen wehen. Dabei verfliegt die Zeit immer schneller, und ich werde immer langsamer. Wenn alles Illusion ist und es keinen Ausdruck mehr gibt für das Erleben, bleibt nur noch eines: Hingabe und dann Ergebung.

Simone Meller
Foto: Pixelio, Martina Taylor

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

“Ich sehe dein Licht”


Der früh verletzte Mensch (s. Von der Flucht in die Stille) kann sein Leid nicht erzählen. So bleibt ihm nur, seine Bezugspersonen sein Leid erfahren zu lassen. Je mitfühlender und liebevoller man auf einen früh verletzten Menschen ZUGEHT desto aggressiver und verletzender wird er. Er agiert aus, was ihm widerfuhr. Dies geschieht unbewusst. Wäre es ihm bewusst, könnte er darüber sprechen und den Weg des Erzählens gehen. Was nicht bewusst ist, kann nur agiert werden.

Partner, Freundinnen und Therapeuten geben hier meist ihr Bestes, doch oft reicht das nicht. Häufig bedarf es zahlreicher zerschlagener Beziehungen und mehrerer Therapieversuche, um Bewusstwerdung und damit Heilung zu erreichen. Ich möchte zwei Widerstände beschreiben, die gemeistert werden müssen, der eine liegt in der helfenden Person, der andere im früh verletzten Menschen.

Wenn die helfende Person nicht kompromisslos auf Liebe ausgerichtet ist und alle Übertragungen, Projektionen, Verblendungen und Aggressionen in ihr Herz nehmen kann, wird sie zur blind zurückschießenden Mitspielerin in der Wiederaufführung der Traumata. In diesem Inferno verliert sie die eigene Klarheit, die entscheidend für einen heilsam korrigierenden Prozess ist. Das passiert, wenn die helfende Person selbst eine helfende Person bräuchte.

Das Leid des früh verletzten Menschen sprengt jede Beziehung, wenn nicht beide voll und ganz zum Heilungsbündnis entschlossen sind. Keinesfalls bedeutet das, auf die eigenen Grenzen zu verzichten, denn das wäre lieblos sich selbst gegenüber. Es bedeutet, vollständig “Ja” zu mir und “Ja” zum anderen zu sagen und “Nein” zum Leid gegen mich.

Am Anfang war Beziehung. Der Mensch wird am Du zum Ich. – Martin Buber

Der früh verletzte Mensch versucht, mich mit der Kraft der Verzweiflung zu nötigen, mein Fundament der liebevollen Klarheit zu verlassen. Er versucht mich auf subtile und/oder brutale Weise zu provozieren. Damit bin ich bei seinem Widerstand, der sich u.a. darin äußert, dass er Gründe sucht, sich über sein Leiden nicht bewusst werden zu müssen. Wenn es ihm gelänge, mich wie viele andere vor mir auszuschalten, dann müsste er sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Widersteht die helfende Person den zahlreichen Versuchungen, so bleibt ihm nur noch, sich zu stellen. Vergangenheitsauflösung ist kein Selbstzweck, sondern dient einzig und allein dazu, Schmerzen von gestern, die den gegenwärtigen Eintritt in die Freude verhindern, zu transformieren.

Die Gegenwart ist der Kraftpunkt, der Vergangenheit und Zukunft verbindet. Nur im gegenwärtigen Augenblick ist es möglich, unbewältigte Vergangenheit abzuschließen und neue Weichen für die Zukunft zu stellen. – Gerd Ziegler

Ein früh verletzter Mensch weigert sich, diesen Schritt zu gehen, wenn er Angst hat, in der eigenen Dunkelheit unterzugehen. Er hat Angst, noch einmal fallen gelassen zu werden. Und so ist sein Widerstand zugleich die Prüfung der helfenden Person auf Geborgenheit: “Hältst du mich wirklich? Hältst du mich aus? Wirst du zu all der Hässlichkeit in mir stehen?” Während ich diese dunkle Seite nur als einen Teil von ihm sehe (eine spielerische Schöpfung des Lichts), fühlt er sich mit dieser finsteren Energie unbewusst identifiziert. Er kann diesen großen Schatten erst sehen und annehmen, wenn die Identifizierung in eine Arbeit mit Teilen übergeht. Dafür braucht er mich. Deshalb greift er mich an. In meinem modellhaften Umgang damit erreicht ihn Inspiration zur Erlösung seiner selbst.

Selbsterlösung ist nichts anderes als die mannigfach wiederholte Erfahrung, dass alles in uns selbst seinen Ursprung nimmt und auch dort wieder sein Ende findet. Wir sind alles und nichts. Erkenntnis genügt nicht. Wir wollten es erfahren, deshalb sind wir hier.

Genauso genügt auch dem verletzten Menschen nicht das verbale “Ja” der helfenden Person: “Ja, ich werde dich halten, egal, was geschieht.” – Bevor er sich für den Abgrund in sich öffnet, will er überzeugt sein. Sein Abgrund ist der eisigste Tiefpunkt an Dualität und Polarität, das maximal erfahrbare Leid im Menschenspiel (s. Kosmische Gesetze). Nun will er erfahren, dass er in bedingungsloser Herzenswärme gehalten wird, egal, was geschieht. Also überzeugt er sich, indem er um sich schlägt.

Jeder Schlag ist eine verzweifelte Frage. Und jede Hineinnahme in das helfende Herz ist eine heilende Antwort. Sie lautet: “Ja, du verletzt mich. Und ich sehe dein Licht.”

Simone Meller
Foto: Pixelio, Achim Lueckemeyer

Posted in KlartextKommentare deaktiviert

Welle