Posted on 30 Juni 2010. Tags: blind, Harald Piron, Heilen, Identifikation, Philosophie, Psyche, spirituelle Krise, Teufelskreis, transpersonal, Ungleichgewicht
Aus transpersonaler Sicht scheint mir die Identifikation mit einer Philosophie das Kernproblem zu sein, nicht eine Philosophie an sich. Ob es sich nun um eine irrationale oder eine rationale, dysfunktionale oder funktionale, materialistische oder spirituelle, egoistische oder selbstverleugnende Philosophie handelt – erst die Identifikation mit ihr versetzt die Psyche ins Ungleichgewicht und bringt einen Teufelskreis in Gang. Die Identifikation mit einer Philosophie erzeugt zwangsläufig eine heftige Reaktion, denn dann muss sie verteidigt und der absoluten Wirklichkeit vorgezogen werden. Andere Aspekte werden ausgeblendet. Identifikation macht blind.
Harald Piron
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Posted on 01 April 2010. Tags: Abgrund, Aggression, agieren, Alles & Nichts, Angst, Antwort, Archetypen, Aspekte, Auflösung, bewusst, Beziehung, Bezugsperson, blind, Böse, brutal, Dualität, Dunkelheit, Erfahrung, Erkenntnis, Erlösung, erzählen, Evolution, Freude, früh, Fundament, Geborgenheit, Gegenwart, Gerd Ziegler, göttlich, Grenzen, Hass, hässlich, Heilen, Heilungsbündnis, Helfen, Herz, Inferno, Ingredenzien, Inspiration, Ja, Kälte, Kirche, Klarheit, Kollektiv, Kraft, Leid, Licht, Liebe, Martin Buber, Meister, Menschenspiel, Mitgefühl, Muster, Nein, Neues Bewusstsein, Personifizierung, Phantom, Polarität, Projektion, Provokation, Prozess, Prüfung, Psychotherapie, Schatten, Schlag, Schöpfung, Sein, sich stellen, subtil, Symbol, Teilearbeit, Transformation, Übertragung, Überzeugung, unbewusst, Unterscheidung, Ursprung, Verblendung, Vergangenheit, Verletzung, Verzweiflung, Wärme, Widerstand
Der früh verletzte Mensch (s. Von der Flucht in die Stille) kann sein Leid nicht erzählen. So bleibt ihm nur, seine Bezugspersonen sein Leid erfahren zu lassen. Je mitfühlender und liebevoller man auf einen früh verletzten Menschen ZUGEHT desto aggressiver und verletzender wird er. Er agiert aus, was ihm widerfuhr. Dies geschieht unbewusst. Wäre es ihm bewusst, könnte er darüber sprechen und den Weg des Erzählens gehen. Was nicht bewusst ist, kann nur agiert werden.
Partner, Freundinnen und Therapeuten geben hier meist ihr Bestes, doch oft reicht das nicht. Häufig bedarf es zahlreicher zerschlagener Beziehungen und mehrerer Therapieversuche, um Bewusstwerdung und damit Heilung zu erreichen. Ich möchte zwei Widerstände beschreiben, die gemeistert werden müssen, der eine liegt in der helfenden Person, der andere im früh verletzten Menschen.
Wenn die helfende Person nicht kompromisslos auf Liebe ausgerichtet ist und alle Übertragungen, Projektionen, Verblendungen und Aggressionen in ihr Herz nehmen kann, wird sie zur blind zurückschießenden Mitspielerin in der Wiederaufführung der Traumata. In diesem Inferno verliert sie die eigene Klarheit, die entscheidend für einen heilsam korrigierenden Prozess ist. Das passiert, wenn die helfende Person selbst eine helfende Person bräuchte.
Das Leid des früh verletzten Menschen sprengt jede Beziehung, wenn nicht beide voll und ganz zum Heilungsbündnis entschlossen sind. Keinesfalls bedeutet das, auf die eigenen Grenzen zu verzichten, denn das wäre lieblos sich selbst gegenüber. Es bedeutet, vollständig “Ja” zu mir und “Ja” zum anderen zu sagen und “Nein” zum Leid gegen mich.
Am Anfang war Beziehung. Der Mensch wird am Du zum Ich. – Martin Buber
Der früh verletzte Mensch versucht, mich mit der Kraft der Verzweiflung zu nötigen, mein Fundament der liebevollen Klarheit zu verlassen. Er versucht mich auf subtile und/oder brutale Weise zu provozieren. Damit bin ich bei seinem Widerstand, der sich u.a. darin äußert, dass er Gründe sucht, sich über sein Leiden nicht bewusst werden zu müssen. Wenn es ihm gelänge, mich wie viele andere vor mir auszuschalten, dann müsste er sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Widersteht die helfende Person den zahlreichen Versuchungen, so bleibt ihm nur noch, sich zu stellen. Vergangenheitsauflösung ist kein Selbstzweck, sondern dient einzig und allein dazu, Schmerzen von gestern, die den gegenwärtigen Eintritt in die Freude verhindern, zu transformieren.
Die Gegenwart ist der Kraftpunkt, der Vergangenheit und Zukunft verbindet. Nur im gegenwärtigen Augenblick ist es möglich, unbewältigte Vergangenheit abzuschließen und neue Weichen für die Zukunft zu stellen. – Gerd Ziegler
Ein früh verletzter Mensch weigert sich, diesen Schritt zu gehen, wenn er Angst hat, in der eigenen Dunkelheit unterzugehen. Er hat Angst, noch einmal fallen gelassen zu werden. Und so ist sein Widerstand zugleich die Prüfung der helfenden Person auf Geborgenheit: “Hältst du mich wirklich? Hältst du mich aus? Wirst du zu all der Hässlichkeit in mir stehen?” Während ich diese dunkle Seite nur als einen Teil von ihm sehe (eine spielerische Schöpfung des Lichts), fühlt er sich mit dieser finsteren Energie unbewusst identifiziert. Er kann diesen großen Schatten erst sehen und annehmen, wenn die Identifizierung in eine Arbeit mit Teilen übergeht. Dafür braucht er mich. Deshalb greift er mich an. In meinem modellhaften Umgang damit erreicht ihn Inspiration zur Erlösung seiner selbst.
Selbsterlösung ist nichts anderes als die mannigfach wiederholte Erfahrung, dass alles in uns selbst seinen Ursprung nimmt und auch dort wieder sein Ende findet. Wir sind alles und nichts. Erkenntnis genügt nicht. Wir wollten es erfahren, deshalb sind wir hier.
Genauso genügt auch dem verletzten Menschen nicht das verbale “Ja” der helfenden Person: “Ja, ich werde dich halten, egal, was geschieht.” – Bevor er sich für den Abgrund in sich öffnet, will er überzeugt sein. Sein Abgrund ist der eisigste Tiefpunkt an Dualität und Polarität, das maximal erfahrbare Leid im Menschenspiel (s. Kosmische Gesetze). Nun will er erfahren, dass er in bedingungsloser Herzenswärme gehalten wird, egal, was geschieht. Also überzeugt er sich, indem er um sich schlägt.
Jeder Schlag ist eine verzweifelte Frage. Und jede Hineinnahme in das helfende Herz ist eine heilende Antwort. Sie lautet: “Ja, du verletzt mich. Und ich sehe dein Licht.”
Simone Meller
Foto: Pixelio, Achim Lueckemeyer
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