Tag Archive | "Begriff"

Wann taucht Spiritualität auf?


Es ist spannend zu sehen, WANN und WIE Spiritualität einen Menschen im Laufe seines Lebens ereilt. Denn es relativiert uns die eigene Biografie, die eigene Reihenfolge der Themen und wann die Spiritualität jeweils bei uns UNBENANNT sowie auch als BEGRIFF auftauchte. Es sensibilisiert dafür, dass beim anderen alles ANDERS sein darf als bei uns selbst. Ohne dass es deswegen ein Falsch oder Richtig gäbe oder dass das eine über das andere zu stellen wäre. UNTERSCHIEDE zwischen uns und anderen dürfen sein. In unserer Epoche können wir endlich im FRIEDEN mit all diesen Unterschieden SEIN. Es ist so erleichternd, Unterscheidungen vornehmen zu dürfen und damit im Frieden zu sein – jenseits von Gleichmacherei und Zwietracht, jenseits von Idealisierung und Verachtung. Du und ich, wir dürfen verschieden sein. Ist das nicht wunderbar?

Simone Meller

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Geschichten erzählen


Wir erzählen einander Geschichten, um auszudrücken, wer wir sind.
Wir erzählen einander Geschichten, um uns gegenseitig zu unterstützen, Identifikationen loszulassen.
Wir erzählen einander Geschichten, um uns unserer selbst zu vergewissern.
Aber erzähle mir nicht, deine Geschichte sei wahrer als meine.
Und erzähle mir nicht, du würdest nicht mehr anhaften.
Denn auch das ist eine Geschichte.
Erhebe dich nicht mit deiner Geschichte über meine.
Gerne höre ich deine Geschichte als ebenbürtig zu meiner.

Wir erzählen einander Geschichten, um uns teilhaben zu lassen, wie wir Energien bewegen.
Wie könnten sich Energien ohne Geschichten bewegen?
Was wären wir ohne das Erzählen von Geschichten?
Vielleicht liegen dir manche Geschichten mehr als andere. Das darf natürlich sein.
Doch heißt das nicht, dass deine Geschichten besser wären als meine.
Gibt es Leben ohne Geschichten? Ich glaube: Nein.

Ich glaube: Leben ist das ständige Erzählen und Abwandeln von Geschichten.
Es ist die Epik dessen, was uns zwischen Anschauung und Begriff jonglierend durch die Finger rinnt.
Zum Glück geht uns nie etwas verloren.
Das ist meine Geschichte.

Simone Meller

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Die Choreographie der Vögel über das Ich-Erleben


Vor sechs Wochen schrieb ich ein kleines Gedicht über den Freien Flug des Vogels in meinem Herzen.

Thematisch verwandt folgten u.a. vier ausformulierte Texte über das changierende Ich-Erleben in der persönlichen Bewusstseinsentwicklung:

  1. Ohne Ego keine Einheit
  2. Wie sich das Ego selbst erlöst
  3. Das Ich, der Verstand und die Verantwortung
  4. Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung

Heute entstand das Gedicht Melodram am Mittag.

Kurz darauf entdeckte ich folgenden Text:

Aus der Tiefe meines Herzens

Aus der Tiefe meines Herzens erhob sich
ein Vogel und flog himmelwärts.
Höher und höher schwang er sich empor
und wurde dabei zusehends größer.
Zuerst war er so groß wie eine Schwalbe,
dann wie eine Lerche,
später hatte er die Größe eines Adlers,
dann die einer Frühlingswolke,
und schließlich füllte er den gesamten gestirnten Himmel.
Aus der Tiefe meines Herzens flog ein Vogel himmelwärts,
je höher er flog,
um so größer wurde er.
Doch er verließ mein Herz nicht.

Khalil Gibran

Dieser Verlauf von Ende April bis heute ist ein handliches Beispiel für Choreographien, wie ich sie täglich in meinem Leben finden kann. Mir übersteigt es den korrekten Begriff der Synchronizitäten, wenn ich mich der Anschauung solcher Fügungen ergebe. Khalil Gibrans Zeilen erscheinen mir wie eine federleichte Zusammenfassung des von mir Gemeinten und schlagen zugleich den Bogen zur Leichtigkeit des ersten Textes in dieser Choreographie. Anfang und Ende dieser Textserie wird durch Vögel angezeigt, die mich bereits vor ziemlich genau einem Jahr so tief berührten (s. Den Vögeln dieser Welt). Und tauchte nicht gestern in einem Gedicht noch die Amsel auf?

Die Leichtigkeit der lyrischen Texte kommt den mystischen Abenteuern am nächsten, während die dazwischen entstandenen Texte mehr der Integration in das Leben dienen. Beides beschrieb ich vor sechs Tagen in Mystische Abenteuer und ihre Integration.

Dies ist ein typischer Blog-Beitrag, den ich nur für mich schreibe. Ein Innehalten, eine Rückschau, ein Begreifen. Ein Staunen, was geschieht, wenn ich ganz ich selbst bin.

Es ist ein herausgegriffenes Beispiel für das, was täglich bei mir genauso wie bei dir passiert. Auch wenn wir uns nicht immer Zeit und Raum nehmen, um die Choreographie noch einmal zu betrachten. Dabei ist eine Choregraphie herrlicher als die andere, ohne dass die erste durch die letzte an Glanz verlieren würde. Es ist und bleibt einfach wundervoll.

Aus der Tiefe unserer Herzen fliegen Vögel empor…

Simone Meller
Fotos: Karin Jung & Uschi Dreiucker/Pixelio.de

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Spiritueller Alltag: Ausdehnung von Erleuchtung


“Ich” sehe “mich” und “die Quelle” als zwei sich gegenüber stehende Spiegel, zwischen denen sich eine unendliche Zahl an Spiegelbildern ergibt. Diese innere Bilderreihe umfasst alle lichtvollen und finsteren Erscheinungen, alle möglichen Spielarten des Lebens. Jedes Spiegelbild ist eine Variante des Seins. Jeder Augen-Blick ist ein gewähltes Spiegelbild.

Dieses vor Monaten aufblitzende Bild der unendlichen Spiegelungen ist ein Erkenntnisgefäß, in dem ich als erfahrende Simone alle Erlebnisse, Erscheinungen und Verwirrungen bergen kann. Diese unendlichen Spiegelungen umfassen alle Krankheiten, alle Schmerzen, alle wunderbaren Erfahrungen von Liebe, alle Erlebnisse von Dualität und Einheit. Sie umfassen die Reiche Gottes und die Reiche des Teufels, die Existenzen Jeshuas, Mohammeds und Buddhas genauso wie die der Atheisten, Agnostikerinnen und Nihilisten.

Alles, was erscheint, entspringt dem Nichts und kehrt auch wieder dorthin zurück. Das einzig Beständige ist das Nichts, das vorübergehend als Alles erscheint. Das Nichts ist nicht gegenständlich zu sehen, die oben beschriebene bildhafte Erkenntnis ist loszulassen. Sie ist nichts weiter als eine Bezeichnung, als eine Spiegelung in der unendliche Reihe, die es nicht gibt.

“Ich” erlebe “mich” als etwas auf “mich” Schauendes und über “mich” Sprechendes, als etwas Weises und Wissendes, das viele Drehbücher kennt. Mal höre ich “mich” daraus vorlesen, mal erlebe “ich” mich darin agierend. – Schwer zu beschreiben. Viele andere formulieren in ihren Worten ähnliches. Wir spielen uns unsere Bezeichnungen zu, finden in ihrer Vielfalt eine Bestätigung des Unfassbaren. Kein Gefäß taugt für unsere Essenz, doch in jedem Gefäß leuchtet sie auf. Wir sind es, die von Form zu Form anders erscheinen, um uns selbst zu demonstrieren, was wir wirklich sind.

In der konkreten Erfahrung ist das hier Angerissene mühelos und leicht anzuschauen. So auch in der spontanen lyrischen Beschreibung. Erst in der verstandesmäßigen Darlegung mit begrenzten Begriffen wird es schwerfällig und mühsam. Zeit und Raum erfordern eine lineare Anordnung, ein Nacheinander der Gedanken und Erfahrungen. So sehr ich mich um logische Nachvollziehbarkeit bemühe, widerspricht ein Satz dem nächsten.

Soll ich nun keine Sätze mehr sprechen, keine Coachings mehr geben, mich nicht mehr streiten oder meiner Sexualität entsagen? Dem Leid zynisch begegnen, weil es das ja überhaupt nicht gibt? Mich nicht auf Beziehungen einlassen, weil es uns alle nicht gibt? Genau das meint Erleuchtung nicht. Schaue ich, wohin mich meine Erfahrungen und Erlebnisse lenken, so geht es um die kontinuierliche Ausdehnung der Erleuchtung auf alle erfahrbaren Zustände unseres Daseins.

Der kosmische Orgasmus, der Bettler am Straßenrand, die kristalline Maximalkörpererfahrung, die versäumte Steuerklärung, die weiche Ewigkeit, der wegzubringende Müll, die sanfte Liebe Jeshuas, der abgestorbene Lorbeerbaum im Garten, das unbändige Lachen, die fassunglose Trauer etc. – das alles und alles weitere sind nichts als mögliche Zustände einer sich selbst erfahrenden Quelle. Jeder dieser Zustände ist Sein, ist eine Spiegelung aus der unendlichen Bilderreihe. Da tauchen Kuthumi und Elfen, Sophia und St. Germain genauso auf wie der Schneider, der meine Hose kürzt statt sie zu verlängern, und die über mein versehentliches Vordrängeln erboste Frau auf dem Öko-Markt.

Zwischen den beiden Spiegeln erscheint eine unendlich illustre Welt, die jedem das Seine schenkt. Da ist das Geschenk genauo Gnade wie die Erfahrung des Dahinterschauens. Wer schaut? Auch mit dieser rhetorischen Frage könnte ich alle hier vorgebrachten Gedanken zusammenfassen.

Ich begreife Erleuchtung zunehmend als die Fähigkeit oder besser: die Bereitschaft, sich auf jeden Moment vollständig einzulassen, während er gleichzeitig losgelassen wird. Es bedeutet, sich selbst als eine augenblicklich manifestierte Spielart des Einen zu sehen, ohne deshalb auf Bezogenheit, Tiefe und Ernsthaftigkeit der jeweiligen Erfahrung zu verzichten. Es bedeutet permanente Achtsamkeit für die inneren Abläufe. Jeder alltägliche (Interaktions-) Schritt will im Neuen Bewusstsein gesehen werden, dass er nichts ist als eine vorübergehende Erscheinung und doch so wichtig dem Ganzen.

Oft gelingt mir diese Kunst, und sehr, sehr oft gelingt sie mir noch nicht. Ich erkenne darin meine Angst vor Kontrollverlust, Angst vor dem Unbekannten. Auch diese Angst ist nichts als eine Erscheinung der Spiegelbildreihe. Ich erleuchte diese Erfahrung der Angst, indem ich sie bedingungslos annehme, zugleich wissend, dass es eine illusionäre Selbsterfahrung ist. Es geht darum, um das Spiel zu wissen und es zugleich ernst zu nehmen. Es geht darum, das dem Tod anheim gegebene zu leben. Die Angst verschwindet aus der gewandelten Situation und kehrt wieder in die neu zu wandelnde Situation. Weder schneide ich die Angst noch meine Trauer über das Verschwinden der Welt aus meinem menschlichen Leben, sondern lebe sie als das, was sie sind, Spiegelungen meiner selbst.

Ich bin unzufrieden über meine hinterher hinkenden Worte, zweifle an der Verständlichkeit, ja an der Möglichkeit des Kommunizierbaren, wie viel leichter entsteht ein zierliches Gedicht. Auch das ist eine Erfahrung, die um Erleuchtung bittet, die angenommen und losgelassen sein will. Dieses Annehmen und Loslassen entspricht dem Einatmen und Ausatmen. Während ich danach frage, was uns atmet, finde ich die Antwort in mir, einer sich beständig wandelnden Form für das Eine. Was ich auch bin von Moment zu Moment, immer nur finde ich das zu Suchende in mir. Ich bin es, wenn ich mit zerzausten Haaren und fleckiger Hose den Herd schrubbe. Ich bin es, wenn ich nicht verstehe, was du mir sagen willst. Ich bin es, wenn wir uns ohne Worte verstehen. Ich bin meine Antwort, so wie du deine Antwort bist, so wie wir eine Antwort auf das Eine sind, so wie wir alle nicht sind und doch sind, was wir sind.

Simone Meller
Foto: Henning Hraban Ramm/Pixelio

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