Kategorie | Klartext

Das Leid meiner Patienten

Was meine Patienten nicht erzählen können, muss ich erleben. So erleide ich in Auszügen ihr Schicksal, bringe es in mir zur Heilung und biete das sich dabei als hilfreich erweisende als Speise an. Manchmal genügt es auch, dass ich es erfahren habe und davon zu sprechen weiß. Immer geht es darum, mich berühren zu lassen vom Furchtbaren, ohne darin unterzugehen. Es sind meine Ich-Grenzen, die uns retten, denn sie ermöglichen mir aus einer tiefen Geborgenheit heraus eine Öffnung für das vermeintlich Fremde. Noch nie fand ich Fremdes in der Tiefe, wohl aber unüberwindbare Hilflosigkeit, die gemeinsam ausgehalten werden wollte. So sind die tapfersten Momente oft jene gewesen, in denen nichts mehr ging und ich meine Bereitschaft erklärte, die vollständige Lähmung durch das Leid zu erfahren. Wie von Zauberhand löste sich dann der Bann, wenn ich mein Erleben in Worte zu fassen begann. Es war, als ob ich etwas hatte sehen müssen, wovor zu oft die Augen verschlossen gewesen waren. Immer war es das Hässliche, ob es nun als entsetzliche Ohnmacht, Scham oder anders abscheulich daher kam und das mich fragte: Siehst du mich? Siehst du mich endlich? Endlich siehst du mich. Jetzt kann ich endlich sein. So schöpfen wir Hoffnung in der Tiefe und tragen sie in die Welt. Während wir das tun, verändert sich unser Antlitz und mit ihm das Antlitz der Welt.

Simone Meller

Verwandte Beiträge:

Comments are closed.

Welle