Ich erzähle hier von der Flucht in die Stille und ihrem unermesslichen Leid.
Zunächst beschreibe ich Phänomene der Stille und deren positive Wirkung. Während viele Menschen vor der Stille ausweichen (z.B. stundenlang ihr Meditationskissen umkreisen oder immer neue Ablenkungen finden), gibt es eben auch Menschen, die den Seins-Zustand der Stille über alle Maßen bevorzugen und sich möglichst oft dorthin flüchten.
Ursache dafür sind Traumata, deren Transformation noch nicht gewagt wird. Die Transformation kann erst dann riskiert werden, wenn ausreichend Liebe vorhanden ist. Es bedarf der inneren, sammelnden Erfahrung, pure Liebe zu sein, und einer äußeren Begleitung, die kompromisslos auf Liebe ausgerichtet ist. So entwickelt sich aus der Flucht in die Stille eine heilsame Stille, in der das Sprechen gelernt wird.
Ich unterscheide zwischen äußerer und innerer Stille. Bei der Inneren Stille nehme ich behelfsweise eine weitere Differenzierung vor:
a) Stille im Seelenmeer
b) Stille im geistigen Reich
c) stillste aller Stillen (Nichts)
Auch wenn ich erfahren habe, dass manchmal alles eins ist, sind diese Unterscheidungen hilfreich im Auf und Ab des Menschenspiels.
zu a) Für das “Grobe” im Alltag genügt oft ein Eintauchen in das Seelenmeer. Sofort strömt mehr Liebe in die Situation, und sie wandelt sich binnen Sekunden. Diese Stille erfährt man besonders nach einem schmerzlichen Transformationsprozess als nährend. Diese Stille erdet zudem, da sie die Einheit zwischen uns und unserer Seele (ganz hier auf der Erde sein) verstärkt.
zu b) Wenn ich durcheinander bin und nach Klarheit strebe, sinke ich tiefer, nämlich in das geistige Reich hinein und lehne mich an das Tor zur ewigen Stille. Im Bewusstsein des Nichts an meinem Rücken lasse ich mich ein auf Bilder, Worte, Klänge, Gefühle etc. im geistigen Reich. Es ist hier sehr still, aber nicht völlig still. Die Stille ähnelt der in einem Theater, während auf der Bühne die Inszenierung erfolgt. Hier finde ich Klärung und Führung. Manchmal ist etwas angebracht, was ich vorläufig als “Intensivierung” bezeichnen möchte, dann löse ich mich im SEIN auf. Spätestens jetzt bin ich wieder kristallklar.
zu c) Mit bestimmten Prozessen durchschreite ich im Finale das Tor zur ewigen Stille und gelange im Nichts an. In vielen meiner Texte beschreibe ich es als Einfaltung der Welt, so wie sich eine aufziehbare Klappkarte zusammen faltet. Dort erfahre ich mich als Nichts, als Alles, als Weite, als Ewigkeit, als pure Essenz von Liebe. Dort zu sein, ist extrem wohltuend und regenerierend. Dort passiert etwas, was ich mit Reset umschreibe.
Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Geschichte die Erfahrung der Stillsten aller Stillen (c) vor allen anderen Lebenserfahrungen bevorzugen. Nur dort fühlen sie sich ganz und geborgen. Dort wollen sie so oft wie möglich sein, auch wenn die Erfordernisse des Alltags andere sind. Leben zeichnet sich dadurch aus, dass wir nicht ständig in Stille sind, sondern Dualität und Polarität erfahren. Sie neigen also dazu, ihre nächsten anstehenden Schritte im Menschenspiel zu überspringen (eine Variante des “spiritual bypassing”, s. Punkt 2 dieses Artikels). Häufig sind das Menschen, die zu Beginn ihres Lebens (meist im vorsprachlichen Bereich) eine solche Gewalt und psychische Vernichtung erlebt haben, dass sie davon nichts mehr wissen und nur zurück ins kosmische Nichts wollen. Mein Mitgefühl für diese Menschen ist groß.
Zugleich hat es einen Sinn, dass diese früh und so massiv verletzten Menschen diese Erfahrung machten. Ihre Seelen wählten die brachiale Gewalt, um sie transformieren zu lernen. Allerdings fühlt sich irdisch manches schlimmer an, als sich die Seele dies bei der Planung ihres Lebens vorstellte. So tendiert das menschliche Ego in diesen Fällen zur Flucht in das Nichts, das dann paradoxerweise oft nicht mehr das ewige Nichts (c), sondern ein abgespaltenes Pseudo-Nichts ist, wo eine neue Welt kreiert wird. (Es ist leichter, diesen Unterschied zu fühlen, als ihn in Worten zu beschreiben.)
Diese Menschen vermeiden die Konfrontation mit ihrem Schatten, weil sie von der Angst gesteuert werden, ein zweites Mal am lebendigen Leib zu sterben. Sie versuchen, am Leid vorbei einen Bypass zurück in den Spirit zu legen. Dabei verkennen sie, dass auch das hiesige Leid und alle anderen Varianten des Menschenspiels Spirit sind. Spiritual bypassing beschreibt nur ein Phänomen, denn in Wahrheit kann es nicht funktionieren, weil die kosmische Ordnung auch hier wirkt: Über das Resonanzprinzip zieht der innere Schatten äußeren Schatten an. Probleme und Herausforderungen im Außen nehmen zu und fordern heraus, sich dem innerlich abgespaltenen Schattenthema zu stellen (s. Kosmische Gesetze).
In dieser nun einsetzenden Konfrontation kommen dem hier beschriebenen “Bypasser-Typ” seine stabilisierenden Erfahrungen im Nichts zugute. Nach unermesslicher Erschütterung am Anfangs seines Lebens hat er dort in der Stillsten aller Stillen Ruhe, Kraft und Vertrauen getankt. All das braucht er in maximaler Ausprägung, um sich seinen Traumata stellen zu können, ohne ein weiteres Mal zu sterben. In archetypischen Bildern ausgedrückt lernt er, allen Teufelsaspekten des Seins ins Gesicht zu schauen. Indem er den hässlichen Fratzen begegnet, beginnt er, sein persönliches Menschenspiel zu durchschauen. Er erinnert sich an seinen Seelenplan und findet neuen Mut für die nächsten Spiele. Er beginnt, sich zu erden. Er beginnt, den Himmel auf die Erde zu holen.
Das hier Beschriebene geschieht nicht nur einmal, sondern viele, viele Male. Jeder dieser Schritte gelingt nur in liebevoller Begleitung. Anderenfalls kommt es zur Retraumatisierung, und der Prozess wird abgebrochen. Sanftheit, Geduld und Angemessenheit sind hier gefragt. Die Prozesse dürfen jederzeit unterbrochen werden. Im Gegensatz zum eskalierenden Abbruch stabilisiert eine bewusst herbeigeführte Unterbrechung die Person. Die scheinbare Pause bereitet den Boden für die nächsten Schritte.
So phantastisch all die Stillen sind und zur Heilung beitragen: Für früh verletzte Menschen ist das SPRECHEN Medizin. “Der Mensch wird am Du zum Ich”, brachte es Martin Buber brillant auf den Punkt. Genau das haben diese hochgradig traumatisierten Menschen nachzuholen: Sich einzulassen auf ein spirituelles Wesen aus Fleisch und Blut, nämlich auf einen Menschen. Also auf die Spezies, die am Anfangs ihres Lebens vernichtend einwirkte. Um zu heilen, müssen sie das tun, was sie am Lebensanfang zu lassen lernten: Vertrauen. Die zwischenzeitlich gemachte Erfahrung des wunderschönen ewigen Nichts hilft ihnen, sich dem allerschlimmsten und einst scheinbar ewig währenden Nichts (nämlich totale Verlassenheit) zu stellen.
Ihre spirituelle Erfahrung ermöglicht ihnen, ihre menschliche Erfahrung ins Herz zu nehmen und zu erkennen, dass alles, einschließlich des entsetzlichen Lebensanfangs mit seinen fatalen Folgen für das weitere Leben, ein gigantisches und trotzdem ernst zu nehmendes Spiel ist. Zugleich erspart ihnen diese immer öfter wiederkehrende Erkenntnis NICHT, sich den nächsten schmerzlichen Aspekten zu stellen. Transformation ist und bleibt ein Prozess, egal wie weit die eigene Erkenntnis bereits reicht. Im Menschenspiel gibt es keine Abkürzungen. “Es kommt alles wieder, was nicht bis zum Ende gelitten und gelöst wird”, formulierte Hermann Hesse so treffend.
Gibt es auch keine Abkürzungen, so existiert doch ein Weg, der auch das Entsetzlichste annehmbar macht: Es ist der Weg der Liebe. Er führt jeden Seins-Aspekt heim. Von dort kommen wir. Dorthin gehen wir zurück. Von DORT sind wir nie getrennt, auch wenn wir HIER sind. Liebe führt nicht am Leid vorbei, sondern mitten hindurch. Mit dem Herzen kann ich Leid nicht wegmachen – in der Liebe darf es SEIN und von innen heraus Wandlung erfahren.
Text: Simone Meller | Foto: Pixelio, Jürgen Nieen

