“Der typische Esoteriker ist nett, mitfühlend, optimistisch, aufgeschlossen, aber leider auch sehr leichtgläubig”, so schrieb mal Wolf Schneider und weiter: “Herzlichkeit und Hingabe werden in diese Szene hoch gehandelt, Intellekt und Unterscheidungsvermögen hingegen diskreditiert. So haben die Verkäufer des Halbwahren ein leichtes Spiel.” Damit ist die Crux der Esoterik so treffend auf den Punkt gebracht, dass ich es selbst nicht besser ausdrücken könnte (auch wenn ich Schneider lieber nicht zitiert hätte, weil mir viele andere seiner Gedanken als zu zynisch und wenig beseeelt erscheinen). Ich spreche von einer “Crux”, weil ich in der Esoterik viele für meine Entwicklung wichtige Impulse gefunden habe, aber auch so viel Schindluderei und strahlende Fassaden mit ungehemmt pathologischem Hintergrund gesehen habe, dass ich jedes Vorurteil, das der Esoterik entgegengebracht wird, verstehen kann. Wie in jedem Lebensbereich (sei es das Bäckerhandwerk oder die medizinische Zunft) gibt es eben solche und solche. Wir tun deshalb gut daran, Menschen und ihre Angebote mit Kopf, Herz und Bauch wahrzunehmen.
Ich schätze es sehr, wenn (potenzielle) Kunden mich mit ihrer Skepsis konfrontieren, denn schließlich konfrontiere ich sie zuvor durch meine öffentliche Selbstdarstellung mit einer ungewohnten Weise zu sein und zu handeln. Neulich äußerte ein Firmenkunde in einem Projekt-Vorgespräch ganz klar: “Ich wollte Sie kennenlernen, um herauszufinden: Wie esoterisch sind Sie?” Aus dieser Offenheit heraus entstand ein sehr spannendes Gespräch, das für beide Seiten Lernmomente beinhaltete. Die Differenzierungen und Verbindungen, die in meiner Person harmonisch zusammenlaufen, sind für viele Menschen in der Alten Energie zunächst schwer verdaulich. Und zwar für die Esoteriker genauso wie für die Anti-Esoteriker. Eine Freundin meinte mal: “Du passt in keine Schublade – Ikea hin, Prokrustes her”. Das ist ja das Wunderbare in der Neuen Energie, wieviel sich verbinden bzw. sich bei tieferer Betrachtung auf eine gemeinsam zugrundeliegende Einheit zurückführen lässt!
Wer mit Medizin, Psychotherapie oder Esoterik schlechte Erfahrungen gemacht hat, neigt aus Angst vor einer Wiederholung dazu, den gesamten Bereich mit einer Armbewegung vom Tisch zu wischen. Das kann man machen, nur landet dabei auch einiges im Mülleimer, was man vielleicht noch brauchen könnte. Hilfreich finde ich deshalb, Erfahrungen zu Kriterien zu verwerten, also eine Art Faustregel zu entwickeln. In diesem Artikel möchte ich ein paar solcher Kriterien vorstellen, die sich auf den boomenden psycho-spirituellen (Esoterik-)Markt anwenden lassen.
Es existiert eine beeindruckende Vielfalt verschiedenster Gruppen und Bewegungen. Seriöse Ansätze koexistieren neben zweifelhaften Angeboten, und aus Abgrenzungen von älteren Gruppen gehen neue guruhafte Bewegungen aus. Wie kann man solche Gruppen einschätzen? Wo wird die eigenen Entwicklung gefördert, und wo wird sie vielleicht unterdrückt? Die Pädagogin und Therapeutin Angelika Doerne hat vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung die Literatur zur transpersonalen Psychologie (u.a. Ken Wilber, Ludwig Frambach, Dick Anthony) gesichtet und sechs Kriterien abgleitet, anhand derer psycho-spirituelle Gruppen kritisch und differenziert betrachtet werden können. Sie untersucht klare, aber auch subtile Phänomene der kollektiven Identifikation und Selbstunterwerfung. Im folgenden referiere ich die von Doerne vorgeschlagenen sechs Kriterien in stark vereinfachter Weise (den Gesamtkontext kann man im Originalartikel nachlesen).
* * *
1.) Regressive Tendenzen (Zurückfallen in kindliche Verhaltensmuster):
Entwertung des Verstands: Hier hilft die Unterscheidung nach Wilber in prä- und transrational: Bei einem transrationalen Verständnis wird der Verstand nicht mehr überbewertet, sondern transzendiert. Er wird in Form von kritisch-rationalem Denken harmonisch integriert. Im Gegensatz dazu schließen prärational agierende Gruppen den Verstand weder ein noch transzendieren sie ihn. Sie betrachten den Verstand irrtümlich als spirituelles Entwicklungshemmnis, als Ursache menschlichen Leidens und werten ihn entsprechend ab. In solchen Gruppen ist kritisches Denken verpönt und wird als Zeichen von spiritueller Unreife gesehen.
Symbiose (kindliche Verschmelzung) wird irrtümlich für spirituelles Einheitserleben gehalten.
Götter, Geister, Dämonen, Außerirdische und andere Kräfte werden als alllmächtig gesehen, die durch richtige Gebete und Rituale den eigenen Wünschen gegenüber gnädig gestimmt werden können.
Diese regressiven Tendenzen werden nur ausgelebt, nicht verstanden und nicht auf einem neuen Bewusstseinsniveau integriert.
2) Sabotage von Entwicklungsprozessen
Verdrängtes und Unangenehmes wird tabuisiert oder bagatellisiert, weil es den Lehrer, die Gruppe, das ideologische System bedroht oder mit solchen Gefühlen nicht umgegangen werden kann.
Gipfel- und Grenzerlebnisse werden durch extrem lange, intensive, die persönliche Schmerzgrenze überschreitende Meditationspraxis überschritten und können deshalb nicht organisch integriert werden.
Pathologische Entwicklungen, die sich auf jeder (!) Stufe im menschlichen Entwicklungsprozess einstellen können, werden aus fachlicher Unkenntnis seitens des Lehrers verkannt. Dadurch können psychopathologische Zustände, die einer bestimmten Therapie bedürften, fälschlich für mystische Erfahrungen gehalten werden und schlimmstenfalls durch kontraindizierte Techniken eskalieren. Doerne schreibt dazu:
Ein Gefühl der inneren Leere und Sinnlosigkeit, wie es bei Borderline-Patienten auftritt, kann mit der buddhistischen Leerheit verwechselt werden. Die innere Leere wird positiv umgedeutet und mystifiziert, statt das Defizit der Entwicklung zu erkennen und therapeutisch zu behandeln. (S. 25)
Transpersonale Entwicklung bedarf eines soliden Fundaments, nämlich einer fortgeschrittenen personalen Entwicklung. Ist diese nicht gegeben, bestehen Risiken. Doerne:
Signer macht auf die Gefahr des ’spiritual bypassing’ aufmerksam (S. 59 ff.): Lebenskrisen mit Hilfe von Meditation o.ä. zu umgehen und Probleme und Entwicklungsprozesse vorschnell zu ‘transzendieren’. Gerade bei Menschen in der späten Adoleszenz sowie in der Krise der Lebensmitte ist dieses Verhalten zu beobachten. Dabei ist es wichtig, die phasenspezifischen Krisen durchzustehen und personale Transformationsprozesse zu fördern. (S. 25/26, Unterstreichung von mir)
3) Stärkung von Narzissmus
Eigene Wünsche werden irrtümlich für universelle Notwendigkeiten und Rechte gehalten (Ego-Ausweitung).
Die Macht über das eigene Schicksal oder das anderer Menschen wird überschätzt (Selbstüberschätzung).
Psychische Gipfel- und Grenzerlebnisse werden trophäenhaft zur Schau getragen und münden in einer Arroganz gegenüber anderen (Spitzenleistungen).
4) Überbetonung von Gemeinschaft
Dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit werden kritische Äußerungen und individuelle Bedürfnisse geopfert. In manchen Gruppen erfolgen mehr oder weniger (soziale) Sanktionen, wenn der Ideologie der Gruppe nicht ergeben begegnet wird.
Die Gruppenanhänger polarisieren zwischen sich und unwissenden Nicht-Anhängern der Gruppe (also dem Rest der Welt). Teilweise werden sonstige soziale und berufliche Kontakte abgebrochen, Engagement für die Gruppe und ggf. Unterwerfung unter die Gruppenleiter sind von großer Wichtigkeit.
5) Ungleichgewicht transzendenter und weltlicher Orientierung
In einseitig orientierten Gruppen kommt es entweder zu einer Überbetonung von Transzendenz (einseitige Aufstiegsbewegung: asketische, weltabgewandte Haltung, Abspaltung von Gefühlen und Bedürfnissen, Verwechslung von Dissoziation mit Nicht-Anhaftung etc.) oder zu einer Überbetonung des Weltlichen (einseitige Abstiegsbewegung: Idealisierung starker emotionaler Erfahrungen, emotionale Katharsis wird für transzendierende spirituelle Praxis gehalten etc.).
6) Verflachte Interpretationen spiritueller Inhalte und Erfahrungen
Ein Aspekt aus dem Lehrsystem wird herausgegriffen, zum Dogma stilisiert und als einfältige Antwort auf sämtliche Fragen des Lebens angewandt (z.B. “Der Verstand ist schuld.”, “Alles ist eins” etc.).
Unausgereifte personale Entwicklung führt zu verzerrten Erfahrungsinterpretationen und deren Weitergabe.
* * *
Ich finde solche Kritierien wichtig, weil sie eine (fachlich) differenzierte Beurteilung der (Gruppen-)Angebote auf dem psycho-spirituellen (Esoterik-)Markt ermöglichen. Menschen mit fortgeschrittener Selbsterfahrung können die Angebote leichter einschätzen und die Kriterien ggf. auch als Hilfe beim Ausstieg aus (subtil) missbräuchlich agierenden Gruppen nutzen. Doerne wendet am Ende ihres Artikels diese sechs Kriterien beispielhaft auf die Bhagwan-Bewegung an.
Mir kam beim Schreiben das Bild vom Pilze sammeln in den Sinn. Wenn ich durch den psycho-spirituellen Wald schlendere, dann sammle ich die bekömmlichen Pilze ein, die giftigen lasse ich unberührt. Beide stehen dicht beieinander – und genauso ist es im esoterischen Kommerz. Die Schwierigkeit ist nur, dass diese Differenzierung von Pilzen bzw. Angeboten ein gewisses Maß an integrierter Erfahrung und Wissen voraussetzt. Viele der Hilfesuchenden verfügen (noch) nicht über diese personale Reife, deshalb suchen sie ja! Aber jeder verfügt über eine echte Chance, die nie vergeht: Wir alle können täglich aus unseren Erfahrungen lernen. Die von Doerne zusammengetragenen Kriterien können dafür eine Hilfe sein.
Simone MellerFotos: Pixelio, Re.Ko., Renate Tröße ***
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Liebe Frau Meller,
eine kleine Ergänzung zu Ihrem schönen Beitrag:
Speziell im Internet treten “leichtgläubige Esoteriker” übrigens gerne in Resonanz mit “leichtgläubigen Skeptikern”.
Der Heidelberger Soziologe Edgar Wunder beschreibt sog. Skeptiker (präziser: Teile der Skeptiker-Bewegung) als Anhänger eines “negativen Überzeugungssystems”, “die ohne hinreichende fachliche Kenntnis der jeweiligen Materie eine Art Weltanschauungskampf gegen alles führen wollen, was sie mit dem Begriff „paranormal“ assoziieren.”
Siehe hierzu auch “Das Skeptiker-Syndrom”:
http://bit.ly/7kxYFW
Die von Ihnen beschriebenen “leichtgläugiben Esoteriker” auf der einen Seite und “leichtgläubige Skeptiker” auf der anderen Seite sind gewissermaßen “siamesische Zwillinge”, die sich komplementär spiegeln und sich – wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen – sehr ähnlich sind: naive Gläbigkeit versus naive Skepsis, Freundlichkeit versus Aggressivität. Missionare finden sich in beiden Gruppen.
Hier eine kleine Kostprobe bei Wikipedia.
http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Fossa/GWUP
Sonnige Grüße
Claus Fritzsche
Danke, Ihr Artikel bringt auch meine praktischen Erfahrungen in der Szene wunderbar auf den Punkt! Wie schön, endlich auch mal öffentlich zu lesen, dass man seinen Verstand eingeschaltet lassen darf
Lieber Herr Fritzsche,
das ist ein interessanter Gedanke, dass die Beziehung zwischen “leichtgläubigen Esoterikern” und “leichtgläubigen Skeptikern” eine komplementäre ist! – Beiden haftet der “Glauben” an, was übrigens meiner Wahrnehmung nach auch nicht selten in der Wissenschaft passiert.
Ich selbst glaube nichts, sondern verlasse mich ganz empirisch
auf meine Erfahrungen und Wahrnehmungen. Aber ich erinnere mich gut daran, wie einst transzendente Erfahrungen mein bisheriges Weltbild zu erschüttern begannen. Mein Verstand musste umdenken lernen
.
Herzliche Grüße
Simone Meller
Hallo Eli,
ja, genau – darf man
. Meiner Erfahrung nach liegt die Kunst darin, dem Verstand seinen angemessenen Platz zuzuweisen. Der Verstand ist ein Werkzeug. Im rationalen Verständnis beherrscht er (das Werkzeug!) uns. Im transrationalen Verständnis gebrauchen wir den Verstand auf angemessene Weise.
Ich sage gerne: In einem glücklichen Leben führt das Herz, und der Verstand dient ihm. Bei vielen Menschen ist es derzeit noch umgekehrt: In ihrem Leben dominiert der Verstand, während Gefühle und Intuition eine untergeordnete Rolle spielen. Deshalb geht es mit der eigenen Entwicklung oft nicht weiter.
Herzliche Grüße
Simone Meller
Simone Meller schrieb:
“Beiden haftet der “Glauben” an, was übrigens meiner Wahrnehmung nach auch nicht selten in der Wissenschaft passiert.”
Liebe Frau Meller,
genau das macht für mich den Reiz aus, medizinwissenschaftliche Themen “publizistisch zu begleiten”.
Die jeweiligen Protagonisten (meine Person eingeschlossen) werden durch empirische Daten ebenso beeinflusst wie durch ihre Fähigkeit, diese im Kontext diverser Prämissen zu interpretieren. Und genau hier liegt der Hund begraben.
Zahlen, Daten und Fakten werden nun einmal durch den Filter des jeweiligen Weltbildes, nicht selten auch wissenschaftsideologische und kommerzielle Motive unterschiedlich interpretiert. In meinem H.Blog-Beitrag …
Zweifelhafte Meta-Analysen: Wie evident ist die Evidenzbasierte Medizin?
http://www.psychophysik.com/h-blog/?p=7036
… habe ich dies an drei kuriosen Beispielen demonstriert.
Zum Glück ist es so! Dieser Facettenreichtum macht die Welt bunter, interessanter und spannender.
Herzliche Grüße
Claus Fritzsche
Lieber Herr Fritzsche,
jeder sieht die Welt so, wie er sie sehen möchte. Etwas zugespitzt könnte man sagen, die Wissenschaft gibt sich nur mehr Mühe, dies zu verschleiern
. Dabei stören die Ergebnisse der Quantenphysik erheblich, die zutage brachten, dass selbst in der exakten subatomaren Welt der Versuchsaufbau das Ergebnis bestimmt
.
Jenseits von Wissenschaft und anderen Glaubensbündnissen ist es herrlich entspannend, nichts glauben zu müssen, sondern sich einfach auf seine Erfahrungen zu verlassen.
Wenn ich mit mir BIN, verändert sich mein SEIN von Sekunde zu Sekunde, kommen neue Erfahrungen und Wahrnehmungen rein, die dazu führen, dass sich mein Bewusstsein von mir, den anderen, der Welt verändert. Es ist ein permanenter und fließender Prozess. Kein System, egal wie wissenschaftlich, kann das erfassen.
Wissenschaft war für mich eine wichtige Erkenntnishilfe auf meinem Weg. Heute wäre ich wohl nicht mehr in der Lage, wissenschaftlich zu arbeiten. Denn in privaten Gesprächen stellen meine Freunde und ich immer öfter fest, dass wir uns alle drei Sätze selbst widersprechen. Anfangs hatte mich das vor allem bei mir selbst irritiert, weil ich eigentlich für meine Stringenz und Strukturfähigkeit bekannt bin. Mit der Zeit begriff ich, dass ich und viele andere Menschen immer schneller spiralförmig zwischen den Polaritäten pendeln. Was grundsätzlich mit dem Pendeln gemeint ist, erkläre ich ausführlich hier und verdichtet hier.
Diese ständigen Widersprüche scheinen ein typisches Phänomen in der Neuen Energie zu sein, in immer schnelleren spiralförmigen Kreisen leuchtet das Einheitsbewusstsein auf… Und es hat mit Transrationalität zu tun, die bisherige verstandesmäßige Einschätzung wird überstiegen, eben transzendiert. Das ist aber etwas völlig anderes als von vornherein die rationale Durchdringung auszulassen und es sich in seinen Widersprüchen bequem zu machen (“spiritual bypassing”, Verharren in Prärationalität). So wie sich eben auch “Leere” auf Borderline- versus Transpersonalen Strukturniveau qualitativ unterscheiden.
Während ich meine “Antwort” (?) schreibe, höre ich in mir einen alten Anteil sagen: “Ihr redet doch aneinander vorbei!”. Dieser Teil ist unzufrieden mit meiner Art, nur selektiv auf Ihren Text einzugehen und neue Gedanken auszubreiten. Überwiegend finde ich es jedoch schon stimmig, denn zumindest für mich kann ich sagen, dass mir dieser herausfordernde Dialog hilft, mich selbst zu verorten. Ihre Gedankenführung “zwingt” mich, von mir hingeworfene Äußerungen zu klarifzieren. Zum Beispiel habe ich mir und der Öffentlichkeit soeben eingestanden, dass ich Wissenschaft nur noch reflektieren, aber nicht mehr produzieren kann. Halt, nein, das stimmt nicht. Ich will es nicht mehr.
Ich danke Ihnen für Ihre Impulse!
Mit herzlichen Grüßen
Simone Meller
Simone Meller schrieb:
“Jenseits von Wissenschaft und anderen Glaubensbündnissen ist es herrlich entspannend, nichts glauben zu müssen, sondern sich einfach auf seine Erfahrungen zu verlassen.”
Liebe Frau Meller,
was dieses “sich einfach auf seine Erfahrungen zu verlassen” angeht, so gibt es hier – dies ist meine Sichtweise – genau zwei Ebenen. Auf der einen Seite Erkenntnis- und Erfahrungsmöglichkeiten und auf der anderen Seite das Ausleben von Projektionen.
Meine Erfahrungen sind nun einmal durch eine Vielzahl an Faktoren beeinflusst (Überzeugungssysteme, Selbstbild, Fremdbild), die ich selbst bewusst und unbewusst steuere und die ich erheblich beeinflussen kann.
Auf welcher Ebene ich gerade bin, Erkenntnis oder selbst kreierte Erfahrung, mit dieser Frage setzt sich auch Dr. Andreas Zeuch in seinem integral.bllog auseinander:
http://www.psychophysik.com/integral-blog/
Ein spannendes Lernfeld für die Esoterik- und Skeptiker-Szene, hätte sie die Bereitschaft und Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion.
Ob sich Geist, Bewusstsein, usw. usw. wissenschaftliche erschließen lässt, das ist eine spannende Frage. Wie ich diese Frage beantworte, das hängt nicht nur von “der Wissenschaft” ab … sondern auch von meinem (durch selbst kreierte Erfahrungen beeinflussten) “Wissenschaftsbild”. Und siehe da, auch hier kreiere ich wiederum meine eigenen Erfahrungen zum Teil selbst. Nicht im esoterischen (stark durch Allmachts-Phantasien geprägten) Sinne. Wahrscheinlich jedoch auch nicht wissenschaftlicher Beobachtung komplett verschlossen.
Prof. Harald Walach hat diesbezüglich den Ansatz …
MIT OCKHAMS RASIERMESSER PLATONS RETTUNGSBOOT REPARIEREN
http://www.psychophysik.com/html/re-0711_quantentheorie.html
… mit dem ich mich anfreunden kann.
Ich zitiere:
“Dennoch oder gerade deswegen lässt sich aus Ockhams Prinzip eine nützliche Folgerung ableiten, das „transpersonale Rasiermesser“ sozusagen:
Man geht mit theoretischen Konstrukten – „Geister”, „Energien”, „Engel”, „Dämonen”, „previous lives”, „transpersonaler Raum”, „absoluter Geist” – im transpersonalen Kontext am besten sparsam um.
Im Wissen darum, dass mit dem Gebrauch solcher Begriffe und Wörter eine Tendenz zur Substanzialisierung einhergeht, verwendet man sie am besten sparsam bis gar nicht. Damit ist gemeint, dass man den damit gemeinten Sachverhalten eine Art Eigenexistenz zuzubilligen geneigt ist, wenn sie erst einmal genannt ist, eine Art transpersonaler Rumpelstilzcheneffekt im umgekehrten Sinne.
Das heißt aber nun nicht, dass man die Erfahrung deswegen verleugnen muss. Letzteres ist ein Trugschluss, der von der konventionellen Wissenschaft häufig gemacht wird, indem sie Ockhams Rasiermesser radikal anwendet und sich gewissermaßen nicht nur rasiert, sondern dem entsprechenden Phänomen gleich den Hals abschneidet und es damit für irrelevant erklärt. (Anmerkung CF: Ich vermute, hier ist eine Ursache für Ihre Wissenschaftskritik.)
Nein, Ockhams Rasiermesser hat ein komplementäres Gegengewicht:
Platons Rettungsboot. Dieses von mir so titulierte Prinzip leitet sich aus dem platonischen Wort von der „Rettung der Phänomene” ab (Walach & Schmidt, 2002). Dieses methodische Prinzip stammt aus der platonisch-astronomischen Schule und meint, eine astronomische Theorie müsste die Himmelsphänomene erklären können und nicht umgekehrt, dass Phänomene einer Theorie untergeordnet werden. Methodisch bedeutet dies, dass der Rahmen der Welt nicht durch die uns bekannten und für uns nützlichen Theorien abgesteckt wird, sondern von den Phänomenen selbst.”
In diesem Sinne einen schönen Tag …
Claus Fritzsche
Lieber Herr Fritzsche,
Ihre zwei Ebenen (Erkenntnis/Erfahrung vs. Projektion) sind für mich eins. Ich kann nicht wahrnehmen, ohne zu projizieren. Ich erfahre mich und lerne, indem ich fortlaufend meine Projektionen erkenne und zurücknehme.
Wenn ich Sie richtig verstehe, haben Sie das Bestreben, möglichst viel mit Wissenschaft erklären bzw. fundieren zu wollen und finden das spannend?
Das, was mir wichtig war, wissenschaftlich zu erklären, habe ich in meiner Diss getan. Es war mir wichtig, einen Brückenschlag zu kreieren zwischen Heilungserfahrung in der Praxis und dem wissenschaftlichen Mainstream der Gesundheitspsychologie. Das, was ich täglich sehe und erlebe, ist aber völlig unabhängig davon, ob meine wissenschaftliche Gedankenführung irgendwo ankommt oder nicht.
Darüber hinaus – und für Nicht-Wissenschaftler sei transparent gemacht, dass man seeeeeeeeeeeeeeeeeeehr viel wissenschaftliche Literatur zur Kenntnis nehmen muss, bevor man seinen eigenen Senf dazu geben darf – verspüre ich kein Bedürfnis mehr, das was ich von Tag zu Tag weitend und vertiefend erfahre, in eine wissenschaftliche Form zu bringen. Das hat nichts mit etwaiger Kritik an Wissenschaft zu tun. Es entspricht mir einfach nicht mehr. Viel lieber bewege ich mich auf der Seins-Ebene, zunehmend auch im beruflichen Kontext.
Für die still Mitlesenden wäre mir wichtig zu betonen, dass sich Harald Walachs zitierter Rasiermesser-Text auf den wissenschaftlichen Kontext bezieht, er ist quasi eine Empfehlung für die forschende Transpersonale Psychologie (ein Randgebiet der Psychologie), um (vom Hauptstrom) ernst genommen und anschlussfähig zu werden. Ich finde es wichtig, dass es die Transpersonale Psychologie gibt.
Ein sparsamer Umgang mit Konstrukten war auch ein Anliegen meines wissenschaftlichen Arbeitens. So erkläre ich in meiner Diss beispielsweise Gesundheit und Krankheit allein durch Generalisierung quantentheoretischer Prinzipien und komme so ohne das spirituelle Spiegel-Prinzip aus. Das macht mein Gedankengebäude leichter anschlussfähig – in der Wissenschaft, aber nicht in der Praxis (weil dem Laien das zugehörige Fachwissen fehlt und der Text dann nur schwer verständlich ist).
In der Praxis ist das Spiegel-Prinzip leichter zu erklären, und vor allem geht es schneller, als den Erkenntisweg zu durchschreiten, der einem als Wissenschaftlerin vorgegeben ist. In meiner Diss schreibe ich weder von Feen, Engeln, Dämonen oder sonst was. Aber wer diesen Blog öfter liest, wird solche und andere “Gestalten” beispielsweise in meinen Gedichten finden. Mich blumig auszudrücken, bilderreich zu sprechen und auf kreativ-künstlerische Weise mit (meinen) menschlichen Erfahrungen zu spielen, macht mir Freude!
Der “leichtgläubige Esoteriker” braucht wegen mir keinen Kurs im wissenschaftlichen Denken zu durchlaufen. Das dahinter steckende Phänomen, nämlich aus Selbstunsicherheit heraus andere Personen und deren Äußerungen unkritisch zu idealisieren, reguliert sich weiteren Verlauf des Lebens oft von selbst, nämlich durch Reflexion von Erfahrung…
Herzliche Grüße
Simone Meller
Moin Frau Meller,
Sie schreiben:
“Wenn ich Sie richtig verstehe, haben Sie das Bestreben, möglichst viel mit Wissenschaft erklären bzw. fundieren zu wollen und finden das spannend?”
Nein, das ist nicht mein Anliegen.
Ihr Satz beschreibt, wie Sie mich (sich auf Ihre eigene Erfahrung verlassend) wahrnehmen.
Ihre Worte klingen in meinen Ohren so, als ob Sie sagen würden:
“Das Ziel von Maler Hams Mustermann ist es, möglichst viel unterschiedliche Farben auf eine Leinwand zu streichen.”
Bevor ich jetzt mit einem Monolog (an Ihnen vorbeiredend) antworte mache ich an dieser Stelle einmal einen Punkt. In einem Gespräch lassen sich solche Themen verbal und nonverbal viel einfacher und schneller erschließen. Und manchmal lassen sie sich auch nicht erschließen, was ebenso OK ist.
Danke, dass ich an Ihren Gedanken teilhaben durfte!
Alles Gute
Claus Fritzsche
Lieber Herr Fritzsche,
so, an diesem WE ist hier eine wunderbare Ruhe eingekehrt, und in dieser tauchte heute noch mal unsere facettenreiche “Kommentar-Unterhaltung” auf.
Sie schrieben, dass Sie sich von mir nicht richtig wahrgenommen (vielleicht sogar despektierlich beschrieben?) fühlen. Leider verraten Sie nicht, was denn nun Ihr eigentliches Anliegen ist
.
Ich würde gerne nachvollziehen, an welcher Stelle sich unsere Wahrnehmungen in unterschiedliche Richtungen bewegen, und greife deshalb Ihren Gedanken auf, mal miteinander zu sprechen. Haben Sie Lust auf ein Telefonat im Geiste Von der Bewertung zu Unterscheidung?
Ich würde einfach gern den Scheidepunkt unserer Wahrnehmungen aus Ihrer Sicht nachvollziehen können. Meine kennen Sie ja bereits
.
Mit herzlichen Grüßen
Simone Meller
Moin liebe Frau Meller,
Sie schreiben:
“Ich würde einfach gern den Scheidepunkt unserer Wahrnehmungen aus Ihrer Sicht nachvollziehen können. Meine kennen Sie ja bereits
.”
Es ist schon so, wie ich es formuliert habe:
Ich nehme Ihre Darstellung als “Ihre Wahrnehmung” wahr und teile sie nicht. Darüber hinaus empfinde ich einen digitalen Dialog (ob nun via Blog oder per E-Mail) als wenig fruchtbar, um Aspekte dieser Kategorie zu erörtern.
Mal ganz allgemein gesprochen:
Wenn ich ernsthaft wissen will, was einen Menschen bewegt, motiviert und antreibt, dann muss ich ihn persönlich kennenlernen und zu Wort kommen lassen.
Obwohl ich gerne, spontan und offen “ONLINE” ausdrücke, was mich bewegt, behagt mir der Gedanke nicht, Ihnen jetzt Rede und Antwort zu stehen, was mein “Bestreben” ist. Womöglich noch mit der Absicht, Ihre Wahrnehmung zu korrigieren … oder endlich sagen zu können, was ich immer schon mal sagen wollte.
Ich hatte den Weg in Ihr Blog gefunden, weil mir Ihr Beitrag “Pilzsuche im psycho-spirituellen (Esoterik-)Wald” sehr gut gefällt. Im Moment wächst in mir jedoch das Bedürfnis, nicht mehr “psychologisieren” und philosophieren zu wollen.
Schöne Woche!
Claus Fritzsche