Kategorie | schwungwerk.de

Kleine Rückfrage an kritische Naturwissenschaftler

Doppelnatur des Lichts“Ich bin Naturwissenschaftler”, bekomme ich in akademischen Kreisen häufig zu hören, wenn ich von meiner Arbeit erzähle und sich daraufhin das Gesicht meines Gegenübers verzieht.

“Aha. Naturwissenschaftler des 19. oder des 20. Jahrhunderts?” frage ich ab jetzt zurück. Denn in der Regel wird dieser Satz mit gleichzeitigem Stirnrunzeln von denen vorgebracht, die sich auf die Physik des 19. Jahrhunderts beziehen.

Ende des 19. Jahrhunderts sah die Physik innerhalb ihres cartesianischen Weltbilds die Newtonschen Bewegungsgesetze als grundlegend und endgültig an (nur die Entdeckung elektrischer und magnetischer Phänomene irritierte und führte zur Theorie der Elektrodynamik).

Anfang des 20. Jahrhunderts standen beide Theorien (die der Mechanik und der Elektrodynamik) unverbunden nebeneinander und riefen Einstein auf den Plan. Zum einen entwickelte er die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie, zum anderen führte er eine neue Betrachtungsweise für elektromagnetische Strahlung ein, die charakteristisch für die Quantentheorie werden sollte, zu deren Entwicklung über Jahre viele internationale Physiker beitrugen.

Die Quantenphysik des letzten Jahrhunderts sprengte das bisherige Weltbild, weil sie durch gut reproduzierbare Experimente die revolutionäre Entdecktung von Ganzheit machte. In der subatomaren Welt, also dem tiefsten Eindringen in die materielle Welt, zeigte sich, dass nicht die Eigenschaften und das Verhalten der Teile das Verhalten des Ganzen bestimmte, sondern dass es genau umgekehrt ist: In der Quantenphysik bestimmt das Ganze das Verhalten der Teile. Weil die Quantenphysik für Laien so schwer verständlich ist, zitiere ich gerne die emotionalen Reaktionen von zwei genialen und hochintelligenten Nobelpreisträgern:

Diese heftige Reaktion auf die jüngste Entwicklung der modernen Physik kann man nur verstehen, wenn man erkennt, dass hier die Fundamente der Physik und vielleicht der Naturwissenschaft überhaupt in Bewegung geraten waren und dass diese Bewegung ein Gefühl hervorgerufen hat, als würde der Boden, auf dem die Naturwissenschaft steht, uns unter den Füßen weggezogen (Heisenberg, 1973, zit. nach Capra, 2005, S. 51, Unterstreichung von mir)

Alle meine Versuche, die theoretischen Grundlagen der Physik dieser neuen Art von Wissen anzupassen, haben völlig versagt. Es war, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen würde, mit keinem festen Fundament irgendwo in Sicht, auf dem man hätte bauen können. (Einstein, 1949, zit. nach Capra, 2005, S. 51, Unterstreichung von mir)

Während sich die Physiker also erschüttern ließen und für ein neues Verständnis die Quantentheorie entwickelten, die als eine der best bewiesenen Theorien gilt, eifert man im Hauptstrom der Gesundheitswissenschaften der Physik des 19. Jahrhunderts nach.

Das ist nicht weiter überraschend, weil die Medizin wie die meisten anderen inexakten Wissenschaften in gewissem Sinne stets neidisch auf die Physik war. Sie hat sich immer gewünscht, die von der Physik demonstrierte Präzision ebenfalls zu verkörpern. (Dossey, 1986, S. 35)

Auch die akademische Psychologie hat sich stets am Ideal der klassischen Physik orientiert, wie nicht zuletzt die Einführung des “Dr. rer. nat.” als Alternative zum “Dr. phil.” zeigte.

In der Quantenphysik wurde mit neuem Bewusstsein der Paradigmenwechsel vollzogen, während dieses Wissen in viele andere Disziplinen – und unsere tägliche Kultur – noch nicht Einzug gehalten hat. Der österreichsiche Physiker Zeilinger weist darauf hin, dass in Österreich die Unkenntnis von Mozart als inakzeptabel gilt, während die wenigsten wissen, dass Erwin Schrödinger ein herausragender Physiker war, der mathematisch den Welle-Teilchen-Dualismus des Lichts beschrieb.

Wenn man sich gründlicher damit beschäftigt, kann man erkennen, dass an den Rändern von Wissenschaft und Gesellschaft quantenphysikalisches Wissen bzw. Neues Bewusstsein Einzug gehalten hat und sich von dort langsam ausbreitet. Allerdings immer nur soweit, wie es durch die gegegebenen Machtverhältnise im Mainstream zugelassen wird. Die Machtverhältnisse ändern sich, wenn sich immer mehr Menschen trauen (öffentlich) zu sagen, was sie wirklich denken und erleben. Wenn sie ihre Angst vor (öffentlicher) Ausgrenzung und Demütigung überwinden. Beides beschreibe ich u.a. ausführlich in meiner Dissertation: Den Paradigmenwechsel der modernen Physik und die auf Schamdynamik beruhende Ausgrenzungskultur am Beispiel des Nationalsozialismus, die unsere Gesellschaft noch nicht vollständig überwunden hat (s. neue Leseproben).

Simone Meller

Verwandte Beiträge:

Comments are closed.

Welle