Vor gut zwei Jahren bin ich spontan Mitglied im Förderverein des Kinderhospiz “Sternenbrücke” geworden und erhalte seitdem ca. drei mal im Jahr Post, die mit Bildern und liebevollen Texten über die Arbeit informiert. Darüber hinaus stoße ich immer mal wieder auf dieses Kinderhospiz, in den Medien oder persönlich bei beruflichen Veranstaltungen. Doch zurück zum Infobrief, der gerade die Tage wieder in meinem Postkasten lag. Ich möchte nicht behaupten, dass ich ihn mit spitzen Fingern anfasse, aber in gewisser Weise steht er mir jedesmal ein bisschen bevor. Denn immer, wenn ich mich näher mit diesem Hospiz beschäftige, fließen die Tränen
Es ist kein unangenehmes Mitschwingen, ich werde nur mitten im Alltag gefordert, diese Schmerzen des Loslassens zu spüren. Denn Sterben ist das größte Loslassen überhaupt, es ist das Loslassen des menschlichen Lebens, es ist ein Sich-bereit-machen für den Übergang. Diese Energie hängt gepaart mit der Verzweiflung der Eltern zwischen den Zeilen. Ich fühle, dass alle, die mit diesem Hamburger Hospiz in Berührung stehen, und sei es noch so zart, an einer gemeinsamen Transformation teilhaben. Niedrig schwingende Energie von Trennung, Schmerz und Ohnmacht wird transformiert in eine höher schwingende Energie von Verbindung und bedingungsloser Liebe. Könnte es dafür ein schöneres Bild geben, als dass der Sternenbrücke, über die diese Kinder uns eines Tages voraus gehen?
In diesem Hospiz wird wunderbare Arbeit geleistet. Vor allem wird wegen der besonderen Herausforderung dieser Arbeit ganz anders vorgegangen als in vielen anderen Einrichtungen unserer Gesundheits- und Sozialsystems. Zum Beispiel ist der Personalschlüssel größer, und es wird flexibel auf die Bedürfnisse der Familien eingegangen – dort steht wirklich der Mensch im Mittelpunkt. Das Haus ist wundervoll behaglich eingerichtet. Es gibt einen Abschiedsraum mit einem gekühlten Bett, in den sich die Familie so lange zurückziehen kann, bis sie bereit ist, sich vom Körper des Kindes zu lösen… Der Kindersarg wird gemeinsam mit bunten Farben und Lieblingsmotiven des Kindes bemalt. Im Garten der Erinnerung wird ein Lichtlein entzündet und vieles, vieles mehr. Wenn man ein Praxiskonzept als ganzheitlich bezeichnen kann, dann wohl dieses.
Lese ich davon oder spreche ich mit jemanden von dort, ist eine unendliche Liebe spürbar, die mich zutiefst berührt. Es ist eine haltende und eine tatkräftige Liebe, die ich fühle. Es ist eine Liebe, die unserer Gesellschaft auch außerhalb des Hospizes gut tun würde. Die Strahlkraft dieser Kinder, die ohne Anhaftung zwischen Kummer, Fröhlichkeit und Weisheit schwingen, verändert den, der sich achtsam einlässt. Ich spreche gerne davon, das Sterben ins Leben zu holen. Machen wir uns die Endlichkeit unseres Lebens jeden Tag bewusst, so verändert das in Leichtigkeit die eigenen Prioritätensetzung. Wenn wir abschiedlich leben, dann leben wir entschiedener das Leben, das wahrhaftig unserem Herzen entspricht.
Simone Meller Foto: Abschiedsraum, Kinderhospiz Sternenbrücke
