Kategorie | Lyrik

Der Eule sanfter Ruf

Wildleben & Tiere

Immer wenn die weiße Eule kommt, dann wird mir bang.
Sie will nur gütig mich hinauf, hinaus begleiten
mit ihrem Blick, der alles kommen sieht beizeiten.
Obwohl nur Segen sie zu mir gebracht, bin ich noch bang.

Denn so wie Ihre Schwingen weit
muss ich dann sein bereit
Ich laufe fort durch meinen Wald und ohne Rast
die weise Eule folgt mir lächelnd still von Ast zu Ast.

Wenn der Eule sanfter Ruf erreicht mein Ohr
dann weiß ich wohl: Einweihung steht bevor.
Der Blick der Eule, er durchtrennt die Nacht
der hebt den großen Schleier, nicht nur sacht!
Dann bebt die Welt in ihren Fugen
und sie zerfällt – zu Sternenstaub!

Schmerz und Trost zugleich,
das ist der Eule Himmelreich.
Menschenherz, das krampft und spannt,
warum nur bin ich weggerannt?
Danach ist nichts mehr wie es war
und eine andre Kraft als vorher da.

Zu zersplittern die Seelen, die unendlich vielen,
welch riesiger Akt! Welch Mut so freudig zu spielen!
Es knallt, es zischt und es wird still
weil meine Seele es so will.

Und aus dem Staube steiget leise
eine kleine, zarte, neue Weise.
Geschlüpft aus einem einzigen goldenen Ei
in dem Licht und Dunkel auf ewig geborgen sei.

Wenn die Eule dich ruft, dann lade dich ein
eine lange Nacht mit ihr beisammen zu sein.
Sie bringt dir dein größtes Geschenk, für dich allein:
du durftest mit ihr hinter dem großen Vorhang sein.

Simone Meller

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