Wovon der Freitod (nicht) befreit

Freiheit

“Im Rahmen einer Fernsehdiskussion sagte vor längerer Zeit ein Seelsorger — ich erinnere leider weder seinen Namen noch den Zeitpunkt der Ausstrahlung — dass der Wunsch nach Sterbehilfe im Grunde der Wunsch nach einem menschenwürdigen Leben bis zum Tode ist. Schwerkranke und sterbende Menschen haben Sorge, für andere eine Belastung zu sein und nicht in aufrichtig liebevoller Annahme bis zu ihrem Tode bestmöglich gepflegt und als ganzer Mensch begleitet zu werden. Mit anderen Worten: Sie haben Angst, sie selbst zu sein und lehnen mit ihrer Krankheit zugleich sich selbst ab.” Mehr dazu lesen

Mit diesem Absatz aus meiner Dissertation Salutogenese durch Selbstverwirklichung hat mich auch die zweite Leseprobe mühelos gefunden. Den Anstoß verdanke ich Matthias Kreis, der in seinem Blog Die Welt wandelt sich das heikle Thema der Sterbehilfe anspricht. Er zitiert aus einem Artikel den an Alzheimer erkrankten Schriftsteller Terry Pratchett, der Angst vor dem “unangenehmen” Endstadium habe und die Hoffnung hege, dass er springen könne, bevor er gestoßen werde. Matthias hebt die im Artikel vogenommene Unterscheidung zwischen “Selbstmord” (Verzweiflung/Angst) und “freiem Sterben” (freie Entscheidung) als positiv hervor.

Die Aussage des Seelsorgers, dass der Wunsch nach Sterbehilfe im Grunde ein Wunsch nach einem menschenwürdigen Leben bis zum Tode ist, hat sich tief in mir eingebrannt, so wahr und zu selten öffentlich ausgesprochen erscheint sie mir. Insofern hege ich starke Zweifel, ob ein durch Krankheit motivierter Freitod tatsächlich frei von Angst und Verzweiflung ist. Ich fühle vielmehr, dass bei vielen Freitoden das Gegenteil der Fall ist:

“Wie soll ein Erwachsener, der als Kind dafür bestraft wurde, wenn er seiner Mutter Ärger machte, sich von einem überlasteten Pfleger die Windeln wechseln lassen? Wie kann jemand, der stets um Kontrolle bemüht war, in den Armen eines anderen hilflos vor Todesangst weinen?”

In einem Artikel, den ich ebenfalls in meiner Diss zitiere, beschreibt Dr. Thomas Bock (einer der Begründer des Trialogs) sinngemäß, dass manchen Verfechtern der Sterbehilfe eine Demut vor Leben, Krankheit und Tod fehlt:

“Gesundheit herzustellen bzw. sie zu erhalten, ist ein Erfolgserlebnis. Krankheiten zu begleiten, aushaltbar zu gestalten, ist ermüdend und auch im eigenen Selbstwertgefühl leicht kränkend. Eine fatale Verdeutlichung erfährt dieses Wertesystem in der aktuellen Diskussion um die Sterbehilfe und im Zusammenhang mit den verschiedenen Krankenhausmorden. Wenn schon nicht die Gesundheit, dann soll das Sterben machbar werden. (…) Die Befürworter der Sterbehilfe argumentieren mit einer pervertierten Medizin, die das Leben nur technisch verlängert. Doch setzen sie eben dieses Denken fort und führen es erst recht ins Absurde, wenn nun auch das Sterben technisch machbar, jederzeit abrufbar, selbständig planbar sein soll.”

Ein schweres Thema.

Suizid ist ein Notausgang im Menschenspiel auf Erden. Allein die potenzielle Möglichkeit, dem eigenen Leben jederzeit ein Ende setzen zu können, macht frei und schenkt in mancher Situation neuen Mut.

Als Psychotherapeutin habe ich mich ethisch verpflichtet, Leben zu retten. Ich unterhalte mich mit lebensmüden Menschen. Ich begleite sie durch ihre Lebensüberdrussgedanken und ihre Suizidphantasien. Ich unterstütze sie, sich DAS Leben zu NEHMEN, das ihnen so sehr entspricht, dass der Notausgang uninteressant wird.

Eine entscheidende Inspiration über den Suizid erfuhr ich, als ich im Zuge einer Karmaauflösung plötzlich einen Suizid aus einer anderen (!) Inkarnation zu transformieren hatte. Dieses heftige energetische Erlebnis zeigte mir, dass das Abbrechen einer Inkarnation zwar eine kurzfristige Erlösung aus einer zugespitzten irdischen Situation darstellt, unsere Seele aber langfristig die abgebrochenen Entwicklungsaufgaben nachholen WILL. Sie wiederholt ihre Wahl und sucht neue Ausdrücke dafür, vielleicht vor einer historisch anderen Kulisse oder verteilt auf viele (Mini-)Inkarnationen. Ich trage mich schon länger mit der Idee einer Veröffentlichung dazu, bislang fehlt mir noch der Rahmen. Schweres Thema :-)

Simone Meller
Foto: Marco Barnebeck, Pixelio

Verwandte Beiträge:

4 Kommentare zu “Wovon der Freitod (nicht) befreit”

  1. Anonymous 19 August 2009 um 17:02 #

    Das Eindruckvollste und Bewegendste das mir je zum Thema Freitod bzw. Selbstmord begegnet ist, ist folgendes von Konstantin Wecker<.

    "Ich fand einen Zettel unter meinen Papieren. Auf dem stand geschrieben: HEUTE NEHME ICH MIR DAS LEBEN; UM ES NIE WIEDER ZU VERLIEREN:"

    Möge es vielen helfen, so wie es mir hilfreich war.

    Liebe Grüße
    LISA

  2. Dr. Simone Meller 20 August 2009 um 11:45 #

    Danke für dieses schöne Zitat, Lisa! Ich wünsche Ihnen weiterhin wachsende Freude!

    Herzliche Grüße,

    Simone Meller

  3. manuel 2 März 2010 um 00:00 #

    guten tag frau meller,
    wie meinen sie das in dem letzen abschnitt genau mit karmaauflösung und suizid aus einer früheren inkarnation.
    war das ein eindeutiges und klares erlebnis, das nichts anderes gewesen sein kann. sind sie sicher das ein selbstmord keine erlösung verspricht und das es dann weiter geht und man probleme mitnimmt und es einem danach schlechter geht als vorher? #
    mein leben ist seit jahren von depressionen, sinnlosigkeit, einsamkeit, perspektivlosigkeit und lebensunlust geprägt. ich überlege mir bald das leben zunehmen… und suche gerade informationen die absolut dagegen sprechen..
    vielen dank für ihre antwort
    freundliche grüsse
    manuel

  4. Dr. Simone Meller 2 März 2010 um 19:54 #

    Lieber Manuel,

    danke für Ihre Aufforderung, meine Gedanken zu Ende zu führen. Vielleicht ist das, was jetzt und hier in diesem Austausch geschieht, die damals angedachte, aber bislang noch nicht umgesetzte Veröffentlichung. Auf eine konkrete Frage zu antworten fällt mir bei diesem uferlosen Thema leichter, sie steckt einen Rahmen ab.

    Ich erzähle also von meiner subjektiven Erfahrung. Ja, es war ein eindeutiges und klares Erlebnis. Von der Qualität her vergleichbar mit Flashbacks und Intrusionen schwer traumatisierter Menschen. Es war, als ob ich es noch mal erleben würde (allerdings gerafft über einen Zeitraum von mehreren Tagen.) Ich erinnerte eine dichte Abfolge dramatischer Ereignisse im Alten Ägypten, die “mich” (also das Leben als Tara, das meine Seele damals führte) heillos überforderten. Ich war völlig am Ende, gebrochen im Lebenswillen, ein Häufchen Elend im Wüstensand. Ich hatte keine authentische spirituelle Anbindung und beschloss zu sterben. Ich nahm Schlangengift und starb weinend in der nächtlichen Wüste. So weit die Ulta-Kurzfassung einer Tragödie, wie sie nur das Leben schreiben kann :-) .

    Aus heutiger Sicht der Simone Meller weiß ich, dass ich damals den Notausgang genommen hatte. Ich hatte mich im Menschenspiel verirrt und nicht mehr den Heimweg “nach oben” gefunden. Letzteres hätte mir das Überleben auf der Erde ermöglicht.

    Taras Leid verschwand scheinbar mit dem Sterben des Körpers, und es hagelte auch keine Strafe “im Himmel” oder die “Androhung von schlimmen Karma” für das nächste Leben. Aber nach einer “Erholungs- und Bedenkzeit” (es ist wirklich nicht leicht, die angemessenen Worte zu finden) wollte meine Seele die abgebrochene Lektion nachholen. Sie wollte die Erfahrung machen, wie es ist, sehr Schlimmes zu erleben und zu überleben. Sie wollte die Erfahrung machen, zu vergeben. Also heckte sie Pläne für weitere Inkarnationen aus, auch für meine jetzige. Ich schreibe “sie”, um es leichter verständlich zu machen, aber genauso wäre es auch richtig zu sagen: ICH baute neue Seelenpläne. Das ist keine Determination, sondern – grob vereinfacht ausgedrückt – eine Art Wunschliste: “Das will ich erfahren und wehe jemand bringt mich davon ab!”

    Ich habe im Zuge dieser Karmaauflösung in einer neu strukturierenden Weise sehr viel über meine wirklich nicht leichte Biografie in diesem Leben verstanden. Das war total inspirierend! Ein Aha nach dem anderen. Bestimmte Energieblockaden und Ängste lösten sich komplett auf!

    Ich habe sehr viel Erfahrung mit Karmauflösung. Es geschieht Transformation und Befreiung, aber nie war es so heftig, wie ich es bei dieser Ägypten-Tragödie erlebt habe. Ich verstehe es derzeit so, dass die abgebrochene menschliche Erfahrung seelisch gespeichert, aber menschlich noch “unerlöst verklumpt” war. Sie konnte offensichtlich nicht “im Himmel” aufgehoben werden, sondern es bedurfte des menschlichen Resonanzkörpers, um transformiert zu werden. Die Seele WOLLTE lernen, mit diesem unerträglichen Schmerz zu ÜBERLEBEN. Ich habe mich in dieser Zeit konstant auf das Licht fokussiert, auch wenn ich völlig von Dunkelheit umhüllt war.

    Das Geschenk kam in Form einer Offenbarung: Ich ERFUHR, was ich zuvor nur begriffen hatte: Das Licht schafft die Finsternis, um sich zu erfahren. Die Finsternis ist eine täuschend echte Illusion. In der tiefsten Dunkelheit finde ich das Licht wieder, wenn ich innerlich darauf fokussiert bleibe.

    Seit dem ist nichts mehr wie es war. Seitdem weiß ich: Mir kann nichts mehr passieren. Es ist mehr als eine Immunisierung. Es war eine Einweihung, ein großer Blick hinter den Schleier unseres Menschenspiels.

    Eine total rührende und in 15 Minuten zu lesende Einordnung des hier Geschilderten gibt Neale Donald Walsch in dem Kinderbuch “Ich bin das Licht!”.

    So weit mein Erfahrungsbericht. Ich hoffe, er war verständlich und erhellt ein bisschen Sinn und Hintergrund dessen, worin wir Menschen uns manchmal verstricken.

    Ich bin sicher, dass es auch für Sie, lieber Manuel, einen Ausweg gibt, der mehr Freude in DIESE Inkarnation bringt. Wohl aber denke ich oft: Was sind wir für mutige Seelen, was packen wir uns alles in den Rucksack! Ich kenne einige Menschen, die das im Nachhinein bei ihrer Seele reklamiert haben ;-) .

    Manchmal überfordern wir uns, aber mit Hilfe lieber Menschen können wir wachsen und das Schlimme als Herausforderung meistern. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich professionelle Hilfe suchen, die Ihnen bei der Überfahrt über das dunkle Meer warmherzig und klar zur Seite steht!

    Zusätzlich können Sie, und das ist kein leerer Spruch, Ihre Seele um Hilfe bitten, Sie aus Ihrer düsteren Lebenssituation hinaus zu führen. Es kommt IMMER Antwort, wichtig ist nur, dass wir uns dafür öffnen, unsere inneren Antennen auf Empfang stellen.

    Noch etwas möchte ich in die Waagschale für DIESES Leben werfen: Wir erleben gerade eine Zeit, in der es mit entsprechender innerer Ausrichtung viel leichter und schneller als früher möglich ist, große Veränderungen zu erreichen. Wir werden getragen von der Neuen Energie, die beständig weiter auf die Erde einströmt. Ich erlebe immer öfter, dass meine Patientinnen und Patienten in viel kürzerer Zeit eine Entwicklung nehmen, als ich damals gebraucht habe.

    Aus Sicht der Seele, die nicht so im Irdischen verhaftet ist, wie unser menschliches Selbst, erleben wir gerade eine super spannende Zeit. Innerhalb kurzer Zeit können so viele unterschiedliche Erfahrungen gesammelt werden! Und nur deshalb sind wir hier, um uns selbst zu erfahren. Am Urpunkt, der Quelle unseres Seins ist es ganz ruhig. Dort ist ALLES und NICHTS. Das ist wunderschön, aber manchmal auch langweilig… Wenn ich dort einkehre, erlebe ich nach einer Weile immer den starken Willen, wieder zurück in dieses herrlich bunte Leben zu rauschen.

    Danke für Ihre Frage, lieber Manuel. Jetzt habe ich endlich aufgeschrieben, was ich schon sehr lange in Worte fassen wollte.

    Licht und Segen
    auf Ihren Wegen!

    Befreiung von Schmerzen
    wünscht von ganzem Herzen

    Simone Meller/Tara/…diverse…/Seele/Geist/Sein :-)

Trackbacks/Pingbacks


Kommentar schreiben

:lol: ;-) :cry: :mrgreen: :oops: more »

Das Foto bei Kommentaren heißt Gravatar
Du verknüpfst bei Gravatar deine Email-Adresse mit einem Foto. Beim Eingeben dieser Adresse im Kommentarformular (wird nicht veröffentlicht), wird über die Verbindung von Blogs zu Gravatar dein Foto angezeigt.

Anzeige

Das Abo von schwungwerk.de

Mit dem Abo bist du immer auf dem aktuellen Stand. Hinterlasse deine Email-Adresse, um automatisch benachrichtigt zu werden, sobald neue Beiträge online sind. Du kannst dich jederzeit wieder abmelden.

Tagestexte finden

August 2009
M D M D F S S
« Jul   Sep »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  

Archive

Salutogenese

Mein Buch probelesen und für 34,90 € portofrei direkt beim Verlag bestellen (auf Bild klicken):