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Michael Jackson: Kampf von Licht und Schatten

SchattenarbeitMichael Jackson ist ein prominentes Beispiel dafür, dass spirituelle Praxis nur dann Heilmittel ist, wenn sie auch zur auflösenden Begegnung mit den eigenen Schatten genutzt wird.

Deepak Chopra, ein Arzt und spiritueller Lehrer (USA), der Jackson in Meditation unterrichtete und sich mit ihm befreundete, würdigt in seinem Nachruf (deutsche Übersetzung in der August-Ausgabe des KGS) Jacksons Potenzial und spirituelle Sehnsucht, spricht aber auch deutlich dessen Probleme an. Chopra räumt ein, dass diese “durch einen fehlgeleitetenden Lebensstil” verschlimmert wurden und Jackson aus Angst vor dem Erwachsenwerden Zuflucht in eine rosarote Phantasiewelt suchte:

Auch wenn er [Jackson] oft ehrlich zugab, dass er Probleme hatte, wich er am Ende eines Gesprächs immer verdrängend aus.

Man kann Jahre auf dem Meditationskissen verbringen oder Tausende von Rosenkränzen beten, ohne sich den eigenen Schatten zu stellen. Menschen können regelrechtes “Eso-Shopping” betreiben (hier ein Kurs, da ein neues Channeling, dort ein Heiler etc.) und in den schönsten Worten über ihre spirituellen Erfahrungen reden, ohne tatsächlich in ihrer Tiefe zu heilen. Heilung geschieht, wenn wir ungeliebte, in den Keller verbannte Anteile von uns ins Licht holen, in Liebe annehmen. Dann können wir weiterschreiten, in mehr Fülle und Freude hinein. Die Begegnung mit dem Schatten ist im ersten Moment unangenehm (“Oh, auch so bin ich… Au weia!”) und wird deshalb gerne vermieden. Konfrontation mit dem Schatten geschieht u.a. in gelingender Psychotherapie (vor allem in der von C. G. Jung geprägten, der auch als Vordenker der transpersonalen Psychotherapie gilt).

Eine Polarisierung “Was heilt — Psychotherapie oder Spiritualität?” halte ich für unangemessen. So wie man Realitätsflucht in die schillernde Welt des esoterischen Kommerz betreiben kann, kann man sich auch auf der Couch bei der Analyse der Schnullerfarbe verfransen. Was letztlich heilt, ist die Liebe. Und zwar die, die man in sich selbst findet. Diese Aussage ist so banal, dass sie im gesellschaftlichen Mainstream kaum ernst genommen wird. Diese Aussage steht auch dermaßen im diametralen Gegensatz zur allgemeinen Angstmache in Politik, Wirtschaft, Gesundheit etc., dass sie für verängstigte Menschen (Angst ist das Gegenteil von Liebe) nur schwer verständlich ist.

Oftmals wird in den klassischen und komplementären Heilkunde, den verschiedenen spirituellen Traditionen und dem esoterischen Markt ein unglaublicher Hype um den Weg der Heilung oder des Erwachens gemacht. Komplizierte Theoriegebäude, die dem Verstand eine Menge zu tun geben, lenken davon ab, dass Heilung mit Ganzwerdung zu tun hat. Nämlich sich ganz zu lieben, und nicht nur die vordergründig strahlenden Anteile seiner selbst. Sich da lieben zu lernen, wo Eltern, Lehrer, Kirche und viele andere Personen und Institutionen einen einst missachteten.

Michael Jackson ist diesen Weg nicht gegangen. Seine Sehnsucht nach Liebe blieb unerlöst und führte u.a. zum Missbrauch von Kindern, der in der Reportage des Journalisten Jacques Peretti (der sich als Fan auf die Spuren von Jackson begab) belegt wird. Für mich ist dabei unerheblich, ob es auch zu sexuellen Handlungen kam. Das gesellschaftliche Massenbewusstsein ist beim Begriff Missbrauch einseitig auf sexuelle Praktiken fixiert. Schwerer zu greifen ist der seelisch-emotionale Missbrauch, also das subtile Benutzen von Kindern für die Erfüllung der eigenen narzisstischen Bedürfnisse. Kinder bezahlen dafür einen hohen Preis, der sich in psychischen und körperlichen Symptomen niederschlägt. Wer als Erwachsener diese Wunden nicht heilt, läuft Gefahr, in asymmetrischen Beziehungen (Eltern/Kind, Arzt/Patient, Therapeut/Patient, Lebensberater/Klient etc.) selbst narzisstischen Missbrauch zu betreiben.

Michael Jackson ist ein prominentes Beispiel für das, was kleiner und unauffälliger Tag für Tag in den Kinderzimmern unserer Welt geschieht. Wahre Stars sind für mich jene Menschen, die aus ihrer Trance erwachen, die beginnen, sich mit ihren schmerzlichen Opfer- und Täteranteilen in erlösender Weise auseinanderzusetzen. (In meine psychotherapeutische Praxis kommen also nur Helden!)

Chopras Nachruf ist loyaler als meine Rede hier:

Wer weiß, ob es uns gelingen wird, ihn [Jackson] nach so vielen Jahren der Medienverfälschung zu retten.

Und er endet mit den Worten:

Sobald der Schock sich gelegt hat und tausend öffentliche Stimmen von Michaels großartigem, freudigem, umkämpften, rätselhaften und bizarrem Leben schreiben, ist es meine Hoffnung, dass ‘freudig’ das Wort ist, das aus der Asche entsteht und so erstrahlt, wie er es einst tat.

Ich teile diese Hoffnung nicht. Denn das, was Chopra hier als Hoffnung bezeichnet, ist der Wunsch nach Idealisierung. Kollektive Idealisierung aber bedeutet immer auch Verdrängung dessen, woran große Teile der Gesellschaft noch kranken, in diesem Fall: der erlösenden Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten. Sie lohnt sich so sehr, denn dahinter, ja dort wartet das freudige Kind!

Das freudige Kind schimmerte zwar durch Michael Jacksons Leben, aber es wurde weder befreit noch durfte es die Führung übernehmen.

Für mich ist Michael Jackson kein Idol, sondern ein Mahnmal — für die Folgen von (kollektiver) Verdrängung.

Text: Simone Meller
Foto: Angelina Ströbel, Pixelio
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