Ich möchte an einem kleinen, persönlichen Beispiel die Teamarbeit von Kopf (Verstand), Herz (Intuition) und Bauch (Emotion) veranschaulichen. Oft werden diese drei Qualitäten nämlich miteinander verwechselt, oder es kommt zu Polarisierungen zwischen verstandes- und gefühlsbetonten Menschen. Das Finden der Mitte fällt uns schwerer als das vereinfachende Schwarz-Weiß-Denken. Gemeint ist weniger eine geometrisch verstandene Mitte als vielmehr persönliche und situative Stimmigkeit. Den Schlüssel zu dieser Stimmigkeit liefert uns das Herz.
Auf dem Heimweg eilen meine Gedanken voraus: Was gibt es zum Abendbrot? Trotz gutem Angebot befriedigt die Aussicht nicht. Während mein Verstand die Alternativen im Kühlschrank analysiert, spüre ich innerlich ein Zupfen an meinem Rock. Ein leises Stimmchen flüstert mir “Miracoli” ins Ohr. Es ist mein inneres Kind, die kleine Simone, die soooo gerne endlich mal wieder Miracoli essen würde (Bauchgefühl). Das — so wägt der verständige erwachsene Anteil in mir ab — passt nun überhaupt nicht in mein Ernährungskonzept (biologisch, vollwertig, basen-betont etc.) und ließe sich bestimmt auf alternativem Wege besser realisieren (z.B. Dinkelvollkorn-Spaghetti mit selbst gemachter Tomatensauce).
“Miraaaaacoliiiiii”, tönt es nun etwas lauter und kecker. Meine Intuition sagt mir, dass es wichtig sei, darauf zu hören. Es sei wichtig, die Idee in ihrer reinen Form (Fertigprodukt Miracoli) umzusetzen und nicht in der höherwertigen Variante (Dinkelvollkorn-Spaghetti). “O.k., es gibt Miracoli”, entscheide ich. Während das kleine Mädchen freudig neben mir herhüpft und “Miracoli” trällert, beurteilt mein Verstand die näheren Einkaufsmöglichkeiten, prognostiziert aufgrund bisheriger Erfahrungen die Parameter “Schlangestehen”, “Vorrätigkeit”, “Atmosphäre” etc. und schlägt schließlich einen mittelgroßen Supermarkt vor.
Die kleine Simone meldet sich erneut zu Wort: “Ich will zu Hause SOFORT Miracoli essen, nicht noch warten.” Nach Beratung durch meine Intuition verspreche ich dem Mädchen, dass wir auf niemanden warten und nicht erst noch irgendwelche wichtigen Arbeiten erledigen werden. Wir betreten den Supermarkt. Ich habe überhaupt keine Lust, zu suchen, wo hier die Miracoli versteckt werden. Ich bin müde, hungrig und will nach Hause (Bauch). Der Verstand schlägt vor, die Regal-Reihen nacheinander abzugehen oder eine Verkäuferin zu suchen. Zu umständlich. Ich frage meine Intuition und sie leitet mich schnurstracks ohne Umwege direkt vor eine Verkaufspräsentation für Miracoli.
Wieder auf dem Heimweg läuft mir bereits das Wasser im Mund zusammen. Schmunzelnd erinnere ich mich an mein Versprechen, als mir einfällt, was noch alles voher zu erledigen wäre. Die “Packungsbeilage” ergibt, dass Miracoli hinsichtlich unnötiger Zusatzstoffe sogar relativ (!) rein ist. Beim Zubereiten der Sauce steigt mir dieser herrlich würzig, ausgewogene Duft in die Nase, der mir als Kind eine willkommene Abwechslung zum elterlichen Speiseplan war und, wie ich heute weiß, meinem Konstitutionstyp auch mehr entsprach als die grobe, deftige Hausmannskost. Trauer überkommt mich — und Dankbarkeit, dass ich mich heute anspruchsvoll und mit Genuss ernähren darf.
Während ich die Spaghetti umrühre und mein weißes T-Shirt mit Tomatensauce bespritze, steigen konkrete Szenen in mir auf. Vor allem erinnere ich mich an Streit mit meiner Schwester und Angst, nicht satt zu werden, wenn wir uns als Kinder eine Miracoli-Packung teilten, die angeblich für zwei bis drei Personen reichen sollte. Mitfühlend blicke ich auf familiäre Reinszenierungen von Knappheit vor dem Hintergrund unverarbeiteter Kriegs- und Flüchtlingstraumata… spüre Wellen von Schmerz, von Zorn, von Trauer aufsteigen. Lasse mich berühren von der Miracoli-Geschichte, die mir mein inneres Kind in diesem Moment erzählt. Sie ist ein Mosaiksteinchen in einem größeren, längst vertrauten Bild. Sie wirbelt kleine Reste alter Energie auf, die an diesen Abend mit den Miracoli transformiert werden dürfen. Ich höre zu, lasse zu und lasse los. Die Spaghetti sind fertig.
Andächtig esse ich Miracoli, bis ich satt bin. Ich nehme den Sättigungspunkt wahr (die Intuition sagt, es sei genug) und schiebe über diesen Punkt hinaus weiter diese dampfenden, würzigen Miracoli in mich hinein (Bauch). Die Intuition rät dazu, wenigstens achtsam wahrzunehmen, was innerlich geschieht. Ich fühle den unerträglichen Hungerschmerz des Flüchtlings, seine Gier, wenn er endlich zu essen findet und wieder seine Schmerzen, wenn er es übertreibt, aus Angst, morgen nicht mehr genug zu haben. Ich fühle den Gegenpol des schwer übergewichtigen Erwachsenen, der seinen Sättigungspunkt schon lange nicht mehr spürt und seiner un-erhörten Angst mit Unmengen von Essen das Maul zu stopfen versucht.
Wieder befreit mich die Dankbarkeit. Ich bin dankbar, meine Mitte, meine Stimmigkeit leben zu dürfen. Ich kann so viel Miracoli essen, wie ich will. Ich darf feststellen, dass ich satt bin. Ich kann wahrnehmen, dass mir Miracoli in meinem heutigen Leben nur noch begrenzt schmecken. Zum Nachtisch gibt es bittere Schokolade in Bioqualität mit knusprig-scharfem Chili. Mit der Schokolade schmelzen die energetischen Miracoli-Reste — gesehen, gesegnet und befreit.
Mir ist an jenem Abend noch einiges andere bewusst geworden, und ich staunte über die Bedeutung von Miracoli in meiner Biographie. Ohne das Zusammenspiel von Kopf, Herz und Bauch wäre mein Heißhunger auf Miracoli unterdrückt worden, all diese Mosaikteilchen verborgen geblieben. Ein Beispiel für das Gesetz des Impulses im Rahmen der kosmischen Spielregeln. Und das Beispiel zeigt, dass es unser Herz ist, in dem widerstreitende Impulse aus Kopf und Bauch auf sinnvolle Weise zusammengeführt und verbunden werden. Deshalb freue ich mich auch so, wenn ich immer öfter beobachte, dass das Herz auf dem Vormarsch ist. Es führt uns Schritt für Schritt in eine Neue Energie.

